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Der Israelit · 1892-07-04 · Heft 53 (4.7.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 53 (4.7.1892)
Date
1892-07-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXfiUL Jahrgang. Beilage ju M 53 des „Israelit". Leitender Artikel. SUe Schweizer. Kresse öder die Kchächtfrage. (Schluß.) Bern, 20. Juni. Wenn die „Baseler Nachrichten" das Schächten an einer andern Stelle als auf Aberglauben beruhend bezeichnen, so glauben wir, daß auch diese Anschauung diskutirbar ist, wenn man von einem bestimmten religiösen Standpunkt auch ganz absieht. Das vorige Jahrhundert hat, als es auf die Neige ging, die Menschenrechte proklamirt, das unsrige scheint die Thierrechte zur Geltung bringen zu wollen. In einer Zeit, die deuThieren, ihrem Leben ilnd der Art ihrer Tödtung ein solches Gewicht beilegt, kann es an und für sich nicht auffallend erscheinen, wenn die Juden behaupten, die Art und Weise die Thiere für den menschlichen Genuß zu tödten, sei durch göttliche Satzung geregelt. Wenn nun die Juden seit Jahrtausenden eine Schlachtart besitzen, die heute noch von den größten Koryphäen der biologischen Wissenschaft als von jeder Thierguälerei frei, ja von einigen sogar zur allgemeinen Einführung geeignet erklärt wird, so wird man vergebens nach den Kriterien des Aberglaubens bei dem ganzen Vorgang suchen. — Aberglaube ist nach Grinim, dem lateinischen Suporstitio nachgebildet, bedeutet also soviel als Ueberglaube, der über den wahren vernünftigen Glauben hinausgeht und die Ursachen anderswo sucht, als wo sie den Lehren der Religion und Vernunft gemäß zu finden sind. Vor alledem kann bei gewissenhafter Aufrechterhaltung eines Schlachtverfahrens, das von dem Areopag der zeitgenössischen Wissenschaft approbirt ist, nicht wohl die Rede sein. Dieses religiöse Moment ist es denn auch, welches die katholische Presse besonders betont, und dafür die Freiheit beansprucht, deren Verkümmerung der Katholieismus an sich selbst schon zu schmerzlich empfunden hat, als daß er ihr das Wort reden könnte. — Das „Vaterland", das maßgebendste Organ der katholischen Schweiz weist daher die Bestrebungen der Thierschutz-Vereine mit folgenden Worten ab. „Das „Vaterland" hat seinen Standpunkt in der Frage bereits wiederholt murkirt; es ist derjenige der Freiheit. Die Freiheit, die wir Katholiken für uns beanspruchen und stets zu reklamiren nicht müde werden, soll auch dem Juden, wie überhaupt jedem Bekenntniß innerhalb der Schranken der Sittlichkeit und öffentlichen Ordnung nicht vorenthalten bleiben. Alle Achtung vor den sonstigen Bestrebungen des Thierschutzvereins — aber da machen wir nicht mit!" Von den größeren, liberalen, freisinnigen Zeitungen hat unseres Wissens nur die „Neue Züricher Zeitung" den Standpunkt der Thierschutz-Vereine zu dem ihrigen gemacht. Sie konnte dies nur thun, indem sie offen daliegende thatsächliche Verhältnisse verkannte und zu Theorien ihre Zuflucht nahm, deren Unhaltbarkeit nicht erst eingehend bewiesen zu werden braucht. Sie räumt ein, daß das Postulat der Thierschutz-Vereiue eher in ein Polizei-Reglement als in die Bundesverfassung gehört. Aber sie findet, daß die Volksinitiative unumschränkt waltet und sich die Motive nach ihrem Belieben aussuchen könne. Daran hat nun Niemand gezweifelt. Aber ebenso wenig daran, daß es Pflicht der gesinnungstüchtigen, freien Presse ist, solchen Wiükürlichkeiten keinen Vorschub zu leisten, sondern ihnen entgegenzutreten, nicht aber sie zu beschönigen und zu rechtfertigen. Die Volksinitiative hat auch unstreitig das Recht z. B. das kleine Einmal Eins abzuändern, aber wir glauben nicht, daß patriotische Zeitungen einer solchen Blosstellung der Volksrechte noch das Wort reden würden. Auch über den Antisemitismus, den die ganze Campagne zur Folge haben wird, tröstet sich die N. Z. Z. leicht. Daran seien die Israeliten selber schuld, denn sie hätten so klug sein und sich zur Concession der Betäubung vor dem Schächten verstehen sollen. Das heißt, die Israeliten sollten ihr Rcligionsgesetz aufgeben, dann sollen sie vom Religionshaß verschont bleiben. Dieses Ansinnen ist au die Juden schon seit vielen Jahrhunderten gestellt worden. Aber sie haben ihre religiöse Ueberzeuguug den Sympathien solcher Rathgeber vorgezogen. Welcher redliche, denkende Mensch will ihnen aus dieser Gcsinnungstüchtigkeit, die ideale Wahrheit höher stellt als soziale Vortheile, einen Vorwurf machen? Wir können nicht glauben, daß ein im Dienste des republikanischen Gedankens wirkendes Organ der öffentlichen Meinung diese Anschauung auf die Dauer vertreten kann, ohne mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch zu gerathen. Es kann nach einer ruhigen, objektiven Erwägung der ganzen Sachlage keinem Zweifel unterliegen, daß die besseren, freisinnigen Elemente des Schweizervolkes diese Bewegung nicht unterstützen werden, die der Centralvorstand der deutschen Thierschutz-Vcreiue hier veranlaßt. — Die gute Sache des Thierschutzes selbst kann nur leiden, wenn sie

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