Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1892)
- Date
- 1892-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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962 festirte, und das ist unsere Thora, ihre Kenntniß, ihr Studium, ihre Verbreitung, ihre hingebende Pflege und ihre rückhaltlose Würdigung, welche dieses Wunder vollbrachte. Datz die Thora, die uns Moscheh gebot, das zu vererbende Gut der Gemeinde Jakobs ist, das war die Wahrheit, dem das erste Lallen des unmündigen Kindes galt, welche das Kind, den Jüngling, den Mann und den Greis durch das Leben geleitete und ihm selbst die Todesstunde verklärte. Für die Thora, für ihre Kenntniß, für ihre Verwirklichung wurden die Kinder geboren und erzogen, wurden die Häuser gegründet, Gemeinden, Schulen, Vereine gestiftet, sie war die Lebensseele, der geistige Lebensordner, der Lebensquell, das verbrüdernde Band, das jede Gegenwart mit unserer Vergangenheit verband und der gemeinsame Boden, der alle trug. Für welche Zwecke man auch zusammentrat, für Vollziehung der letzten Liebespflicht, zum Beistand für Kranke, zur Unterstützung Nothleidender, jeder Verein, jede Chebra hatte ihren statuarisch festgesetzten Schiur; allabendlich oder jedenfalls allwöchentlich, für alles was jüdische Menschen zu gemeinsamem Wirken zusammenführen mochte, war Thora, Talmud-Thora immer die unerläßliche, selbstverständliche Beigabe, immer und überall galt die Pflege der Thora als das Band, das alle leicht und freudig bindet. Das ist heute anders geworden, und daran kranken alle unsere jüdischen Anliegen. Das Wort nman m rpifr mmn rw mpn ]nj *6, daß Gott seine Thora nur gab, um die Menschen mit einander zu verbinden, scheint seine Wahrheit für uns verloren zu haben. Mochten sonst jüdische Menschen im sozialen und politischen Leben noch so weit auseinandergehen, mochte Sprache, Sitte, Gewohnheit, Besitz und Besitzlosigkeit auch hundertfach den einen vom anderen abstufen, wenn sie zu ihren heiligen Urkunden traten, und sie traten in jeder freien Musestunde hinzu, die sie dem Kampfe des Lebens abgerungen hatten — waren alle Unterschiede vergessen und alle Schranken abgetragen, die den einen vom anderen sondern. Groß und Klein, Arm und Reich, Hoch und Nieder waren hier gleich, hatten gleiches Anrecht an das Erbgut der Gemeinde Jakobs, auf die Krone der Thora. Heute ist das vollendete Gegentheil der Fall. Wenn alle in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens völlig gleicher Ansicht und Richtung wären, die Thora, ihre Verbindlichkeit, Göttlichkeit, Unantastbarkeit oder ihre Reformbedürftigkeit, ihre rückhaltlose, oder ihre nur stück- und bedingungsweise Anerkennung, das alles sind Fragen, bei deren Beantwortung die Geister wie Ja und Nein, Sein und Nichtsein, wie Tag und Nacht anseinandergehen. Deßhalb spricht man von der Thora als solcher gar nicht mehr, sondern nur noch von Religion, israelitischer Religion. Aber selbst diese Flagge deckt die Contrebande, welche sie führt, nicht hinlänglich. Während daher unsere Altvorderen bei allen ihren Einzelbestrebungen und bei ihrem gemeinschaftlichen Zusamenwirken der Thora den Ehrenplatz einräumten, lautet für unsere Vereine und Versammlungen die stehende Parole: „Ausschluß alles Religiösen J" Nur durch solches Verfteckspiel, durch solche - Jgnoriren der bestehenden Gegensätze glaubt man eine äußere Einheit wenigstens für den Schein retten zu können. Aber auf die Dauer ist es selbst für den Schein nicht möglich. Denn nicht nur unser synagogales, auch unser ganzes soziales Leben und Streben ist durch religiöse Satzung so eingehend geregelt, daß wir keinen Schritt thuu und keinen lassen können, daß wir kein Wort reden und keines unterdrücken können, ohne die Anforderungen unseres Reltgionsgesetzes zu erfüllen oder zu verletzen. Das was man geflissentlich unterdrücken und hintanhalten möchte, drängt sich bei jeder Gelegenheit vor und wirft alle verkünstelte Vereinbarung über den Haufen. Da hat man nun überall nach einem Gebiet umhergetastet, auf dem sich alle Parteien zwanglos bewegen können, ohne den Gegensatz zu verrathen, den jeder still im Busen trägt, und hat geglaubt Geschichte und Literatur sei ein solcher Boden, Vereine für Geschichte und Literatur seien der Rahmen, der sonst unvereinbare Gegensätze friedlich miteinander vereinigen könnte. Wäre dies wirklich möglich, gäbe es ein Ersatz für das Studium unserer Thora, wäre Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur ein Surrogat für die Pflege der Thora, ließe sich auf diesem Wege das thatsächlich erstorbene Interesse für das Judenthum bei seinen abgefallenen Söhnen wieder erwecken, so hätten diejenigen, die mit uns in der Kenntniß und Anerkenntniß der Thora und der treuen Erfüllung ihrer Pflichten die Lebensaufgabe eines jeden Juden erblicken, erst recht gegen eine solche Verdrängung der Thora ernste Bedenken haben müssen. Gäbe es zwei Wege, um die Judenheit für ihr Judenthum wieder zu begeistern, einen, der schon seit Jahrtausenden erprobt ist, und der in der Pflege, in dem Lernen und Aneignen der Thora besteht, und einen neu vorgeschlagenen, der durch Vereine und Vorträge für jüdische Geschichte und Literatur zu erreichen ist, müßte man, wie die Dinge nun einmal liegen, froh sein, wenn wenigstens der eine dieser beiden Wege frequentirt werde, so übernähme man doch eine große Verantwortlichkeit, wenn man sich auf Kosten der Thora für Geschichte und Literatur entscheiden würde. Nun liegt aber die Sache thatsächlich doch