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Der Israelit · 1892-07-07 · Heft 54 (7.7.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 54 (7.7.1892)
Date
1892-07-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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978 Gott, und was wir Dir geben, haben wir aus Deiner Hand erst erhalten." Es ist nur dann uns möglich, Gott ein Opfer zu bringen, wenn Er uns das gegeben, wovon wir das Opfer bringen. Auf die erste Seite unserer Geschäftsbücher stellen wir die Worte „Mit Gottes Hülfe." Wir bekennen dadurch, daß wir nur dann erreichen, was wir erstreben, wenn Gott mit uns ist. Und es sollte uns schwer fallen in unserem Erwerbsleben, wo wir sichtbar auf Gottes Beistand angewiesen sind, Gottes Gebote zu erfüllen und von dem uns Verliehenen Ihm einen Theil zu weihen? Auch schon deßhalb ist der Sabbat eine ms» nbp, ein leicht zu erfüllendes Gebot, weil ein Jeder, der sein Geschäft in der Absicht gegründet hat, in demselben den Sabbat zu heiligen und es in diesem Sinne führt, bald Alles so eingerichtet hat, daß die Sabbatheiligung fast keine Schwierigkeiten bietet, weit weniger, als der Außenstehende glaubt. Und nun scheint die Sonne heiß, macht das Gesetz über die Sonntagsruhe, das sonst so leichte Gebot des Sabbat zu einem etwas schwereren; gibt es da irgend eine Berechtigung für uns, das so lange treulich gehütete, heilige Gebot zu verletzen? Wären wir dann nicht den kurzsichtigen, thörickten Heiden gleich, die beim ersten warmen Sonnenstrahl das Gesetz verhöhnen, und mit Füßen treten? Wahrlich, wer durch Einführung der Sonntagsruhe sich verleiten läßt, am Sabbat seinen Geschäften nachzugehen, der verletzt den Sabbat nicht nur, nein, er beschimpft und verachtet ihn, zeigt, daß er ihn nie redlich gehalten und daß er den Glauben an Gott verloren hat. Viel Schlimmes hat uns der Antisemitismus schon gebracht. Doch Schlimmeres als Alles, was uns unsere Feinde gethan haben und thun können, würden wir uns selbst zufügen, wenn durch das neue Gesetz irgendwelche unserer Brüder sich verleiten ließen, den Sabbat zu entweihen. Mit seinem Fluche konnte uns Bileam nichts anhaben, was Fluch sein sollte, mußte zum herrlichen Segen werden; sein Rath jedoch uns zum Abfall zu verleiten, ist verderblich geworden. So laßt uns denn trotz aller Noth der Zeit aufrecht stehen bleiben und mit der Begeisterung und mit der Unerschrockenheit eines Pinchas kämpfen für. ein jedes einzelne unserer heiligen Gebote. Kein Feind und Widersacher wird uns dann ernstlick gefährden können. Auch für uns wird dann nicht ausbleiben der Lohn eines oite ma, eines Bundes des Friedens. Steter Friede wird etnziehen in unser theures Vaterland, kein Bürger wird den Mitbürger mehr mit seinem Hasse verfolgen und bis zum Erscheinen des Erlösers werden wir wieder ruhig und friedlich leben wie vordem n"'aw. Der Sieg des Resormjudenthums in Gngtand. London, 4. Juli. Die Würfel sind gefallen! Was ich in meinem jüngsten Berichte gefürchtet*), und was die Redaction dieses Blattes bezweifeln zu sollen glaubte, es ist eingetreten.- Das Neformjudenthum ist für die englische Judenheit proklamirt, unser Chief-Rabbi hat sich in seinen Dienst gestellt, an den er den Beschlüssen der reformsüchtigen Referends und ihrer Hintermänner die gesetzliche Sanktion in ihren verschiedenen Punkten ertheilt hat. Wer die hiesigen Verhältnisse und Persönlichkeiten nur einigermaßen kennt, gab sich über einen solchen Ausgang keiner Täuschung hin. Aber jetzt, wo er thatsächlich erfolgt ist, liegt das folgenschwere Faktum wie ein drückender Alp auf allen Herzen, die in treuer Hingebung für das Vatererbe schlagen und für seine unverkümmerte Erhaltung zittern. Von den einzelnen Punkten einmal ganz abgesehen, hinsichtlich welchen Herr Chief-Rabbi Dr. Adler den Velleitäten der Reform gesetzliche Sanktion verliehen, ohne Rücksicht darauf, wie wichtig oder unwichtig, in wie hohem oder geringem Grade gesetzwidrig dieselben sind, auch der Unkundige, der darüber kein entscheidendes Urtheil hat, hat das instinktive Gefühl, daß das gesctzestreue, überlieferte Judenthum, einen schweren Faustschlag von denjenigen erhalten hat, die seine Wächter und Vertheidiger sein sollten. Im jüdischen England ist nunmehr durch das Beispiel des Chief-Rabbi die Thatsache constatirt: Es braucht nur eine Handvoll neuerungssüchtiger Menschen, ihre Wünsche nach Aenderung, Verstümmelung und Beseitigung des Bestehenden, mit Nachdruck geltend zu machen, so werden diese Wünsche zum Gesetz erhoben und die Majestät des Gesetzes muß der Willkür weichen. Dieses Attentat ist nun leider auch sonst schon verübt worden, aber nirgends vielleicht mit der Heiligenmiene, nirgends mit der Prätension, mit der es hier austritt, als halte man pm für heilig und unverletzlich, dieser Faustschlag sei eigentlich nur eine Liebkosung, die Reform sei gar keine, sondern sei ganz waschechter Conservatismus. Diese Täuschung ist das widerlichste und gefährlichste bei dem ganzen Vorgänge, und ihr muß zuerst und am entschiedensten öffentlich entgegengetreten und der verletzten Wahrheit zu ihrem Recht verholfen werden. *) Vergl. Nr. 45 und 46 „Eine englische Rabbinerversammlung." Red.

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