Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1892)
- Date
- 1892-07-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448268--34409-2482348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
967 Feuilleton. Z>er Hünstking des Kzaren. Eine Erzählung ans Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phil. (53. Fortsetzung.) „Das ist eine Verleumdung unserer Feinde", rief Rosa, als sie nun in den Zeitungen bestätigt fand, was ihr gestern schon Boleslaw als ein in der ganzen Stadt umhergeheudes Gerücht mitgetheilt hatte, „das ist nicht möglich, das kann nicht sein, er mir untren, er den Glauben seiner Väter verlassen? O Gott, wo finde ich eine Lösung dieses furchtbaren Räthsels, ich muß in die Festung, ich nmß zu ihm, ich muß es aus seinem eigenen Munde hören, daß Alles dieses nichts ist, als Bosheit und Verleumdung." „Das wird Euch nicht gelingen, Herrin," sagte der Verwalter, „der Gouverneur und das gnädige Fräulein sind nicht in der Stadt und ohne höhere Erlaubniß wird der Gefängnißdirektor sicherlich Niemanden zu dem Gefangenen lassen. Uebrigens bezweifle ich auch sehr, daß sich der junge Mann noch in der Festung befindet, man hat jedenfalls beim Empfang der Taufe sein geringes Verschulden getilgt und jene vornehme, junge Dame, die, wie die Zeitungen behaupten, in ihn verliebt ist, wird wohl für ihn gesorgt haben." „Wie?!" schrie Rosa auf, „er sollte frei sein und sich nicht zu mir begeben haben, mich nicht gesucht haben, bis er mich fand, es wäre wahr, das Entsetzliche, Furchtbare?" Sie stürzte auf einen Sessel nieder, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte krampfhaft und herzzerbrechend. Mitleidig blickte der Verwalter auf sie nieder und ging leise aus dem Zimmer. Nach kurzer Zeit beruhigte sich Rosa, ihr Herz sagte ihr, daß das nicht möglich sei, was da in gedruckten Lettern zu lesen stand, es konnte nicht anderes sein, es war eine Veranstaltung seiner Feinde, welchen Grund aber konnten sie dabei haben? Wenn die Zeitung seinen Tod gemeldet hätte, sie hätte es geglaubt, aber das, das!? „Das brachte ja dem Czarengünstling keine Vortheile, die Verlobung mit einer vornehmen, jungen Dame, das wird er gewiß seinem Feinde nicht gönnen, daran war er sicherlich unschuldig, sie konnte sich dieses Räthsel nicht lösen, sie schellte und ließ den alten Boleslaw zu sich kommen, sie fragte ihn, ob er in der Stadt nichts Näheres über diese dunkle, schreckliche Angelegenheit gehört habe. Doch auch der alte Mann vermochte keine Auskunft zu geben, er wiederholte nur immer, was er von den Juden der Stadt gehört haben wollte, daß Alles seine Richtigkeit habe, daß Jakow Alexanderowitsch tatsächlich die Taufe empfangen. „Ihr könnt Euch leicht Klarheit verschaffen," sagte der Knecht. „Ihr habt doch wohl bekannte, jüdische Familien genug in der Stadt, fahrt zu irgend einer derselben hin und erkundigt Euch." Rosa fand den Rath des Alten sehr annehmenswerth, sie ließ den Verwalter rufen und trug ihm die Sache vor. Der brave Mann erklärte sich gern bereit, selbst die Fahrt mitzumachen. Boleslaw bemerkte noch, daß man im schlimmsten Fall, wenn man gar keine Auskunft bekommen könnte, nur zu jener Kapelle zu fahren brauche, in der, wie die Zeitungen sagten, jene Taufe stattgefunden; die dortigen Kirchenbücher würden zweifellos die sichersten Angaben über diese Sache enthalten. Wenn man in den Kirchenbüchern nichts davon vorfände, so könne man annehmen, daß Alles nur Lüge sei. Hieraus begab sich Boleslew wieder an seine Arbeit. Der Gutsverwalter aber ließ anspannen und fuhr mit Rosa nach der Stadt. Das junge Mädchen besuchte zuerst mehrere jüdische Familien aus ihrem Bekanntenkreise, doch, wo sie auch anfragte, überall hatte man jene Zeitungsnotizen gelesen und sie geglaubt. Es traten in Folge der barbarischen Judenverfolgungen so viele Israeliten zu dem fremden Glauben über, daß die Zeitungen jeden Tag eine Reihe solcher Nachrichten brachten und gar nichts besonders Merkwürdiges in dieser Thatsache lag. Die Juden der Stadt hatten längst nicht mehr an die Frömmigkeit Jakows geglaubt, weil er so sehr gebildet war und an deutschen Universitäten studirt hatte; wenn er nun, um sich die Freiheit zu verschaffen, seinen Glauben wechselte, so erstaunte man sich nicht hierüber, das Böse wird allenthalben gerne geglaubt. Man nannte Rosa sogar den Namen jener vornehmen jungen Dame; Iwan hatte dafür gesorgt, daß auch dies bekannt worden war. Einige der Glaubensgenossen spotteten darüber, daß Rosa leugnen wollte, daß die Fürstin Lydia den jungen, gelehrten und hübschen Doctor, der so fein gebildet war, liebe, daß sie zu behaupten wage, sie hätte das nicht gewußt, während sie sich doch im Schlosse des Gouverneurs aufgehalten habe. Verzweiflung im Herzen kehrte jedesmal Rosa in ihren Wagen zurück, und ihre Verzweiflung stieg immer mehr, je mehr Besuche sie machte. Sie fing an daran zu zweifeln, daß der Gouverneur und Lydia überhaupt abgereist seien, sie fuhr an das Haus derselben, aber dort sagte man ihr, es sei Alles verreist und Niemand