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Der Israelit · 1892-07-07 · Heft 54 (7.7.1892) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 54 (7.7.1892)
Date
1892-07-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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984 suchte junge Mädchen sei, und der Pole eilte auf sie zu und übergab ihr einen Brief. Freudig schrie Rosa auf, als sie das Papier in die Hand nahm, das war die Handschrift ihres Vaters, er lebte, er war gerettet, er schrieb ihr. Hastig riß sie den Umschlag auseinander und las: „Geliebtes Kind, ich bin von Petersburg entflohen und halte mich in einem der Häuser unserer Fabrik zu Slobotka versteckt. Ich darf nicht in die Stadt kommen, weil die Polizei mich verfolgt und mich sogleich wieder dort aufgreifen würde. Jakow ist verloren im Diesseits und Jenseits, Du wirst es schon erfahren haben, für ihn gibt es keine Rettung mehr. Komm zu Deinem alten, trauernden Vater, Du Einzige, die mir geblieben ist von meiner stolzen Schaar. Mein Weib ist todt, mein Sohn ist schlimmer wie todt, nur Dich allein habe ich noch. Ich will die sieben Trauertage in Slobotka verbringen, will auf der Erde sitzen und weinen um den Verlorenen. Komm zu mir und stütze mich in meinem Schmerze. Ist die vorgeschriebene Trauerwoche vorüber, so wollen wir entfliehen weit von hier in ein civilisirtes Land, wo Menschen wohnen. Dein tief unglücklicher Vater." Rosa rang mit ihrer ganzen Kraft nach Selbstbeherrschung, sie faltete den Brief wieder zusammen und hieß den Polen warten, da sie ihn noch über die näheren Umstände befragen und ihm auch Antwort mitgeben wollte. Sie ging in ihr Zimmer und überließ sich zuvörderst nochmals ihrem Schmerze, wenn auch nicht mehr so jäh und heftig, wie vordem im Wagen. „Allmächtiger Gott, verzeihe mir," sprach sie, „wenn ich vorhin im Uebermaße meines Schmerzes schlecht und unvernünftig gesprochen, Du hast mir zwar Alles genommen, hast die Krone meines Daseins von mir herabgerissen und in den Staub getreten, und dennoch danke ich Dir jetzt um meines Vaters willen; meinen guten, geliebten, weisen Vater hast Du mir doch erhalten und bewahrt, er lebt, er ist nicht mehr im Gefängniß, wenn auch noch von der Polizei verfolgt, ich werde ihn wieder sehen, heute noch, noch heute." Wie aber sollte sie den Weg nach Slobotka bewerkstelligen <? Es war zweifellos, daß sie sich heimlich entfernen mußte, denn der Verwalter würde sie nicht gutwillig entlassen haben, da ihm die Fürstin Lydia die Sorge für das Wohlergehen Rosas bei ihrer Abfahrt noch besonders dringend an das Herz gelegt. Sie konnte kein Gefährt des Hofes benutzen, sie wollte auch nicht, es widerstrebte ihr noch irgend eine Wohlthat von derjenigen zu empfangen, die sie nach ihrer Meinung so schmählich hintergangen hatte. Sie mußte zu Fuß den Weg zurücklegen, denn sie besaß kein Geld, um einen Miethwagen zu bezahlen, was sie in der Tasche hatte, war Geschenk der Fürstin, und das wollte und mußte sie zurücklassen. Wenn sie aber zu Fuß sich hinwegbegab, so mußte das unbedingt Aufsehen erregen, man konnte sie etnholen und zurückbringen, und wenn ihr erst einmal ein Fluchtversuch mißlungen, so würde ihr ein zweiter gewiß nicht glücken, denn dann hätte man sie beobachtet und der Gutsverwalter würde ihre Entfernung, die doch ihr Leben in Gefahr bringen mußte, niemals zugelassen haben. Während sie so darüber nachsann, auf welche Weise sie zu ihrem Pflegevater gelangen könnte, klopfte der Knecht Boleslaw bescheiden an ihre Thüre und bat um die Erlaubniß einzutreten. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstag-, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt gan; jährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel f» bestehen bet E. F. Strinackrr. Leipzig, Poßplatz 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Sonntagsruhe. Der Sieg des Reformjudenthums in England. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Wreschen. Neunkirchen. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Prag. Budapest. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Günstling des Czaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phil. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Proceß Buschhoff. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland : Vom Ostseestrande. Köln. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Köln. Marburg. Fürth. Schlüchtern. Inhalt der dritten Beilage: Prozeß Buschhofs. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Vermischtes. Inhalt der belletr. Beilage: „Fürstengunst". Erzählung von S. Kohn, Verfasser von Gabriel. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu vier Beilagen.

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