Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-06-27 · Heft 51 (27.6.1892) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 51 (27.6.1892)
Date
1892-06-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448266--34363-2482300
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

023 Inan in früheren Zeiten, wo das Vereinswesen bei uns in so herrlicher Blüth-' stand, daß fast jeder edle, ideale Zweck seine besondere Chewra hatte, dennoch keine Vereine für jüdische Geschichte kannte. Die zeitgenössischen Verfechter, Lehrer und Verbreiter der jüdischen Geschichte erklären sich diese Eigenthümlichkeit leicht durch die Thatsache, daß man eben in früherer Zeit kein historisches Verständntß gehabt, und daß es ja eben unsere Zeit sei, die hier eine neue Wissenschaft angebahnt und ausgebaut habe. Ist doch der geschichtliche Blick, ja der Sinn für Geschichte dem jüdischen Volke von den eigenen Söhnen abgesprochen worden, die sich dann eifrig bemüht zeigten, in den jüngsten 5—6 Decennien nachzuholen, was seit Jahrhunderten versäumt sein sollte. Wenn in der That der historische Theil unserer reichen vielseitigen Literatur im Vergleich mit den andern Parthieen wesentlich kleiner erscheint, so dürfte diese Thatsache in dem Wesen des jüdischen Volkes und in dem Wesen jeder Geschichtsforschung ihre Erklärung finden. Ist objektive Forschung mit völlig unbeeinflußter Auffassung und Wiedergabe des Erforschten die erste unerläßlichste Forderung an jede geschichtliche Darstellung, so begreift es sich, daß diejenigen Geschichtsepochen, die noch in ihrer Entwickelung begriffen und daher nicht abgeschlossen sind, einer wahrheitsgetreuen Schilderung die größten Schwierigkeiten entgegen stellen, weil der Darsteller, je mehr er sich in seinen Gegenstand versenkt, umsomehr Gefahr läuft, seine subjektiven Anschauungen und Empfindungen aus Kosten der tatsächlichen Wahrheit mit dem Gegenstand seiner Darstellung zu verweben. Ja, das Bedürfniß einer geschichtlichen Darstellung, einer Fixirung des Geschehenen, macht sich in normalen Verhältnissen kaum geltend, so lange die Geschehnisse noch nicht geschehen, d. h. nicht vollständig zum Abschluß gelangt sind, so lange der Darsteller selbst inmitten der Thatsachen stehend, alles Interesse eben den Thatsachen, die ihn umgeben, nicht aber deren Schilderung zuwendet. Hieraus dürfte es sich erklären, daß in einer Volksgesammtheit, wie sie eben die jüdische repräsentirt, die Zahl derer immer nur eine geringe war, welche die Neigung der beschaulichen, historischen Darstellung über die Fluth der täglichen Geschehnisse hob, um sie von dort zu fixiren und wiederzugeben. Weil die jüdische Gesammtheit keine sietive Idee ist, weil sich jeder einzelne als lebendiges Glied des großen Ganzen fühlt oder doch fühlen sollte, weil Geist und Herz ganz im Sinne der Gesammtheit stehen, deßhalb suchte und fand die im Dienste der Gesammtheit kämpfende Hand nicht die Muße, den Griffel der Geschichte zu führen. Es ist vielleicht unter diesem Gesichtspunkt gestattet zu sagen, daß von bestimmten, die Regel bestätigenden Ausnahmen abgesehen, die Zeiten, welche die Geschichte machten, sie nicht schrieben, und die, welche sie schildern, sie nicht machten. Es gehört eine ganz besondere göttliche Gnade dazu, mitten im Gewühl des Lebens dieses selbst treu schildern zu können und es begreift sich daher, wie die bloße Autorschaft der historischen Theile unserer heiligen Urkunden dafür zeigt, daß sie arnpn nnn geschrieben sind. Es ist daher wohl kein bloßer Zufall, wenn das erwachte Interesse für jüdische Geschichte mit einer Zeitströmung zusammensiel, welcher das von den Vätern überkommene Judenthum als antiguirt und abgethan erschien, das man zu registciren zu müssen glaubte, um es vor Vergessenheit zu schützen. In Zeiten, in denen das Judenthum noch nicht die Bibliotheken, sondern die Meister und Gemüther seiner Bekenner füllte, hatte man gar nicht Zeit und Bedürfniß seine Geschichte niederzuschreiben und Vereine dafür zu gründen. Jeder Einzelne war von seiner Zugehörigkeit zum großen Ganzen und von der ewigen Unvergänglichkeit dieses Ganzen so durchdrungen, daß er nimmer die Zeit gekommen glaubte, seine Geschichte schreiben zu sollen. Die Verbindung der Gegenwart mit der Vergangenheit, die lebendige Teilnahme der Zeitgenossen an Geschick und Leben ihrer Vorfahren, dieses erste und letzte Ziel jeder Geschichtsforschung, war ja bei uns in einer Weise verwirklicht, wie sie von keinem historischen Studium auch nur erhofft, geschweige denn erreicht werden könnte. Dieses lebendige Bewußtsein von der Zugehörigkeit des isolirtesten Einzelnen zur großen Gesammtheit, das jede Gegenwart nur als Brücke zwischen einer großen Vergangenheit und einer noch größeren Zukunft begreifen läßt, das die Judenheit dem Judenthum und das Judenthum der Judenheit erhalten und so die Nothwendigkeit einer geschichtlichen Darstellung naturgemäß in den Hintergrund gedrängt hat, dieses Bewußtsein für alle Zeit unverlierbar zu sichern, scheint von vornherein Gegenstand ganz besonders fürsorgender Gotteswaltung zu sein. So wird das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum abrahamitischen Bündniß nicht etwa geschichtlich gelehrt, sondern durch das Blut eines jeden männlichen Kindes schon im zartesten Kindesalter durch die That besiegelt. B s auf diesen Tag öffnet sich kein jüdischer Mund zum Gebet, ohne des Gottes der Väter zu gedenken und so einen Knoten in dem Bande zu schürzen, das den spätesten Enkel mit den: ältesten Ahn verbindet. Die Geschichte des Auszugs aus Egypten gehört nicht der Geschichte, nicht der Vergangenheit , sondern der lebendigen Gegenwart an. Alljährlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.