Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1892)
- Date
- 1892-06-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXffl. Jahrgang. Erste Beilage M M 52 des „Israelit". Leitender Artikel. ^Äntifemitenfrage". Mit diesem glücklich gebildeten Terminus schließt das gelesenste konservative Blatt im Königreiche Sachsen, die konservativ-antisemitischen „Dresd. Nachr.", einen Leitartikel über den konservativen sächsischen Parteitag. Nach der Rede des Herrn v. Friesen haben wir, ruft das Blatt aus, weniger eine Judenfrage in Sachsen, als eine Antisemitenfrage. Sehr richtig l $tm Antisemitismus ist Alles fraglich, was nicht unsraglich und offenkundig schlecht ist. Eine „Judenfrage" giebt es nicht. Denn eine Rechtsbenachtheiligung, wie überhaupt jede Bekämpfung der Juden als solcher ist ein größtes Unrecht. Die Juden sind Juden nach zwei Richtungen: einmal in religiöser Hinsicht und sodann nach der Abkunft, obgleich sich religiöse Judenheit und Rasse-Judenthum nicht dem ganzen Umfange nach decken: es giebt Juden, die vom Glauben ihrer Väter abgefallen sind, und Leute mosaischen Glaubens von slawischer Herkunft. Der Antisemitismus will zwar weder die Religion, noch die Rasse der Juden bekämpfen, sondern allein ihre wirthschaftlichen Eigenschaften. Das ist der logische linsinn, der für den ganzen Antisemitismus typisch ist. Eigenschaften der Juden, d. h. aller Juden, höchstens mit einigen Ausnahmen, setzen eben ein Judenthum als ganzes, religiös oder der Rasse nach, voraus. Die besten Juden werden also mit verdammt. Tugend nützt nichts, Verdienst thut nichts," „der Jude wird verbrannt". Von einer ähnlichen Ungerechtigkeit kann nicht die Rede sein, wenn wir die Antisemiten in Bausch und Bogen, ohne eine einzige Ausnahme, tadeln und es die „Antiftmitenfrage" nennen, ob die Gesellschaft (wir sagen absichtlich nicht der Staat) sich dies Treiben noch länger gefallen lassen soll. Denn der Antisemitismus ist eine Parteirichtung, der sich der Einzelne freiwillig anschließt. Während kein Jude aus seiner jüdischen Haut heraus kann, ist der Antisemit im Stande, seinen Antisemitismus abzuthun und sich zu bessern, also ungerechter Zusammenstellung mit den anrüchigen Antisemiten auszuweichen. Oder wenn er dazu nicht im Stande ist, so liegt das nicht an natürlichen Hindernissen, sondern an der schlechten Wirkung, die der künstlich gezüchtete Antisemitismus allmählich und unausbleiblich auf den Charakter ausübt. Das macht aber die „Antisemitenfrage" nur noch ernstlicher. Man kann dem Antisemitenblatte für die Erfindung dieses Terminus aufrichtig dankbar sein. ZeLtuugsnachrichten rmd Correspondenze«. Deutschland. Berlin, 25. Juni. Oberst Debenoist vom 19. reitenden Jäger-Regiment in Lille hatte zu einem vom Regiment veranstalteten Reiterfeste den Präfekten Veldurand, einen Juden, nicht eingeladen. Kriegsminister Frehcinet bestrafte ihn dafür mit dreißigtägiger Hast. Leipzig, 22. Juni. Die Generalversammlung des nattonalltberalen Vereins des Königreichs Sachsen hat seinen Vorstand beauftragt, in Erwartung, daß der Centralausschuß der Partei sich mit der Fassung eines neuen Programms beschäftigen wird, unter Anderem auch folgenden Beschluß an den Centralausschuß gelangen zu lassen, der mit Stimmenmehrheit angenommen war: „Schon heute empfiehlt die Versammlung, Stellung zu nehmen gegenüber dem Antisemitismus, dessen verwirrende, die Leidenschaften aufregende Agitation eine schwere Gefahr für unser öffentliches Leben zu werden droht. Sie verkennt nicht die Schwierigkeiten, die aus der Einverleibung eines nach Religion und Herkunft von uns verschiedenen Volksstammes erwachsen sind. Sie erachtet jede Ausnahmegesetzgebung gegenüber dem Judenthum als solchem für unzulässig. Dagegen hält sie für geboten, daß den Mißständen, die zu der antisemitischen Bewegung Anlaß gegeben haben, überhaupt allem unredlichen und unlauteren Gebühren auf jedem Gebiete des öffentlichen und wirthschaftlichen Wesens mit voller Schärfe entgegengetreten werde, auch durch weiteren Ausbau der Gesetzgebung, insbesondere durch Strafbestimmungen." — Bei dem aus die Versammlung folgenden gemeinsamen Mahl wurde die Absendung eines Huldigungstelegramms an den Landesherrn, König Albert, beschlossen und zwar so lautend: „Ew. Majestät bringen im freudig gehobenen Gefühl unverbrüchlicher Treue und Anhänglichkeit die nach ernster Berathung zum Mahle versammelten Nationalliberalen Sachsens unterthänigen Huldigungsgruß dar." Es ist darauf folgende telegraphische Antwort an den Vorsitzenden der Versammlung, Dr. Gensel gelangt: „Bitte der Versammlung meinen herzlichen Dank für die meinem Herzen wohlthuende Kundgebung auszusprechen. Albert." Köln, 27. Juni. Die „Köln. Volksztg." enthält in einem „CentrumSpartei und Judenfrage" überfchriebenen Artikel folgende bemerkenswerthe Sätze: Wenn man die Vorschläge überblickt, welche von conservativer und antisemitischer Seite in der