Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1892)
- Date
- 1892-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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980 Ausschreitungen der Schutz der Gerichte und der Verwaltung zur Seite stehen würde. Er hat sie ferner belehrt, daß man antisemitische Versammlungen nicht ohne Weiteres verbieten und Flugschriften nicht beschlagnahmen kann; gegen das bekannte Ausrufen dieser Broschüren sei die Polizei etngeschritten. Ueber die in verschiedenen Zeitungen enthaltenen Angaben, daß dessenungeachtet dieses aufdringliche als grober Unfug sich charakterisirende Ausrufen der „Judenbordelle" fortdauere und einzelne Schutzmänner sogar die Aufforderung zum Einschreiten abgelehnt hätten, seien Erörterung veranlaßt worden, die jedoch noch nicht zum Abschluß gelangt seien. Berlin, 5. Juli. Mit polizeilicher Auflösung und der Verhaftung mehrerer antisemitischer Ruhestörer endete eine neue Versammlung der „Vereinigung zur Bekämpfung der Racenhetze" am Donnerstag in Berlin. Es hatten sich 60—70 Antisemiten eingefunden, die die Mahnung des Vor» sitzenden, Schriftstellers Schmidt, das Gastrecht zu achten, verhöhnten. Die gewohnheitsmäßigen antisemitischen Radaumacher unterbrachen bereits das einleitende Referat des Schriftstellers Blankenburg mit allerlei lärmenden Zwischenrufen. Der Lärm steigerte sich, als der Rabbtnatskandidat Wohlberg eine Resolution einbrachte, in welcher der Antisemitismus als eine höchst verabscheungswürdige, die bösen Leidenschaften entfesselnde Bewegung bezeichnet und alle Gegner desselben aufgefordert wurden, sich zur Bekämpfung der Schmach des Jahrhunderts zu vereinigen, und die im Saale anwesenden Antisemiten sich rechts vom Eingang des Saales zusammenrotteten. Nachdem behufs Wiederherstellung der Ruhe eine kleine Pause eingetreten war, kamen auch die bekannten Antisemiten Kollert und Kluge zum Wort, die allerhand konfuses Zeug vorbrachten. Ihre Parteigenossen machten sich den kindischen Spaß, mehrere Male plötzlich den Vorhang vor dem Podium zusammen zu ziehen, so daß der Vorstand und die überwachenden Polizeibeamten für einige Augenblicke der Versammlung unsichtbar blieben. Kurz vor 12 Uhr erhob sich ein solcher Lärm und geriethen die Parteien so heftig aneinander, daß der überwachende Polizeilieutenant im Interesse der öffentlichen Sicherheit die Versammlung anflöste. Wreschen. Gestern feierte unser Gemeinde- Mitglied Herr Moritz Banner mit seiner Gemahlin das Fest der silbernen Hochzeit. Nach beendigtem Vormittags-Gottesdienste erschienen der Gesammtvorstand und eine Abordnung der Repräsentanten-Versammlung der Synagogen-Gemeinde, um den Jubilar durch Herzenswünsche zu erfreuen. Hieran schlossen sich die Vorstände des Armen- und Männerkranken-Unterstützungsvereins, die Glück- 1 wünsche der Vereine darzubringen. Im Laufe des Vormittags versammelten sich noch eine große Zahl Gratulanten, denen das Jubelpaar nahesteht, und zahlreiche Freunde und Bekannte überbrachten ebenfalls ihre Glückwünsche. Die Zahl der schriftlich und telegraphisch übermittelten Gratulationen auch von auswärts stieg stündlich. H. Wolfs. Neunkirchen, 4. Juli. Seit geraumer Zeit macht sich am hiesigen Platze der Antisemitismus bemerkbar. Die Firma Gebr. Stumm hat nun heute folgenden Anschlag an ihren Werken in Neunkirchen gemacht: „Ich warne alle Angestellten und Arbeiter vor der Theilnahme an der sogenannten deutschsozialen (antisemitischen) Bewegung. Neunkirchen, 4. Juli 1892." Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 4. Juli. Am 9. v. M. fand im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde die 19. ordentliche General-Versammlung der Israelitischen Allianz zu Wien statt. In Abwesenheit des durch Unwohlsein am Erscheinen verhinderten Präsidenten Herrn David R. v. Gutmann führte der Vice-Präsident Herr Gemeinderath Dr. Alfred Stern den Vorsitz. Dem vom Vorstände hiebei vorgetragenen Berichte entnehmen wir, daß die Israelitische Allianz zu Wien ihre durch nahezn ein Jahrzehnt dauernde Schulaction in Galizien und der Bukowina nach erfolgter Uebernahme ihrer Schulen durch die Baron Hirsch-Stiftung abgeschlossen habe und daß volle Gewähr für eine gedeihliche Weiterführung ihrer Institutionen geboten sei. Nach einer Schilderung der bedeutenden Schwierigkeiten, welche die Allianz zu bewältigen hatte, um durch Errichtung von Schulen, Gewinnung eines tüchtigen, nach den Grundsätzen moderner Pädagogik herangebildeten Lehrermateriales, Herstellung brauchbarer Schulbücher, durch Heranziehung der Juden zum Ackerbau und Gewerbe die Grundlage für einen neuen geistigen und materiellen Aufschwung der Inden in Galizien und den Bukowina zu schaffen, erging sich der Bericht in einer detaillirten Aufzählung der besonderen Leistungen der Allianz für die Schule, in Zabtocie, Brody, Lemberg, Strn, Stanislau, Ezernowin Tarnopol, Krakau, Wolanka, Boryslaw, Tarnow, Neu-Sandec. Chrzanow und Kolomea. Besondere Fürsorge widmete die Allianz der Förderung des Handwerkes und des Ackerbaues. Namentliche Hervorhebung verdient die Muster-Handwerkerschule zu Krakau. Mehr als sechzentausend Knaben und Mädchen haben während des kurzen Zeitraumes durch die Mittel der Allianz direct und indirect die Wohlthat einer modernen Schulbildung und Erziehung genossen. Allein seit dem Jahre 1883 bis Ende 1891 erforderte die Schulaction der Allianz in Galizien einen Aufwand von 219,175 fl., woran sich Freiherr v. Hirsch mit einem Kostenbeitrage von 47,805 fl. betheiligte. Außerdem bewilligte die Allianz einer großen Anzahl von Cultusgemeinden in Oesterreich und Ungarn namhafte Subventionen zu Schulzwecken und gewährte Förderungen Studenten- und Handwerker-Vereinen; ebenso förderte sie wissenschaftliche Bestrebungen jüdischer Gelehrter und Forscher. Im abgelaufenen Jahre erwuchs der Allianz die Aufgabe, gleichwie in den Jahren 1881 und 1882, in Folge der gegen die Juden in Griechenland und Rußland ausgebrochenen Berfolgungen eine Hilfsaction einzuleiten. Zahllose aus der Heimat vertriebene oder zur Auswanderung gezwungene griechische und russische Juden fanden durch die Allianz nachhaltige Hilfe und Förderung; die Emigranten wurden, soweit es sich um russische