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Der Israelit · 1892-06-27 · Heft 51 (27.6.1892) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 51 (27.6.1892)
Date
1892-06-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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925 eventuell wird eine nochmalige Haftentlassung abhängig gemacht von einer erhöhten Kaution von M. 50,000. Berlin, 22. Juni. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung gelangte der dringliche Antrag des Stadtverordneten Dr. Friedmann, betreffend die Verhinderung der Belästigung des Publikums durch Verbreiten schamverletzender Schriften auf den Straßen der Stadt zur Verhandlung. (Es handelt sich um den Verkauf der Schrift „Judenbordelle"). Der Bürgermeister Zelle erwiedert auf die Ausführungen des Antragstellers, daß der Magistrat bereits entsprechende Schritte beim Polizei-Präsidenten gethan habe, die sogar noch weiter gingen, als der vorliegende Antrag, insofern auch der Unfug, der durch die Säulenplakate betrieben werde, Abstellung finden solle. Gegen den Antrag sprach Stadtverordneter Singer, der die Angelegenheit nicht für so wichtig hielt, um gleich nach der Polizei zu rufen; namentlich äußerte er Bedenken, daß nun die Polizei auch noch entscheiden solle, was unfläthig sei. Der antisemitische Stadtverordnete Pretzel erklärte dagegen, er habe gegen den Antrag nichts einzuwenden. Der Antrag Frtedmann wurde darauf mit großer Mehrheit angenommen; dagegen stimmten nur die Sozialdemokraten. Stuttgart, 11. Juni. Wie weit die antisemitische Verhetzung schon gediehen ist, beweist ein vom „Stuttgarter Beobachter" mitgetheilter Vorfall im Stadtgarten und Cafe in Stuttgart: Ein zur Reserveübung eingezogener Reserveoffizier unterhielt sich letzten Sonnabend im Stadtgarten mit einem israelitischen Schulkameraden. Da machte ein Berliner Herr, der sich später als Reserveoffizier bei einem Berliner Regiment vorstellte, die laute Bemerkung, es sei eine Schmach für's Vaterland, daß ein Offizier sich mit einem Juden an einen und denselben Tisch setze; diesem Offizier gehöre der Degen abgenommen und stückweise in's Gesicht geschleudert, die Uniform ausgezogen 2C. Am Pfingstmontag sing der Berliner Reserveoffizier seinen Radau im Residenz-Cafe an. kam dabei aber, als er trotz aller Vorstellungen nicht ruhig werden wollte, schlecht weg. Ein Jude titulirte ihn „L ... buben", ein anderer packte ihn am Kragen, prügelte ihn ordentlich durch und am Schluffe wurde der Berliner Reserveoffizier gleich dem Gast aus Nubierland, vor die Thür geworfen. Ob er trotzdem seinen Degen behält, wissen wir natürlich nicht; aber das wird der Berliner Herr eingesehen haben, daß gemeine antisemitische Hetzereien in Stuttgart, auch bei solchen, die keine Freunde der „Semiten" sind, verabscheut werden. Karlsruhe, 22. Juni. Gegenüber der Freiburger Correspondenz in voriger Nummer über die antisemitischen Artikel der „Freiburger Zeitung" erklärt die „Badische Correspondenz" hochoffiziös, daß die Regierung entschieden die antisemitische Agitation mißbilligt. Hannover, 16. Juni. Der Hannoversche Courier schreibt: Der sächsische conservative Parteitag, der zum Zwecke der Stellungnahme in der Judenfrage einberufen wurde, erfährt auch in conservativen Blättern, wie im „Retchsboten" eine ziemlich abfällige Besprechung. Daß sieden Materialismus lediglich bei Socialdemokraten und Juden suchen, dafür müssen die Herren Ultraconservativcn manch' svöttisches Wort hinnehmen, und wenn sie zur Bekämpfung des Materialismus fast nichts weiter als die Beschränkung der Freizügigkeit anzupreisen wissen, so zeigt das Mcht nur von einer trostlosen Gedankenarmut, sondern auch von einem Egoismus, dem gerade der rücksichtsloseste Materialismus zu Grunde liegt. Gegen den Antisemitismus in seiner pöbelhaftesten Form fielen einige treffende Bemerkungen, aber es klang doch vor Allem die Sorge hindurch, daß die schönen antisemitischen Stimmen der conservativen Sache durch Absonderung verloren gehen könnten. Bezeichnend aber für den Werth der „offenen Aussprache" war vor allen Dingen, daß die Spaltung innerhalb der conservativen Partei mit keinem Worte erwähnt wurde. Manche in der Partei werden natürlich behaupten, daß diese Spaltung gerade Sachsen nicht berühre; aber die anwesenden preußischen Parteigenoffen, namentlich die Herrn v. Manieuffel und v. Hammerstein, hätten doch die sächsischen Brüder über diesen Punkt aufklären müssen. Daß sie es nicht thaten, läßt tief blicken. Oesterr.- Ungar. Monarchie. Budapest, 20. Juni. Die General-Versammlung der Chewra-Kadischa legte erneutes ehrendes Zeugniß für die großartige Wirksamkeit dieses Musterveretns ab. Das wichtigste Ereigniß des Vorjahres war die Aufnahme von 1004 neuen Mitgliedern, von denen 913 eine Aufnahmsgebühr von 34,370 fl. erlegten, 73 ehrenhalber ausgenommen wurden. Das neue Siechenhaus steht bereits unter Dach und wird im Herbst seiner Bestimmung übergeben werden. Das bisherige Stechenhaus beherbergte im Vorjahre 32 Personen beiderlei Geschlechtes; wegen Raummangel mußten weitere 6 Sieche außer dem Hause verpflegt werden. Der Fond des Siechenhauses betrug 62.078 fl. 40 kr. und außerdem verfügt derselbe über eine Stiftung von 80,022 fl. Zur Erhaltung des der hiesigen Gemeinde gehörenden Spitals trug die Chewra-Kadischa auch im Vorjahre 15,000 fl. bei. Für andere Kranke gab sie 2228 fl 85 kr.

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