Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1892)
- Date
- 1892-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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983 bürg, man sprach sogar davon, daß er eine Jntrtgue gegen den Fürsten Michail Wasiljewitsch angesponnen habe, er konnte doch wohl nicht hier und dort zugleich sein; wenn er in der Stadt gewesen wäre, hätte man es erfahren, und wenn er nicht da war, so konnte ihm auch keine Schuld betgemessen werden. Welchen Zweck hätte auch die Taufe Jakows für Iwan gehabt, dachte Rosa. Er wollte sich ja sicherlich an dem Eingekerkerten rächen, dann aber würde er ihn tödten oder nach Sibirien verbringen lassen, nicht aber ihn taufen, befreien und mit einer vornehmen, jungen Dame vermählen. Es konnte kein Zweifel mehr sein, es war Lydia, die all dieses vollbracht, sie, die Abenteuerlustige, Romanhafte, wollte ihn sich zum Spielzeug erküren. Deßhalb also hatte sie stets so große Theilnahme für den Gefangenen an den Tag gelegt, deßhalb hatte sie Rosa begleitet bei ihrem Besuche, deßhalb war sie auch einigemal allein zu dem Gefängniß- Direktor gefahren, um, wie sie sagte, die Befreiung des Gefangenen zu erwirken. Die Befreiung?! O Gott ja! auf diese Weife. Deßhalb hatte sie auch den Bitten Rosas nicht willfahrt und damals dem Gefangenen zur Flucht verholfen, wie Rosa es so sehr gewünscht. Sie wollte ihn in der Stadt behalten, um auf diese Weise mit ihm zu verfahren. Jetzt war alldas zu verstehen, jetzt lag Alles da in fürchterlicher Klarheit. Rosa erinnerte sich, daß sie früher schon durch das Interesse Lydias für den Gefangenen oft in Erstaunen gesetzt wurde, jene, die sonst zu egoistisch und auch zu vornehm war, um sich um einen inhaftirten Juden zu kümmern. Oft fuhr sie nach der Stadt, manchesmal mehrfach an einem Tage, und jetzt hatte sie sich geschämt, ihren Raub der überwundenen Nebenbuhlerin einzugestehen, jetzt hatte sie vorgegeben, sie reise mit ihrem Vater nach Petersburg, und danach war sie in die Stadt gegangen und hatte das Entsetzliche ausgeführt, und als nun Rosa, die Bestohlene, Beraubte vor das Haus gefahren kam, um sich nach dem Verbleib ihres Besitzthums zu erkundigen, da hatte sich Lydia verleugnen lassen, da hatte sie nicht gewagt, das Opfer ihrer Launen zu empfangen. Ja, es konnte kein Zweifel mehr sein, was die Juden der Stadt behaupteten war Wahrheit. Der Gouverneur hatte ihn gewaltsam taufen lassen, damit er seiner Tochter zum Spielzeug diene." Wäre das junge Mädchen ruhiger, wäre sie nicht so furchtbar erregt gewesen, sie hätte das Unwahrscheinliche dieses Jdeenganges einsehen müssen. So aber tobte das Blut wie im Fieber durch ihre Adern, und bei den gräßlichen Erlebnissen, die sie während ihres noch so jungen Lebens schon zu erdulden gehabt hatte, erschien ihr das Undenkbarste am wahrscheinlichsten. Hatte doch Iwan sie mit seinen Anträgen verfolgt und ihre ganze Familie in's Unglück gestürzt, weil er vorgab, Rosa zu lieben. Warum sollte Lydia nicht ebenso handeln, wie Iwan? „O Gott!" jammerte Rosa in ihrem Innern, „Hattest Du mich noch nicht schwer genug geprüft durch all das Schreckliche, Trübe, das Du über mich verhängt. Schon habe ich so gründlich, wie kaum je ein anderes Weib erfahren, was traurig sein heißt und nun raubst Du mir auch dieses noch, das Höchste, den letzten Rettungsanker meiner Seele. Warum, o Gott, warum aus das? Hättest Du den Selbstmord nicht verboten, ich wüßte, wo ich Ruhe fände, aber leben, immer weiter leben in dieser Qual, in dieser Roth, in diesem furchtbaren, endlosen Elend, das ist grausamer als die Strafe der Hölle. Darum harrte ich aus in aller Noth, darum duldete ich, um jetzt noch elender zu sein, denn je zuvor. Wie lange noch, mein Gott, soll jeder Morgen mich mit einem neuen schweren, Schlage treffen. Tödte mich und ich will Dir danken, aber quäle mich nicht länger so furchtbar, so endlos! „Wohin?" frug sie sich plötzlich, den Ausbruch ihres Schmerzes unterbrechend; „zurück auf das Landgut, in das Besitzthum Lydias, zurück zu der, die mich so namenlos betrogen?" „Unmöglich, lieber in das Grab, aber wohin sonst, wohin?" Rosa beschloß eine der jüdischen Familien des Ortes, die bei der Plünderung glimpflich davon gekommen und den größten Theil ihrer Habe gerettet hatten, um Unterkunft zu bitten, sie wollte Kinder unterrichten, sie wollte, wenn es nicht anders sein konnte, als Magd dienen, nur fort aus dem Hause Derjenigen, die ihr Schlimmeres angethan, als der blutgierige Iwan, als die betrunkene Schaar der gewaltthätigen Bauern. In ihrer schnell entschlossenen Art war sie sofort bereit, ihr Vorhaben auszuführen, sie wollte nur noch mit dem Verwalter zurückkehren, um ihre Briefe und geringen Habseligkeiten aus dem Schlöffe abzuholen, und dann wollte sie dasselbe verlaffen auf Nimmerwiedersehen. Die Gefahr, um deren willen sie sich in dieses Versteck zurückgezogen, war ja vorüber- Der Czarengünstling war in Petersburg und brauchte nicht mehr gefürchtet zu werden, hatte sie auch gewiß längst schon vergessen. Als Rosa in das Landschloß kam, saß in einem Winkel des Hofes geduldig wartend, ein polnischer Jude mit langen Haarlocken und noch viel längerem Kaftan; er hatte nach Rosa gefragt und erwartete hier ruhig ihre Rückkehr. Die Diener zeigten ihm, daß die soeben Angekommene das ge-