Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1892)
- Date
- 1892-07-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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966 der eine Wiederwahl ablehnte, Herr Raphael Ettlinger neugewählt. Die Israelitische Waisenanstalt entließ 1891 8 Knaben und nahm 7 wieder auf, so daß die Zahl ihrer männlichen Zöglinge 31 beträgt. An Geschenken erhielt die Knabenabtheilung 12.337, M. an Jahresbeiträgen 7174, M. an Zinsen 3723, M, aus der Synagoge 671 M. Die Ausgaben betrugen 26,135 Mark. Zum Kapitalfonds wurde ein Geschenk von 3000 M. gegeben. Die Moses und Clara Schiff'sche Stiftnng für Lehrlinge vereinnahmte an Geschenken und Zinsen 9060 M. und verausgabte für 17 Zöglinge 9147 M. Die Mädchenabtheilung erhielt 8077 M. Geschenke, 3935 M. Beiträge und 2780 M. Zinsen; 1000 M. mußte die Knabenabtheilung zuschießen, um die Spesen mit 15,662 M. zu decken. Die Zahl der weiblichen Zöglinge ist mit 19 unverändert geblieben. Die Marie Dreyfus-Stiftung nahm 2223 M. ein und verausgabte für 3 der Anstalt entwachsene, noch nicht erwerbsfähige Waisenmädchen 1000 M. Der Spezialfonds für Unterstützung von zur Aufnahme ungeeigneten Waisen nahm an Geschenken und Zinsen 205 M. ein und gab 75 M. aus. Berlin, 10. Juni. In der „Voss. Ztg." berichtet eine Leserin: „In der Lützowstraße 44 befindet sich ein Dienstbotenstift „Charlottenheim", das sich mit Vermiethen von Gesinde befaßt. Als ich jüngst eine Kinderfrau benöthigte, wandte ich mich an diese Anstalt und wurde von der Vorsteherin, einer älteren Dame, empfangen. Dieselbe gab mir u. A. ein Dienstbuch zum Einblick, dessen Zeugnisse mir im Allgemeinen zusagten. Da aber ein Zeugniß fehlte, fragte ich die inzwischen herbeigerufene Kinderfrau nach dem Grunde dieser Unterlassung und erhielt die Antwort: „Ach, das war nur eine jüdische Herrschaft!" Ich erwiederte, daß ich gleichfalls Jüdin sei und gab der Kinderfrau ihr Buch zurück. Dieselbe wollte nun einlenken und versscrte sich: „Ach Gott, man nimmt's ja, wie man's findet", aber die Vorsteherin fiel ihr in die Rede mit der Bemerkung: „Wir vermiethen nur an christliche Herrschaften." Dieses selbe „Charlottenheim" verschmäht es gleichwohl nicht, bei „jüdischen Herrschaften" um milde Gaben zu betteln. Hadamar. In unserer Zeit, in welcher die Wogen des Antisemitismus so hoch gehen, ist es besonders erfreulich von einem Akt wahrer Toleranz und Humanität berichten zu können. — Der erste Tag des heil. Schabuothfeftes war für die hiesige israel. Gemeinde ein besonderer Freudentag, galt es doch an demselben das 50jährige Bestehen unseres Gotteshauses zu feiern. Bereits am Morgen hatten die Bürger unserer Stadt ohne Unterschied der Consession den Straßen ein Festgewand angelegt, als sichtbares Zeichen, das; der Klassen- und Rassenhaß, der auch in unserer Provinz sich geltend macht, in ihrer Mitte keinen Boden gefunden. Die öffentlichen Gebäude, wie das Rathhans, Kloster, Confict u. a. m., sowie eine überaus große Anzahl von Privathänsern prangten im Flaggenschmuck. Um 10 Uhr begann in der herrlich geschmückten Synagoge der Festgottesdienst. Herr Bezirksrabbiner Dr. Lewinsky ans Weilburg hielt die Festrede, in welcher er es verstand, durch seinen wohldnrchdachten, formvollendeten Vortrag die gesammte Zuhörerschaft zn fesseln. Die Rede wird ans allgemeinen Wunsch dem Drucke übergeben werden. Zn dem Festgottesdienst waren die Räthe der Stadt, an deren Spitze der Bürgermeister Mathi, die Geistlichkeit und noch viele andere achtbare Mitbürger erschienen. Es nahm daher Herr Rabbiner Dr. Lewinsky in seiner Rede Veranlassung mit herzlichen Dankesworten für den bekundeten Akt der Toleranz den innigen Wunsch ansznsprechen, daß, wie bisher, auch fürderhin, der friedliche, humane Geist in Hadamars Mauern weilen möge! Vorbeter und Chor trugen die Festgesänge meisterhaft vor. — Am Freitag den 17. v. M. und am darauffolgenden Sabbat fand iu Bauerbach bei Meiningen die Einweihung der neucrbanten Synagoge durch Herrn Landrabbiner Dr. Dessau er statt. So geringzählig die Gemeinde ist, so ließ sie es sich doch, da in ihr noch ziemlich religiöser Sinn herrscht, angelegen sein, ein ihren bescheidenen Verhältnissen entsprechendes Gotteshaus zu beschaffen, nachdem die alte Synagoge durch wiederholtes Ausbrechen des Schwammes unbrauchbar geworden war. Um die Beschaffung der erforderlichen 'Mittel hat sich deren derzeitiger Religionslehrer. — Lehrer G. Holländer aus Berkach — durch persönliche und schriftliche Verwendung pielsach verdient gemacht. Auf ein diesbezliches Bittgesuch spendete auch Seine Hoheit, der regierende Herzog Georg von Meiningen 500 M. zn dem Baue. Der derzeitige Vorsteher I. Mühlfelder hat, um die Förderung des Baues zn bewirken, weder Zeit noch Mühe gescheut. Die Anordnung der Weiheseier, resp. die dabei vorkommenden Gesänge leitete Lehrer Holländer und verlief diese Feier unter zahlreicher Betheiligung von nah und fern in herrlicher, würdiger Weise. Alle Ortsbewohner trugen durch ihre Betheilignng zur Verherrtichung des Festes bei. Die beiden Predigten des Herrn Landrabbiners Dr. Dessaner, der am Freitag Nachmittag über das Gebet und am Sonnabend Morgen über das Gottvertranen unter passender Bezugnahme auf die herrschende Zeitströmung sprach, rissen alle Zuhörer mit sich fort. An beiden Tagen war das Gotteshaus zum Erdrücken voll. Besonders hervorzuheben ist die Sympathie, die Seine Hoheit, der am Comosee weilende regierende Herzog für die Knltnsgcmeinde Bauerbach, sowie überhaupt für die Israeliten Meiningens durch zweimaliges Dcpeschiren kundgab, sowie auch das diesbezügliche Schreiben des Herrn Staatsministers Heim, worin er bedauert, nicht an der Einweihung Theil nehmen zu können. Möge allen denen, die' zum guten Werke in Wort und That beitrugen, der reichste himmlische Segen zu Theil werden! Mailand. Der hervorragende Diplomat, Herr Giacomo Malvano, Generaldirektor der auswärtigen Angelegenheiten, wurde mit der höchsten Auszeichnung, dem Großkordon der italienischen Krone dekorirt. Herr Romanin Jacnr, 'Mitglied der Deputirtenkammer, wurde zum Offizier desselben Ordens ernannt.