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Der Israelit · 1892-06-30 · Heft 52 (30.6.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 52 (30.6.1892)
Date
1892-06-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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943 Aeuilletou. Der Günstling des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jo«. Lehma««, vr. phil. (52. Fortsetzung.) In verhältnißmäßig kurzer Zeit war die nächtliche Feierlichkeit beendigt, der halb ohnmächtige junge Mann war getauft worden, ohne daß er auch nur ein Wort dabei gesprochen hatte, gegen seinen Willen und gegen seine Ueberzeugung. Der Pope schrieb den Täufling in das Kirchenbuch ein, zwei Männer von den ltntergebenen Kolascheffs Unterzeichneten als Tauszeugen. Fröhlich scherzend und sich neckend über das gute Werk, das sie soeben zu vollbringen geholfen, verlieb die ganze Schaar die Kirche und begab sich auf den Heimweg. Jakow wurde in die Festung zurückgebracht, Iwan fuhr mit Kolascheff in seine Behausung, um noch einige Stunden Schlafs zu genießen, denn vor Tagesanbruch schon mußte der Knecht Boleslaw wieder auf dem Landgute des Gouverneurs sein. Nachdem sich die Schaar verzogen hatte, schritt der Pope tief in Gedanken versunken, seinem Wohnhause zu; es war ihm trotz des guten Verdienstes sehr unheimlich zu Muthe, er machte sich bittere Vorwürfe darüber, daß er Geld genommen, er fürchtete sehr, Gott werde ihm zürnen und ihn strafen, andererseits aber war es doch thatsächlich ein gutes Werk, das er vollbracht, er hatte eine verirrte Seele, wenn auch gegen ihren Willen, dem allein seligmachenden orthodoxen Glauben zugeführt, und dann war er auch gezwungen worden. Sinnend, von seinen Mediationeu befangen, blieb er stehen, zwei Männer näherten sich ihm, von denen ihn der Eine mit der üblichen Grußform der Griechisch-Katholischen anredete. „Was wollt Ihr noch von mir?" rief der Pope, „Die Sache ist beendet." »Ist sie das auch für Euer Gewissen?" fragte der Mann. Erstaunt blickte der Pope empor. »Ich gehöre nicht zu jenen Räubern und Mördern", fuhr der Fremde fort, „dennoch aber waren wir Beide durch einen Zufall Zeuge des ganzen Vorgangs gewesen. O Priester, Priester, was habt Ihr gethan, wißt Ihr auch, daß Ihr ein todteswürdiges Verbrechen begangen habt, indem Ihr die heiligen Geräthschaften der Kirche und das Jordanwasser entweihtet, als Ihr damit einen Ketzer, der vor dem Altar Gottes unseren Glauben zu leugnen und unser Heiligstes zu schänden wagte, besprengtet? „Ich war gezwungen", stammelte der Pope, „aber wer seid Ihr, daß Ihr mich darüber zur Rechenschaft ziehen dürft?" „Kommt ins Haus, so will ich es Euch offenbaren." Sie gingen in den Wohnraum des Popen und zündeten Licht an; die beiden Männer gaben sich als höhere Beamte der politischen Polizei zu erkennen, sie waren direkte Untergebene des Geheimraths Bluwo, des Chefs der offiziellen politischen Polizei. Der Pope erschrack auf den Tod, als er das erfuhr. „Warum habt Ihr mir nicht beigestanden, warum habt Ihr die Schandthat nicht verhindert?" fragte er schnell. „Wir waren zu wenige, wir hätten doch nichts ausrichten können." Im Innern dachten die Männer, daß sie sehr zufrieden darüber seien, daß das Vergehen Iwans nicht gehindert worden war; sie beobachteten ihn schon seit einigen Tagen unausgesetzt, und es war heute das erste Mal. daß sie dem Gehetmrath etwas Positives über das Verhalten Iwans mittheilen konnten. Diese Gelegenheit wollten sie soweit nur irgend möglich ausnutzen. Sie fingen an den Popen sehr damit in Schrecken zu setzen, daß sie sagten, er habe nicht genügend Widerstand geleistet, er hätte sich lieber tödten lassen müssen, als daß er eine solche, gegen alles göttliche und menschliche Recht verstoßende Handlung begangen hätte. Der von Natur aus sehr charakterschwache Priester ließ sich einschüchtern und flehte die Männer an, sie möchten ihm einen Ausweg aus diesem Dilemma zeigen. Der Eine der Polizeibeamte diktirte dem Priester einen Brief, worin er den ganzen Vorfall in den grellsten Farben schilderte, und namentlich die Todesgefahr, in der sich der alte Mann befand, die Scene in der Iwan Alexandrowitsch den Dolch auf die geheiligte Brust des Popen setzte, in den schreiendsten Farben hervorhob. Es wurden flehentliche Klagen geführt und der Bitte um. Schutz gegen solche Uebergriffe geltend gemacht, daß kein Priester des Landes mehr seines Lebens sicher wäre, wenn derlei Thaten unbestraft blieben. „Diesen Brief muß ich an meine Vorgesetzten Kirchenbehörden schicken", machte der Pope geltend, allein der Polizeibeamte bescheinigte ihm, daß er das Schreiben aus politischen Gründen confiscirt habe. Er wünschte dem Priester, daß der zweite Theil der Nacht für ihn geruhsamer sein möge, als der eben vergangene und begab sich mit seinem

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