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Der Israelit · 1892-06-27 · Heft 51 (27.6.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 51 (27.6.1892)
Date
1892-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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924 wenn die Stunde dieses Auszugs wiederkehrt, sieht sich jeder, der sich zu ihrer Feier anschickt, an, als sei er selber aus Mizrajim gezogen, ja als ziehe er selbst aus Mizrajim, er lebt alljährlich in Wanderhütten, wie es die Väter thaten, als sie durch die Wüste zogen, jeden Tag ftnahnt er sich durch Zeichen um Kopf und Hand so eindringlich an dieses historische Factum und seine in alle Gegenwart ragenden Konsequenzen, daß das Ereigniß in ewig unverwelklicher Frische vor ihm steht, und der Jude hätte keinen historischen Sinn gehabt, er dessen ganzes Leben und Streben eine wahrhafte Verkörperung seiner Geschichte bildet? In der Pietät, jmit welcher der wahre Jude, die von den Väteen überkommenen Sitten, ihre Gesetz und Recht erhalten sieht, steckt ein Fond von historischem Sinn, dessen Reichthum das Aufzeichnen desselben in die gewöhnlichen Formen geradezu unmöglich macht. Der Sinn für Geschichte ist die einzige, eigentliche Ursache des Mangels an geschichtlicher Darstellung bei uns. nnn mn bj ]w rwr» um nvw hd Weil das, was war, immer noch im Werden und Weiterentwickeln begriffen ist, gibt es für den jüdischen Menschen nichts Neues unter der Sonne, aber auch — nichts Altes und am wenigsten Veraltetes. Diese Bemerkungen dürften genügen, um festzustellen, ob das erwachte Bedürfniß nach Pflege der Geschichte bei uns wirklich einen Fortschritt bedeutet, oder ob es nicht vielmehr als ein bedenkliches Symptom für einen gar nicht ernst genug zu nehmenden Niedergang zu fassen ist. (Forschung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Darmstadt 23. Juni. (Zweite Kammer) Gegenüber dem Abg. Weith, welcher wegen Vorkommnisse in einer Versammlung in Arnsburg Klage geführt hatte, entgegnete Staatsminister Finger, daß antisemitische Versammlungen mit gutem Grunde überwacht würden, weil in denselben nur Haß, Neid und Bosheit gepredigt und großgezogen würden. So lange dies nicht unterbleibe, werde die Regierung auf Beaufsichtigung der Versammlungen nicht verzichten. Berlin, 16. Juni. In den hiesigen antisemitischen Versammlungen wurde vor einiger Zeit ein wahres Schandblatt, welches gegen die Juden in einer unerhörten Weise hetzt, gratis in Massen vertheilt. In den letzten Wochen ist ein Talmudauszug in den Straßen Berlins und namentlich an verschiedenen Stellen der Friedrichstraße massenweise zu 10 Pf. das Stück verkauft worden. Auch vor dem preußischen Abgeordnetenhaus fand sich vor einigen Tagen ein solcher Verkäufer ein. Dieses Schandblatt wird mit anderen antisemitichen Schriften und Flugblättern in der lautesten Weise von den Verkäufern ausgeschrieen und in zudringlicher Weise angeboten. Von Dr. H. Hildesheimer in Berlin ist gestern ein Gegenflugblatt erschienen, welches nachweist, daß dieser sogenannte antisemitische Talmudauszug eine schamlose Fälschung ist. Der antisemitische Talmud- Auszug ist nichts Anderes als ein Nachdruck des „Judenspiegels" des „Dr. Justus", der von Gelehrten, wie Prof. Dr. Fr. Delitzsch, Prof. Dr. Th. Noeldecke (Straßburg i. E.), Prof. Dr. A. Wünsche (Dresden) als ein elendes Machwerk von niederträchtigen Fälschungen und Verdrehungen gekenntzeichnct worden ist. Und wer ist dieser „Dr. Justus"? Der Verfasser heißt eigentlich Aron Brimann; er ist, nachdem er seine Frau und zwei Kinder in der Heimat im größten Elend verlassen hatte, zum Protestantismus und ein paar Monate später zum Katholicismus übergetreten, und wurde am 6. April 1885 vom Wiener Landgericht wegen Urkundenfälschung zu zwei Atonalen Kerker und Landesverweisung verurtheilt. Und das ist die Autorität unserer Antisemiten! Zu allem Uebcrfluß hat dieser Ehrenmann in einem mit Approbation des Bischofs Eder von Salzburg herausgegebenen Buche „Die Kabbala" erklärt, daß die gesammte antisemitische Talmud- Gelehrsamkeit einschließlich des „Judenspiegels" auf Dummheit und Unwissenheit basirt ist. Herr Dr. Hildesheimer hat nun, gleichfalls in der Form eines Flugblatts, hundert Sätze aus dem echten Talmud abgedruckt, welche von den Beziehungen der Juden zu Andersgläubigen handeln, die jeden Unbefangenen davon überzeugen werden, daß der Talmud den Vergleich mit jedem Sittengesetz aushaltcn kann, daß die Lehren desselben, weit entfernt, den Haß gegen Andersgläubige zu predigen, alle Menschen mit gleicher Liebe' umfassen, Hülfsbereitschaft, Ehrlichkeit im .Handel und Wandel u. s. w. gegen alle Menschen zur religösen Pflicht machen. Sebstverständlich wird Herr Dr. Hildesheimer kein Glück mit seinen Belehrungen bei solchen Antisemiten haben, die wohl wissen, daß sie lügen und doch lügen. Aber es giebt noch naive Gemüther, die im guten Glauben, wenn auch widerstrebend das antisemitische Flugblatt für baarc Münze nehmen und denen eine Belehrung über den wirklichen Charakter des Talmud-Auszugs zugleich eine Erleichterung ist. Berlin, 22. Juni. Dem antisemitischen Agitator und köngl. Oberlehrer Dr. Paul Förster ist nach der „Neuen Zeit" nunmehr der Abschied aus seinem Militärverhältniß ertheilt worden. Bekanntlich hatte Förster in einer öffentlichen Versammlung die verrückte Erklärung abgegeben, er könne im Ernstfälle eine mit Loewe'schen Gewehren bewaffnete Kompagnie nicht in den Kampf führen und müsse deshalb um feine Verabschiedung als Landwehr-Offizier einkommen. Berlin, 23. Juni. Ahlwardt wurde abermals verhaftet und in Untersuchungshaft abgeführt, da das Kammergericht den Beschluß der Strafkammer auf Entlassung gegen Kaution aufhob;

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