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Der Israelit · 1892-07-07 · Heft 54 (7.7.1892) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 54 (7.7.1892)
Date
1892-07-07
Page
– (sequence 23)
Language
German
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999 er eifrig ein Sammtfauteuille herbei, in das sich die Erzherzogin warf. „Aber so schmerzlich es mir auch fällt den ersten Moment des Wiedersehens durch Vorwürfe zu trüben, kann ich als höchst Dero ergebenster, väterlicher Freund höchst Ihnen dieselben nicht ersparen! .... kaiserliche Hoheit! Was sind das wieder für Streiche?! Ich bitte unterthänigst gnädigst bedenken zu wollen, daß höchst Sie nicht mehr das kleine turbulente Prinzeßchen sind, das allerhöchst Dero in Gott ruhender Herr Vater Kaiser Josef, seine wilde Hummel nannte, und welche ohne jede Rücksicht die tollsten Possen, die ihr geradezu durch das Köpfchen wirbelten, sofort ausführte, I'ernpora mutantur et nos in illis.3) — Als ich zu Lebzeiten allerhöchst Dero Herrn Vaters, einen Flügel des kaiserlichen Schlaffes bewohnte, da kamen höchst Sie, trotz strengen Verbotes allerhöchst Ihres Papas, oft auf den Fußspitzen in mein Arbeitszimmer geschlichen, erkletterten rücklings den Lehnsessel, in welchem ich schreibend oder meditirend saß, überfielen mich meuchlings, drückten mir mit ihren winzigen, weichen Händchen die Augen zu und riefen mit Ihrem zarten Stlberstimmchen: „Onkerl rath mal wer das ist? und gaben mich nicht eher frei, als bis ich mich durch ein Versprechen, höchst Ihnen einen Kanarienvogel, einen Ponny oder eine große Puppe zu schenken, loskaufte; aber was an einem vier, fünfjährigen Kinde neckisch, possirlich erscheint, ist einer erlauchten, erwachsenen Dame nicht gestattet; höchst Sie dürfen nicht verschleiert herumfahren und Besuche machen, de dernande tres humblement mille fois pardon — mais ga ne vas pas, vraiment!“4) Wenn der Prinz sich im Gespräch erwärmte, bediente er sich unwillkürlich des Französischen, das ihm, trotzdem er des Deutschen vollkommen mächtig, doch geläufiger als dieses war. Die Erzherzogin erhob sich, stemmte resolut die Arme in die Hüfte und rief, während ein zauberisches Lächeln ihre Lippen umspielte, im reinsten Wiener Dialekt. „Pfui Teixel, Prinz! — S o empfangen S'mt? Dös is aber nit a Bisserl galant! .... Aber gehns mit Jhna bösen G'sichtl, dös poßt jo gar nöt zu Ihren edlen Zügen, zu Ihrem milden Wesen. .... I bin nöt allein herkumma, I Gott phüt! Meine Aga, die Gräfin Pallavicini ist mit mir hergefahren, die treue Seele sitzt unten, dicht verschleiert im Wagen. Gleich seins wieder gut, Prinz und machen wieder Ihr gutmüthiges G'sichtl. . . . Noo?! Wirds bald?" 3) Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. 4) Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber das geht in der That nicht an. Sie reichte dem Prinzen die Hand, welche dieser zwar ehrerbietig an seine Lippen führte, aber doch im ernsten Tone fortsuhr: „Kaiserliche Hoheit wußten schon als kleines Mädchen, daß Sie mich durch Ihre Anmuth, Ihre neckische Schelmerei beherrschten; — Höchst Sie sind, wenn möglich noch liebenswürdiger, amnuthiger, neckischer geworden und ich muß alle Kraft aufbieten, um nicht dem Zauber höchst Ihrer Erscheinung zu erliegen; aber ich fühle mich verpflichtet, es eindringlichst zu wiederholen, c’etait bien etourdi, altesse imperial!5) Wenn Sie mich zu sprechen wünschten, hätten Sie mich gnädigst zu sich befehlen lassen sollen! — Madame6 7) Sie dürfen nie vergessen, daß Sie eine Kaiserstochter sind!" Wie mit einem Zauberschlage veränderte sich plötzlich die Haltung der jungen Erzherzogin. Ein konvulsivisches Zittern durchflog ihren schlanken Körper, sie ward brennend roth, ihre Augen füllten sich mit Thränen, ihr jungfräulicher Busen hob und senkte sich und sie rief im gewähltesten Hochdeutsch leidenschaftlich: „O! ich bin eine arme, unglückliche Kaiserstochter, und ein hungerndes, frierndes Bettlermädchen erscheint mir benetdenswerth. ... Ich bin ein von aller Welt verlassenes Geschöpf! Mein Vater starb als ich acht Jahre alt war — und meine Mutter ist durch den Tod?) meines seligen Papas so melancholisch und menschenscheu geworden, daß sie sich von der ganzen Welt zurückgezogen und in ein Kloster gegangen ist. Sie kümmert sich nur um ihrer Seele, nicht um ihrer verwaisten Kinder irdisch Heil, sie will für unseren Vater das Himmelreich erflehen und sich dasselbe durch fromme Werke gewinnen — ihr Blick ist nur aus das Jenseits gerichtet, ob ihre Töchter hier auf Erden unglücklich werden, oder nicht, das berührt unsere Mutter nicht; wir sind von aller Welt verlassen und verstoßen! .Auch Sie, Prinz, haben sich nicht viel um mich gekümmert — aber wahrhaftig ich habe Sie entschuldigt; Sie waren oft abwesend von Wien und hatten Großes zu vollführen. Sie hatten die hohe Aufgabe, Oesterreich, das in Gefahr stand von äußern und innern Feinden vernichtet zu werden, vor dem gänzlichen Verfalle zu retten, die Macht meines Oheims Kaiser Karls VI. in vollstem Umfange wiederherzustellen, Ihren gefeierten Namen mit der Spitze Ihres Schwertes in die ehernen 5) Das war sehr unbesonnen, kaiserliche Hoheit. 6) So lautet der Titel einer französischen Königstochter, wenn sie vor dem Dauphin geboren wurde. Nach französischem Gebrauche konnte der Prinz daher die älteste Tochter des ohne Hinterlassung männlicher Erben verstorbenen Kaisers Josef I., so ansprechen. 7) Kaiser Joseph I. wurde in seinem 33. Lebensjahre binnen wenigen Tagen von den Blattern weggerasft.

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