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Der Israelit · 1892-07-07 · Heft 54 (7.7.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 54 (7.7.1892)
Date
1892-07-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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97g So schmerzlich das Geschehene auch ist, so hat es doch das Erfreuliche, daß diejenigen, welche sich, ihren Kindern, ihrer Gemeinde, ihr Judenthum erhalten und für alle Zukunft sichern wollen, daß alle diese nunmehr wissen, von unserem Chief-Rabbi, Herrn Dr. Hermann Adler, haben sie für diese Bestrebungen keine Stütze zu erwarten. Sie müssen ohne ihn und gegen ihn dieses Ziel zu erreichen suchen. Sein ganzes Auftreten, sein ganzes Laviren, sein Coguettiren mit den verschiedensten Richtungen, hat viele getäuscht; viele ließen sich gern täuschen, wenn sie sich auch schon lange sagen mußten, das ist der Mann nicht, der den Kampf für unser gefährdetes Gotteserbe aufnimmt und glorreich zu Ende führt. Ich gestehe gern, daß ich selber zu denen zähle, die sich Jahre lang mit offenen Augen gern täuschen ließen. Der Gedanke ist so unfaßbar, so schmerzlich, daß man sich eben so lange gegen ihn sträubt, so lange man ihn nicht anerkennen muß, der Gedanke: Was könnte in London, in dieser Riesenstadt mit ihrer Unsumme von idellen und materiellen Mitteln, ein Mann von der Stellung, dem Einfluß und dem Ansehen eines Chief- Rabbi nicht für die große Gesammtheit, Herrliches, Dauerndes, Unvergleichliches wirken, wenn er seinen Beruf voll und ganz erfaßte und seines Amtes, wie er sollte, waltete! Und was kann ein solcher Mann in solcher Stellung schaden, wie kann er alles wahrhaft jüdische Bestreben lahm legen, wenn er nicht in unbeugsamer Festigkeit seine Pflicht erfüllt, wenn er der Halbheit, der Lauheit, dem Leichtsinn seine Concessionen macht, statt unentwegt mit fester Treue zu unserer verrathenen, heiligen Sache zu stehen. So könnte wohl kein Rabbiner auf dem Continent der Sache des Judenthums dienen, wie der Chief-Rabbi von Großbritannien, so ist vielleicht keiner seiner Collegen mit einer Fülle von Macht und Ansehen ausgestattet, die er nur in die Wagschaale zu werfen brauchte, und — er wirft sie nicht in die Wagschaale. — Statt der Wahrheit zu dienen und dem Recht, der jüdischen, unbeugsamen Wahrheit und dem jüdischen Recht, dient er dem Frieden, und was für einem Frieden! naKi p und mbw sind die Träger jeder sittlichen Weltordnung und unser Chief Rabbi gibt 2/3, gibt nös und p Preis um ^/3, um den zu retten, und glaubt noch ohne Zweifel eine rettende That gethan zu haben. Unser Chief-Rabbi hat vielleicht eine gewisse, platonische Liebe für das überlieferte, orthodoxe Judenthum, er mag ihm im Herzen ganz hold sein, sein Gefühl, seine Sympathie gehört vielleicht der Orthodoxie, sein Wort, seine That> seine Sanktion dagegen gehört der Reform, darüber kann heute kein Zweifel mehr walten, und diese zweifellose Klarheit ist das einzig erfreuliche der heillosen Situation. Ich habe persönlich nie mit Herrn Dr. Adler über dieses unerquickliche Thema gesprochen. Aber gleichgesinnten Genossen gegenüber hat er sich dahin ausgesprochen: Es falle ihm unendlich schwer, seine Billigung zu den Aenderungen zu geben, die ihm zur Sanktionirung vorgelegt wurden, aber er könne nicht anders handeln, wenn er nicht einen großen Riß innerhalb der englischen Judenheit verhüten, wenn er den Frieden erhalten wolle. Es habe ihm unsägliche Kämpfe gekostet, die Einführung von Orgeln in den Westendsynagogen hintanzuhalten, gäbe er aber in kleinen Dingen nicht nach, so seien die Folgen gar nicht abzusehen u. s. w. Herr Dr. Adler also paktirt, marktet, feilscht mit der jüdischen Wahrheit, die er Hochhalten und vertreten sollte, zu Gunsten des Friedens. Ob er, von der Legalität oder Illegalität eines solchen Handelns einmal abgesehen, nicht dabei die Rechnung ohne den Wirth gemacht hat, das muß die Zukunft lehren. Ob die eonservativen Elemente sich das alles bieten lassen werden, ob, wenn die Reformer nun befriedigt sind, nicht die Orthodoxen alle Ursache haben, mit solchem Gebühren unzufrieden zn sein und ihrer Unzufriedenheit nicht thatsächlichen Ausdruck geben werden, das wird die nächste Zukunft lehren. Ja, ob selbst die Reformer sich mit diesen Zugeständnissen zufrieden geben werden, das ist eine Frage, die man noch sicherer als die erste verneinen kann, denn diese werden gewiß nicht auf halbem oder viertel Wege stehen bleiben. Diese Geister, die er heraufbeschwor, wird unser Chief-Rabbi nicht mehr los werden. Für heute genügt es die Thatsache festzustellen: Wenn unser Herr Chief-Rabbi schwankt, ob er e8 den Reformern oder Orthodoxen recht machen soll, ob er die Reformer oder die Orthodoxen befriedigen soll, so entscheidet er sich im Herzen für die Orthodoxie und in der That für die Reform. Sehen wir uns das Thatsächliche der ganzen Angelegenheit etwas näher an. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu. Deutschland. Berlin, 5. Juli. Eine Deputation des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde hat eine Audienz bei dem Minister des Innern gehabt, und scheint bei derselben recht übertriebene Besorgnisse geäußert zu haben, denn der Minister hat sie beruhigt, daß den Israeliten bei etwaigen antisemitischen

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