Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1892)
- Date
- 1892-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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964 nach dem Lebensgeschick derselben erfüllen. Dafür wären Vereine für jüdische Geschichte und Literatur an ihrem Platze. Aber unsere Gebete nicht zu beten, dagegen ihre Verfasser an den Fingern mit ihrem Geburts- und Sterbejahr herzählen zu können, das Gesetz unseres Lebens nicht zu kennen, überfeine Lehrer und Interpreten zu feiern, das weckt so wenig dauerndes Interesse für das Judenthum, dieses ganze Bestreben steht zu dem wahren Judenthum in demselben Verhältnis; wie eine künstliche Blume zu einer natürlichen, wie eine abgestandene Lache zu einer lebendigen Quelle. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, im Juni. „Bernhard Förster!" — ein Jahrzehnt zurück, und er war soviel genannt wie heute noch Herr Stöcker, jetzt ist er fast vergessen, und man nennt statt seiner einen andern Förster, den Bruder, den Verkünder der Ahlwardtschen „Wahrheit" über die Waffen der deutschen Armee, der wegen seiner sauberen Prophetenrolle die Epauletten des preußischen Offiziers verloren hat. Auf den elfteren, Bernhard Förster, lenkt nochmals den Blick zurück ein Aufsatz des „Vorwärts", in dem von einem Augenzeugen geschildert wird, wie es um die Kolonie des nunmehr Verstorbenen in Paraguay bestellt war. Man kann nur sagen: Autisemitisch. Das Land, welches Förster seinen Kolonisten verkaufte, hat er niemals eigentümlich von der Regierung erhalten, so daß die Einwanderer in jedem Augenblick in Gefahr waren, von Grund und Boden vertrieben zu werden, und es sogar heute noch sind, weil auf dieselben Gebiete eine paraguayische Frau einen guten Besitztitel in Händen hat. Die Menschen nun, welche in dieser Kolonie den germauischen Geist zu einer edlen Blüthe entwickeln sollten, waren zum Theil junge Taugenichtse mit Baron- und Grafentiteln, zum anderen Theil Einwanderer aus Sachsen, „schwächliche, kleine Leute mit kindlichen romanhaften Ideen." Die einen wie die anderen sind zum großen Theil zu Grunde gegangen. Während Bernhard Förster selbst, der antisemitische Kolonisator, obgleich selbst mittellos, bis zuletzt sehrangenehm lebte. Und wie er das machte, darüber liefert der Artikel folgende Schilderung: „Das den Kolonisten abgenommene Geld, dessen Gesammtsumme sich jeder Schätzung entzieht, genügte dem Kolonisator, der für seine Person sehr komfortabel lebte, durchaus nicht; und er begann schließlich bei allen möglichen Leuten Geld gegen Wechsel zu entleihen. In kurzer Zeit beliefen sich die Verbindlichkeiten aus ... die stattliche Summe von 150.000 Mark." Um seine Kolonie bekümmern aber thut sich Förster nicht. „Er war fast immer in der Hauptstadt Asuncwu, wo er manch' einen guten Tag lebte." Schließlich aber wurde die Lage Försters stets bedenklicher; und als es schon immer schwieriger wurde, die wahre Sachlage zu verhüllen, oa kam ein letzter Schlag: „Mitten in dieses Lügengewebe sieh, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Veröffentlichung des Kolonisten Klingheil, dem Förster sein ganzes Vermögen, circa 50,000 Francs, genommen. Diese „Enthüllungen über die Förstersche Kolonie Nueva- Germania" und die von Tag zu Tag dringender sich geberdendcn Wcchselgläubiger beschleunigten Försters Ende. Bevor er seinem Leben ein Ende machte, entlieh er einem armen Teufel, dem er schon 1000 Pesos schuldete, noch den letzten Groschen, um eine Reise nach Bernardino machen zu können." Dann nahm Förster Strychnin - die armen, verlockten Kolonisten aber, die nicht zu Grunde gegangen waren, hatten allein zu sehen, wie sie ans ihrem Elend herauskamen. Es bleibt noch ein Letztes mitzutheilen übrig. Wer waren in Deutschland die Werber für die Kolonie? Der antisemitische Agitator Fritzsch in Sachsen, den der Antisemitismus zu einem reichen Mann gemacht hat, der Bankier Kürbitz in Naumburg und der Bankier Schubert in Chemnitz; als Herr Schubert sich von dem Geschäft znrückziehen wollte, suchte man ihn von Neuem zu ködern, indem man ihm in Aussicht stellte, daß er „Paraguayischer Konsul" werden sollte. Das ist die Geschichte der antisemitischen Kolonie „NucvaGermania"; und diese Geschichte, die berichtet, daß so und so viele Menschen in Unglück und Verderben getrieben wurden, ist echt — antisemitisch. Breslau Am ersten Mai beschloß der Stellennachweis - Verein jüdischer Kauflcutc „Central-Eomite Breslau" das siebente Jahr seines Bestehens. Es liegt uns die Pflicht ab, unfern verehrten Mitgliedern über die abgelaufeue Verwaltuugsperiode Bericht zu ec statten. ‘ Trotz der größten Anstrengungen und trotz aller Energie sind wir doch nicht in der Lage, Erfreuliches melden zu können, weil unsere Thätigkeit nicht die nöthige Unterstützung in den betheiligtcn Kreisen findet. Wir werden sebstverständlich nicht aufhören, an dem Ausbau des heiligen Werkes mit allen Mitteln zu arbeiten und appeliren immer von Neuem an die Unterstützung der Gleichgesinnten. Nur Einmüthigkeit kann zum Siege führen.