Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1892)
- Date
- 1892-06-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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946 Judenfrage gemacht werden, ist man am besten in der Lage, über antisemitische Agitation ein Urtheil zu gewinnen. Leider sind aber alle diese Vorschläge derart, daß man keinen einzigen davon annehmen kann, und deßhalb halten wir auch von der antisemitischen Agitation nichts. An jüdischen Richtern und Regierungsräthen nehmen wir keinen Anstoß, nicht einmal an jüdischen Offizieren. Was das Schulwesen betrifft, so verlangen wir die confesstonelle Schule, und daraus ergeben sich alle wetteren Folgerungen von selbst. Für katholische Kinder wollen wir auch katholische Lehrer. Wenn die Conservativen weiter nichts wollen, als die Ausschließung der Juden aus der Verwaltung, der Justiz und bcm Lehramte — und weder in der conservativen Presse noch auf dem conservativen sächsischen Parteitage ist mehr verlangt — dann sollten sie lieber die ganze antisemitische Agitation unterlassen. So viel Lärm „um einen Eierkuchen" verlohnt sich wirklich nicht. Im Verwaltungsdienste und im Richterstande sind die Juden ja schon jetzt so sehr stark nicht vertreten, und würden sie daraus beseitigt, so wäre die ganze Macht des Judenthums noch — ebenso stark, wie sie heute ist. Da entfesselt man eine große Bewegung, und wenn zuletzt nach dem Ziele gefragt wird, kommt fast nichts heraus. Ein solches Mißverhältniß zwischen Anstrengungen und Zweck verstehen wir nicht. Auch aus anderen Gründen denken wir nicht daran, uns an solchen Bestrebungen zu betheiligen. Käme es zum Ausschluß der Juden aus den behördlichen Kreisen, so würde nach 24 Stunden der „Evangelische Bund" dieselbe Ausnahmeregel gegen die Katholiken verlangen. Wie stehen wir denn jetzt? Zur Zeit haben wir noch immer keine katholischen Minister, Staatssekretaire, Unterstaatssekretatre, Miniftertaldirectoren, Qberpräsidenten, Oberlandesgerichtspräsidenten u. s. w. „0e v'68t que le premier pas, qui coute“, sagt ein französisches Sprüchwort, — hätte man erst die Juden in die Staatsacht erklärt, so könnte es gar nicht so schwierig sein, das gleiche Experiment mit den Katholiken zu machen. Sage man nicht, dazu werde es nicht kommen. Es ist in 'Preußen schon zu vielen Dingen gekommen, die früher nicht für möglich erachtet wurden. Wer hätte nach der Schlacht von Sedan an die Möglichkeit eines „Culturkampfes" gegen die katholische Kirche in Preußen gedacht? Wer bürgt uns dafür, daß solche Zetten nicht noch wiederkehren? Unangenehm überrascht kann nur der werden, welcher ganz und gar zu vertrauensselig ist. Unser eeterum 66N86v ist, daß die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden im gemeinen Interesse und im Namen der Freiheit und des Rechtes nicht angetastet werden darf. Nur kein Ausnahmegesetz und keine Ausnahmemaßregeln! Sonst sind wir nicht der Meinung, daß die 49 Millionen Deutschen sich von der einen Million Juden alles gefallen zu lassen brauchen. Wo jüdische Leute das Volk bewuchern, da kläre man das Volk auf und warne vor den Blutsaugern, aber in ganz gleicher Weise gehe man gegen wucherische Christen vor. Wenn jüdische Journalisten in unanständiger Weise die Heiligthümer der Christenheit bespötteln, so lasse man es an energischer Abwehr nicht fehlen, allein bei ähnlichem Gebühren entarteter Christen thue man dasselbe. Weiter wissen wir keine „Maßregeln gegen das Judenthum", und sonst wollen wir auch keine. Dem ehrlichen, anständigen Juden soll kein Haar gekrümmt werden; aber Maßnahmen gegen das Judenthum überhaupt würden diese guten Elemente auch treffen. Können die 49 Millionen Deutschen sich auf die Weise nicht der ‘/so der Bevölkerung ausmachenden Juden erwehren, dann sind sie nicht mehr werth zu existiren. Der Anti-Semitismus bekämpft von den vielen Schäden in unserm statlichen und socialen Lebeu nur einen einzigen. Es heißt wirklich, den Juden zu viel Bedeutung beilegen, ihretwegen eine eigene Partei zu gründen. Das Ende vom Liede wäre, daß in Deutschland eine große anti-semitische Partei von 49 Millionen Christen zur „Abwehr" gegen die 2 Prorent Juden existtrte; ein solches antisemitisches „Ideal" muß geradezu heiter stimmen. Unsere Darlegung wird weder den Antisemiten gefallen, noch manchen das Christenthum fanatisch bekämpfenden „liberalen" Juden Vergnügen machen, aber sie wird bei den Centrnmswählern Beifall finden, und darauf allein kommt es uns an. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Aus Ungarn, 26. Juni. Vor einigen Tagen weilte der Kalocsaer röm.-kath. Erzbischof Dr. Georg Csüßka im Städtchen Hajos. Die dortige israelitische Cultusgemeinde benutzte diese Gelegenheit und begrüßte den Erzbischof durch eine Deputation, an deren Spitze Schuldirektor Ludwig Adler stand. Auf die Begrüßungsworte des Hrn. Adler, antwortete der humane Kirchenfürft folgendermaßen: „Ich danke sehr für Ihre freundliche Erinnerung; der Theil, der durch Ihren geehrten Redner gesprochenen Rede, daß der wahre christliche Geist auf der Alles umfassende Liebe beruhe, ist ganz richtig, denn ein Cardinalgrundsatz der christlichen Religion lautet: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst." Es schweben immer vor meinen Augen die Worte des Propheten: „Wir Alle haben doch nur einen Vater, ein Gott schuf uns, warum sollen wir einander untreu sein?" Seien Sie überzeugt, daß ich immer Ihre Wohlfahrt an-