Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-07-07 · Heft 54 (7.7.1892) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 54 (7.7.1892)
Date
1892-07-07
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448269--34441-2482381
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

998 „Ich werde mich in einem eigenhändigen Schreiben für die hohe Gnade unterthänigst bedanken .Wetter!" Der Sekretär überreichte einen zweiten geöffneten Brief. „Ah! von Seiner Majestät dem König Friedrich Wilhelm von Preußen", meinte der Prinz. „Er beglückwünscht mich zu meinen jüngsten Erfolgen, schreibt mir die größten Flatterten, würde sich sehr freuen bald wieder seine Truppen unter meinem Oberkommando kämpfen zu sehen, durch seine aetiones zu beweisen, daß er des Kaisers Majestät decortret und mich estimirt, daß seine Gesinnung für das allerhöchste Erzhaus und die geheiligte Person des Kaisers unverändert geblieben. Der König ist ein sehr werthvoller Bundesgenosse, nur schade, daß er sich seine Bundesgenossenschaft stets sehr theuer bezahlen läßt.Weiter s’il vous plait!“ „Ein Brief seiner Durchlaucht des Fürsten Leopold von Dessau!" Als der Prinz einen Blick auf denselben warf, rief er fast erschreckt: „Ich Habemir, während meiner langen Anwesenheit in Oesterreich, die deutsche Sprache vollkommen angeeignet und kann auch Geschriebenes ziemlich gut lesen; aber diese Schrift — wenn man diesen wirren unzusammenhängenden Strichen diese schmeichelhafte Bezeichnung beilegen darf — vermag ich nicht zu entziffern." „Mir ist die Schrift des Fürsten nicht fremd, ich hoffe den Brief lesen zu können." „Versuchen Sie Ihr Glück!" meinte der Prinz lachend, dem Sekretär das Blatt hinreichend. Langelot ü. erflog dasselbe zuerst mit den Blicken, dann las er ziemlich geläufig, nur mühsam sein Lachen unterdrückend: Euer hochfürstliche Durchlaucht! Ich freue mich, daß Ew. Liebden die Tausend Millionen schockschwerenoth Türkenhunde mit blutigen Köpfen heimgeschickt und so große Siege erfochten haben. Nur eines crepirt mich, daß ich glaub' zehntausend Schock rother Teufel könnten mich auf der Stelle hundert Millionen Klafter tief in die Erd' hineinverschlagen, nämlich daß ich nit Hab dabei sein können, das wär für mich ein Tausend Mord Höllen Element Gaudium gewesen. Ihr bis in den Tod treu ergebener Leopold Dessau. „Er schreibt genau so, wie er redet", sprach der Prinz. „Er meint es aufrichtig. Seine außerordentliche Liebe zu mir, ist mir unbegreiflich, wir find in unserem Wesen und unseren Anschauungen grundverschieden.was gibt es noch?" Der Sekretär überreichte einen vierten Brief. „Ah! eine Beglückwünschung seitens meines berühmten ehemaligen Gegners, des französischen Marschalls Herzog von Villars", rief Eugen, „diese freut mich herzlich; er ist ein großer Feldherr und vermag es, meine letzte Leistung richtig zu beurtheilen; er." Der Prinz wurde durch ein leichtes Klopfen an der Thüre unterbrochen, und aus sein „Entrez“ überschritt der Kammerdiener Pasgtn die Schwelle. „Monseigneur“, mclbetc er, „eine tief verschleierte Dame bittet dringendst, Euer Durchlaucht sofort zu sprechen." „Ich habe Ihnen ja aufgetragen, heute Niemanden, wer es auch sein mag, anzumelden. Sagen Sie der Dame, daß ich heute von der Reise zu ermüdet, überdies auch zu beschäftigt bin, um Jemanden empfangen zu können. Sie möge morgen zur gewöhnlichen Audienzstunde wieder kommen." Der Kammerdiener verschwand, aber nach kaum zwei Minuten erschien er wieder. „Ich bitte unterthänigst um gnädigste Verzeihung, daß ich nochmals zu stören wage; aber die Dame befahl mir in heftigster und gebieterischester Weise Euer Durchlaucht gehorsamst wörtlich zu vermelden: Sie ließe sich in keinerlei Art abweisen. Höchst Sie hätten die Pflicht sie zu empfangen. Höchst Sie selbst hätten es am Abende vor höchst Ihrer letzten Abreise nach dem Kriegsschauplätze ausgesprochen. Der Großvater der Dame, die höchst Sie zu sprechen wünscht, wäre Ihnen ein Vater, deren Vater ein Bruder gewesen." Der Prinz zuckte betroffen zusammen, aber trotzdem sprach er äußerlich ruhig. „Wenn sich die Dame durchaus nicht abweisen läßt, muß es sich wohl um etwas Wichtiges und Dringendes handeln. Lassen Sie sie emtreten." Zweites Kapitel. Kaum hatten der Sekretär und der Kammerdiener das Zimmer verlassen, als der Prinz hastig zur Thüre stürzte, diese hastig öffnete und sich vor der eintretenden verhüllten Gestalt tief verbeugte. Diese warf Kapuze und Schleier ab und vor dem Prinzen stand ein reizendes Mädchen, das, obwohl ihrem Wüchse nach schon zur herrlichsten Blüthe entfaltet, doch durch das rosige frische Gesicht, die seelenvollen dunkelblauen Augen, das allerliebste Stumpfnäschen und die Grübchen in den Wangen immer noch als halbes Kind erschien. „Kaiserliche Hoheit, Frau 2) Erzherzogin Maria Josepha!" rief der Prinz. „Wie groß und schön höchst Sie geworden sind!" Und so sprechend rollte a) Auch die unverheiratheten Prinzessinen regierender Häuser werden „Frau" angesprochen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.