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Der Israelit · 1892-07-04 · Heft 53 (4.7.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 53 (4.7.1892)
Date
1892-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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963 nicht so. Daß man jüdische Geschichte und Literatur durch Vereine und Vorträge kultioiren und den religiösen Differenzpunkten dabei aus dem Wege gehen könne, ist doch eine Unmöglichkeit, die man mit Fingern greifen kann, so daß man für jeden Einsichtigen kein Wort darüber zu verlieren braucht. Aber daß man ohne weiteres durch Pflege von jüdischer Geschichte und Literatur das Interesse für das Judenthum wirklich neu beleben könne, diese Thatsache, die als ganz selbstverständlich, stillschweigend vorausgesetzt wird, dürfte bei nur einigermaßen eingehender Erwägung viel von ihrer Selbstverständlichkeit verlieren. — Man mag in Geschichte und Literatur einen noch so wesentlichen Faktor zur Erweckung von Interesse für ideelle Bestrebungen erblicken, so wird man doch einräumen müssen, daß dies nur unter bestimmten Voraussetzungen denkbar ist. Man kann, um dies an einem trivialen Beispiele zu veranschaulichen, von dem geistschärfenden Einfluß der Beschäftigung mit Mathematik die beste Meinung haben. Wenn man nun daraufhin einem unwissenden Menschen, der nicht rechnen und kaum zählen kann, den pythagoräischen Lehrsatz beibringen wollte, und hätte dieses Kunststück richtig zu Wege gebrach:, so würde man doch wenig von jenem Einflüsse verspüren. Man würde das Denkvermögen eines solchen Menschen viel eher verwirren als es schärfen. Run fehlen aber dem unwissendsten Bauer nicht so viele Voraussetzungen für ein ersprießliches Studium der Mathematik, als leider dem Gros des jüdischen Publikums abgehen, für welches jene Vereine zumeist berechnet sind. Dort sind es allgemein faßliche, aus dem alltäglichen Leben gegriffene Gegenstände, ein rechtwinkliges Dreieck, seine Katheden und Hypothenuse mit ihren Quadraten, Objekte, die man ohne allzugroße Schwierigkeit auch dem Unwissendsten klar machen kann. Aber hier? Bei keinem Volk der Welt sind doch Literatur und Geschichte so innig und unauflöslich mit einander verknüpft als bei uns, so daß man die einen ohne die andern nicht nur nicht verstehen, sondern nicht einmal denken kann. Die jüdische Geschichte hat ja nur einen ganz untergeordneten politischen Charakter, ihr Schwerpunkt liegt ausschließlich in der Literatur, in der Thora, ihrer Verwirklichung, ihrer Verbreitung und der Vertiefung eines ganzen Volkes in diese seine geistigen Schätze, für deren Hochhaltung sie gelebt, gekämpft, geduldet und in den Tod gegangen sind. Und die Geschichte der Kämpfe, dieser Leiden, dieses Martyriums, dieses Heroismus, dieser Gottessiege sondergleichen, könnte man vortragen, lehren und mit dieser Belehrung zu dem Seelenadel, zu der Geisteshöhe und Gemüthstiefe unserer Heldengestalten anspornen, wenn das, wofür sie gekämpft, wofür sie gelebt, wofür sie gestorben, ein unbekanntes Etwas, ein mit sieben Siegel, verschlossenes Räthsel bliebe? Wir gestehen gerne, daß wir auch in den gewöhnlichen Religionsschulen und in allen Unterrichtsanstalten, welche ihre Schüler nicht zu den Quellen unseres jüdischen Schriftthums zu führen vermögen, dem geschichtlichen Unterricht nur eine sehr untergeordnete Bedeutung zuerkennen. Wie kann man das Wesen, das Leben und Wirken unserer großen Meister auch nur irgendwie dem Verständniß näher bringen und ihnen die gebührende, Würdigung sichern, wenn die Seele ihres Lebens der Angelpunkt ihres Strebeus, wenn unsere Thora und das sich an sie schließende, reichere Schriftthum den Schülern selber fremd und unbekannt bleibt? Wie sollten aber gar durch Vorträge in Vereinen die hehren Lichtgestalten unserer Geschichte, unsere Tanaim, Amoraim, Rischonim und Acharouim auch nur begriffen und gar gewürdigt werden und Leute zur Begeisterung entflammen können, denen auch die ersten Rudimente jüdischen Wissens gänzlich abgehen! Müssen solche Hörer nicht zu der Ansicht gelangen, Judenthum, Kenntniß, Verwirklichung des Judenthums sei eben Geschichte des Judenthums, sei eine dürre Nomenclatur, ein mumienhaftes Gerippe von Zahlen und Daten? Wahrlich, es gehört viel Selbsttäuschung dazu, den guten Eindruck, den vielleicht ein kunstgerechter Vortrag an einem Vereinsabend auf die Bereinsmttglieder macht und der Beifall, den sie dem Redner aussprechen, für Begeisterung, für Interesse am Judenthum, vielleicht gar für jenen Enthusiasmus zu halten, von dem Göthe sagt, daß er das Beste dessen sei, was die Geschichte uns gewährt! Die redliche, gründliche Beschäftigung mit den Geistesprodukten unserer großen Geschichtsvorbilder mag wohl die Sehnsucht nach ihren Lebensgeschicken, nach ihrer Geschichte wecken. Wer die Lehre unserer erhabenen Meister in sich ausgenommen, hat auch ein Interesse, ja hat das Recht und selbst die Pflicht sich auch nach ihrem Leben umzuschauen. Lehre und Leben erklären und ergänzen sich bei unseren einzig dastehenden Idealen in einer Weise, die eine nicht genug zu schätzende Fülle herrlicher Anregungen jedem gewähren, der ihnen näher kommt. Wer einen Hillel und Schammai aus der Mischna, Abbaja und Raba aus der Gemara, einen Nascht, als dem unerreichten Erklärer unseres oft dunklen Schriftthums, einen Rambam und R. Josef Karo aus ihren condisikatorischen Leistungen und die ungezählten Tausende unserer großen Geistesheroen aus ihren uns hinterlassenen Werken kennt, wer also das Interesse für das Judenthum in hohem Grade bereits besitzt, den mag wohl die Sehnsucht

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