Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 51 (27.6.1892)
- Date
- 1892-06-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXlil. Jahrgang. jMlngr jit M 51 des „Osnuiit“ Leitender Artikel. Vom Mccrcsstraudc. Ostende, 29. Siwan. Kennst Du, lieber Leier, das glänzendste Seebad Europa's? Bist Du schon einmal ans dem wunderbaren Damm gttustwaudelt, auf dem „die Gesellschaft" aller Erdiheile sich ein Stelldichein geben? Hast Du schon einmal die haushohen Wellen in furchtbarem Getöse an Dich heran rollen lassen und hast, überwältigt von dem Erschauen der llmudlichkeit, den Allmächtigen gepriesen, der alle diese Herrlichkeiten geschaffen? Wenn nicht, so eile hierher, insofern Du zu jenen Glücklichen gehörst, die sich den Luxus eines so kostsp eligen Badeaufenthalts gestatten können, und bewundere diese Pracht, schau zu, wie der Licht und Wärme spendende Himmelskörper, um den sich alle Planeten bewegen, untertaucht in die Fluthen jener großen Ansammlung von Wasser, die der Schöpfer- Meer genannt hat und wie dieses glänzende Gestirn bei seinem Untergange die wunderbarsten Beleuchtungen auf dem Wasser hervorzuzaubern im Stande ist; schau zu, wie die Menschen sich tummeln im Bade, beim Spaziergang, bei Tisch, und Du wirft ebenso Natur wie Menschen kennen lernen. „Ach", höre ich Dich seufzen, „für unser Einer ist das Nichts, so viel Geld habe ich nicht übrig, und wenn ich meiner Frau von der allerersten Schneiderin unserer Stadt eine noch so elegante Toilette anfertigen lasse, sie wird gewiß tausendfach überstrahlt von den Prachtkostümen, die man dort zu sehen bekommt; deßhalb bleiben wir hübsch zu Hause oder gehen höchstens 14 Tage auf's Land. Ueberhaupt sollten sich unsere Glaubensgenossen in heutiger Zeit mehr iu die fetteren Erholungsorte znrückzuztehen. Die Bordriuglichkeit vieler unserer Brüder war gewiß einer der Hauptursachen zur Verbreitung des Rischus." O, theurer Freund, wie hast Du so recht! Wenn Du hier wärest, könntest Du Dich davon überzeugen, wie schädlich gerade hier diese Vordringlichkeit wirkt. Wie die Seemuscheln nach der Fluth ibdd ffoi, so sieht man den Antisemitismus über die Welt ausgebreitet, ebenso buntscheckig, ebenso viele Gestalten zeigend, hier tief im Sand, dort nur die Spitze hcrvorstreckend, da haufenweise und bis zum Ueberdruß sich breit machend. Aber nic'o hx xb\ wie sie schon damals auf Moscheh nicht hören wollten und doch übrig ließen bis zum andern Morgen, so auch heute; unsere Brüder merken nicht die Zeichen Gottes, sie sammeln das ganze Jahr, um Geld übrig zu haben für jenen Morgen, an dem die Badereise angetreten werden soll und dann werden in nichtjüdischen Hotels und an nichtjüdischer table d’höte die Ersparnisse verpraßt! Ist cs da ein Wunder, wenn der Wurm kommt, um am Jndenthume zu nagen? O, wenn unsere Brüder doch einmal hören würden, wie so ein nichtjüdischer Hotelbesitzer über seine vielen jüdischen Gäste urtheitt, ivie sie ihm vielfach keineswegs erwünscht sind, wie er über sie spottet und wie er sich darüber beklagt, daß sie ihm andere Gäste vertreiben, und gerade am hiesigen Platze hätten es unsere Glaubensgenossen so bequem! Es giebt hier ein jüdisches Hotel, und ein solches, das den weitgehendsten Anforderungen Rechnung zu tragen im Stande ist. Zwar Austern und Eaviar werden die Inden im jüdischen Hause nicht erhalten, dagegen werden sie auch vor antisemitischen Angriffen sicher sein und sich vor so mancher Unannehmlichkeit bewahren. Ich kann nach meinen Erfahrungen das Hotel Reinsberg allen unseren Glaubensgenossen auf's Äeste empfehlen und ich bin fest überzeugt, daß dasselbe alle anderen Hotels noch nbertrcffen würde, wenn eben die Träger unseres erhabenen Glaubens ein wenig mehr Liebe, Verehrung und Treue ihrer Religion mit ihren altehrwürdigen Gebräuchen entgegenbrächten. Und wenn dies nicht geschieht, so ist daran wohl einzig und allein Schuld die Schmach erregende Unkenntniß in allem, was Jndenthum und jüdisches Wissen betrifft. Wie ist es möglich, sich für eine Sache zu erwärmen, sie nach Gebühr zu ehren und zu schätzen, wenn man sie kaum kennt? Wie ist cs möglich, selbst Opfer zu bringen, wenn man unsere erhabene Lehre höchstens aus kurzen, mangelhaften Beschreibungen oder gar aus Schmähartikeln unserer Feinde kennt? Ich will an dieser Stelle hierin nicht weiter ciugehen, denn das würde den Raum mehrerer Seiten erfordern. Ich will Ihnen nur ans Herz legen, daß es ein wahres lOin ni^m ist, sich für Herrn Reinsberg und seine zahlreiche Familie zu interessiren. Jährlich eine gute Saison, und das Hotel könnte glänzend reüssiren. Ich möchte diesen Brief nicht zu einer Reklame für das genannte Gasthaus benützen, aber das kann ich Ihre Leser versichern und es ist ja auch von maßgebenden Perjünlichkei'.-.n bereits erklärt worden, daß jeder strenggläubige Jehudt mit ruhigem Gewissen und vorzüglich daselbst speisen kann. llnd nun leben sie Sie wohl, Herr Redacteur,