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Der Israelit · 1892-06-27 · Heft 51 (27.6.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 51 (27.6.1892)
Date
1892-06-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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927 „Das ganze Leben ist mir zuwider, am liebsten wäre ich lodt. Ach was! Nur uiäjt denken, nur nicht sich besinnen, wir folgen unseren Impulsen, und das allein macht uns glücklich." Er sah nach der Uhr, es nahte bald die Stunde heran, in der das Thor des Landhauses geschlossen zu werden Pflegte. Er stand auf und ging hinaus auf die Landstraße. Einige hundert Schritte ging er dort zu Fuß, bis er in einem stillen Winkel abseits des Weges seinen Wagen fand, den er dorthin bestellt hatte. Er fuhr in seine Wohnung und kleidete sich um. Dort fand er Kolascheff und etwa zwanzig von dessen Mannschaft vor, er beorderte Kolascheff und seine Leute an eine Vorstadt-Kirche, die er ihnen genau beschrieb; an dem Thor derselben möchten sie seiner warten, Iwan selbst fuhr zu der Festung und ließ sich bei dem Gefängnißdirektor melden. Er verlangte die Auslieferung des Jakow Alexandrowitsch Horwitz, und gemäß der kaiserlichen Vollmachten, die Iwan besaß, vermochte der Gefängnißdirektor nicht, ihm den Gefangenen vorzuenthalten. Jakow war gut gekleidet, doch die Hände waren fest auf dem Rücken verschnürt, und seine Füße trugen eine Kette, die nur kleine Schritte zu machen erlaubte. „Bist Du bereit, mir nun zu gehorchen?" frug Iwan. „Führt mich zürn Tode, Herr, denn dazu bin ich bereit!" „Nun wohlan denn, so komm mit, zum Tode!" Iwan legte einen Strick um den Hals seines Gefangenen und führte ihn mit sich, wie der Metzger sein Schlachtihier mit sich fortführt. Die Beiden bestiegen den Wagen und die Pferde zogen an. Sie gelangten nach kurzer Zeit zu einer Kapelle, die auf einem Hügel nicht weit entfernt von einer der Vorstädte lag. Es war eine helle Mondnacht, und frischer, dünner Schnee war erst vor Kurzem gefallen. ch-üichenhaft strahlten die fünf vergoldeten Kuppeln der griechischen Kapelle in dem matten silbernen Mondlicht, cs war ein himmlisch schöner Anblick, so still und freundlich, als ob cs unmöglich sei, auf diesem poesievoll schönen Fleckchen Erde ein Verbrechen zu begehen. Kolascheff pochte mit wuchtigen Schlägen an das Thor der Kapelle, doch Niemand öffnete. Hinter derselben, von Bäumen fast verhüllt, lag ein kleines Häuschen, dort wohnte der Pope und der Kastellan. Hier blieb das Pochen und Läuten nicht erfolglos. Der Kastellan frug nach dem Begehren der vielen Leute; der Pope, der schon schlief, wurde geweckt. „Was wollt Ihr von mir?" rief der alte Mann zitternd, „Ihr findet in meinem Hause keinen Reichthum, ich bin arm wie Ihr!" Der Mann befürchtete, daß er von einer Räuberbande überfallen worden sei, denn dergleichen war schon öfter, sogar mitten in der Stadt, geschehen. „Fürchte nichts, Pope", schrie Iwan, „wir wollen Dir nichts nehmen, im Gegentheil Du sollst Geld verdienen für Dein hungerndes Weib und Deine Kinder, es gilt ein heiliges Werk auszuführen, ein Jude soll getauft werden." „Dergleichen thut man nicht in der Finsterniß der Nacht", entgegnete der Priester würdevoll. „Der Mond scheint ja ganz hell und schön", rief Iwan lachend. „Wartet bis es Tag ist, und wenn der Jude genügend vorbereitet wurde, so bin ich mit Freuden gewillt, die heilige Handlung zu vollziehen." „Man muß ein gutes Werk niemals aufschieben, vielleicht ist es morgen unmöglich", sagte Iwan wieder ernst werdend, „kommt nur, gutes Priesterlein, sperre Dich nicht und reibe Dir die Schlaftrunkenheit aus den Augen." Zögernd gehorchte der Pope dem ungestümen Verlangen der Leute, die massenhaft sich in das Haus drängten und gar drohend den Priester ansahen. Seufzend legte er die Meßgewänder an und ließ sich dann halb willenlos von den Furcht erregenden Gesellen zur Kirche führen. Einer hatte bereits dem Kastellan den Schlüssel abgenommen und die Thore der Kapelle geöffnet; der Mond schien hell in den Raum, man brauchte kein Licht anzuzünden. „Wo ist der Jude?" rief der Priester jammernd, „ich muß ihn doch zuerst fragen, ob er auch genügende Unterweisung in den Lehren und Satzungen unserer heiligen Religion empfangen hat." „Das kann Alles sväter geschehen", entgegnete Iwan frech. „Henke thue Deine Pflicht, wie mau von Dir verlangt. Ihr Popen habt schon mehr Juden getauft, die keine Ehrt - cn wurden." Mit Schlägen, Stößen und Püffen wurde Jakow in die Kapelle hineingestoßen. „Heiliger Gott!" schrie der Priester entsetzt auf, „diesen Mann soll ich taufen, der gefesselt wie ein vom bösen Geist besessener, und den Ihr zum Altar schleppt, wie zu einer Schlachtbank?" „Er ist ja auch vom bösen Geiste des Judenthums besessen, diesen bösen Geist sollst Du Priesterlein mit Deinem Weihwasser austreiben!" rief Iwan roh lachend. „Sprich, Du armer Gefesselter", sagte der

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