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Der Israelit · 1892-06-27 · Heft 51 (27.6.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 51 (27.6.1892)
Date
1892-06-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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922 fick ändern und gegenseitig ablösen. Auch in der Wissenschaft, in ihren verschiedenartigen Dtsciplinen, behauptet ein System leiten länger als zwei Decennien seine herrschende Stellung. In den siebenziger Jahren absorbirte die Richtigstellung der Grenzen zwischen Staat und Kirche die öffentliche Aufmerksamkeit, und „Eulturkampf" war das Schlagwort des Tages, und die öffentliche Meinung sowie die von ihr beeinflußten gesetzgebenden Faktoren entschieden sich bei Regnlirung der Machtsphären von Staat und Kirche zu Gunsten des ersteren auf Kosten der letztern. Nach kaum 20 Jahren verlangt heute der Zug der Zeit das Gegentheil. Inzwischen ist die ganze Angelegenheit heute zu einer Frage zweiten oder dritten Grades herabgesunken, und die erste Frage unserer augenblicklichen Gegenwart liegt nicht auf religiösem, sondern auf sozialem Gebiet, bildet die sogen, soziale Frage. Auf wissenschaftlichem Gebiete waren cs die Naturwissenschaften, welche die ganze Situation beherrschten. Ihre Herrschaft ist auch heute noch nicht zu Ende, aber daß sie längst ihren Höhepunkt überschritten und daß ihr Einfluß im Niedergang begriffen ist, unterliegt keinem Zweifel. Im jüdischen Kreise war der Bruch mit dem Bestehenden, der Abfall von dem Ueberlieferten, den man beschönigend „Reform des Judenthums" nannte, die Parole, mit der junge Stürmer die Massen köderten. Als man gewahr wurde, daß man damit an dem Ast sägte, auf dem man selber saß, verwandelte sich die radikale Reform ä outrance in eine konservative Reform. Die goldene Mittelstraße wurde erfunden und mit juste milieu sollte das gefährdete Judenthum gerettet werden; geläuterter, veredelter und verkürzter Gottesdienst war die Losung der neuen Religion, und mit diesem Quaksalbermittel sollten alle Schäden und Gebresten des alten Judenthums gehoben werden. Heute, wo sich das alles als verfehlt und trügerisch erwiesen hat, scheint Geschichte und Literatur des Schibolet werden zu sollen, von dem sich seine Erfinder die Verwirklichung ihrer so kläglich gescheiterten Hoffnungen versprechen. Man darf nun nicht den erfreulichen Fortschritt zum Guten verkennen, der sich in allen diesen Wandlungen dennoch thatsächlich vollzogen hat und noch tagtäglich sich vollzieht. Der bloße Sinn für unsere Geschichte, das Interesse für das Geschehene, die hingebende Beschäftigung mit dem bereits Vergangenen, ist äußerlich betrachtet, schon der vollendete Gegensatz der Reform, des Bruchs mit der Vergangenheit und der Verachtung alles dessen, was hinter uns liegt. Nichtsdestoweniger, ja gerade deßhalb, weil diese neue Phase äußerlich legal auftritt, scheint es geboten das Irrige und Bedenkliche derselben mit aller Entschiedenheit zu betonen. So lange man das Judenthum durch Abfall von seinen Satzungen zu Ehren bringen wollte, wie es die Reform vorgab, so lange man Steine auf dasselbe warf und sich und andere beredete, damit sichere man dem Judenthum die ihm gebührende Achtung, so lange man sich nicht für rechts und nicht für links entscheidet, sondern vorsichtig auf einer von der eigenen Klugheit erträumten Mitte balancirt, so lange man ernstlich die Prätension hat, durch Streichung und Kürzung von Gebeten, Andacht zu schaffen und leere Bethäuser zu füllen, so lauge braucht man die Dinge nur bei ihrem rechten Namen zu nennen, und sie sind gerichtet. Wenn man aber von all diesen Dingen schweigt und Geschichte und Literatur, jüdische Geschichte und jüdische Literatur au bloe verordnet, um die Schäden innerhalb der jüdischen Gesammtheit zu heilen, so mag das von vielen ganz harmlos, ja sogar als löblich selbst von solchen beurtheilt werden, die gewiß mit der Sorte Judenthum nicht einverstanden sind, die auf diesem Wege gewonnen und gefestigt werden soll. Sehen wir uns das Bestreben ein wenig an, durch jüdische Geschichte und Literatur, durch Vorträge und Vereine, die dem Judenthum entfremdeten Söhne und Töchter wieder für ihr Vätererbe zu interessiren, so scheint dieses ganze Unterfangen von vornherein sehr fragwürdig, auch wenn man von seiner dogmatischen Seite einmal ganz absieht. Die Frage nach dem Bildungswerth der Geschichte im Allgemeinen, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Denn selbst diejenigen, welche die Frage bejahen, thun dies nur mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß es sich um redliches, ernstes Selbststudium der Geschichte handelt. Der dilletantenhaften Behandlung der Geschichte durch Vorträge in Vereinen hat noch Nieniand einen dauernden, bildenden Werth zuerkannt, lieber den Schaden, den dagegen eine solche Behandlung der Geschichte im Gefolge hat, kann man sich durch Leklüre der hierhergehörigen Literatur leicht informiren.*) Wir sehen jedoch von diesen Gesichtspunkten hier ab, um der Eigenart speziell der jüdischen Geschichte etwas näher zu treten. Aus einer Würdigung derselben, dürfte sich auch die Eigenthümlichkeit erklären, mit der diese Betrachtung einlettete, daß *) Wir verweisen hier auf: Fr. Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. — 1874. Früher schon: H. Grimm in seinen „Unüberwindlichen Mächten." — Eine instruktive Abhandlung über den Bildungswerth der Geschichte ist kürzlich von Dr. Georg Stockert erschienen.

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