Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1892)
- Date
- 1892-06-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448265--34347-2482283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
908 „Wenn Ihr nicht zu ermüdet seid, so geht noch einmal nach der Stadt zurück, begebt Euch zu dem Rabbiner Dr. Sacharin und bittet ihn, an irgend einen Bekannten nach Petersburg zu tele graphiren, damit ich Nachricht erhalte, wie es meinem Vater ergeht." „Ich habe ja hier im Schlosse, nachdem die Fürstin abgereist ist, keinen Menschen der mir wohl will und dem ich vertrauen kann, außer Euch. Nicht wahr, Boleslaw, Ihr erweist mir diesen Liebesdienst?" „Ich bin mit Freuden dazu bereit," entgegnete Boleslaw, aber auch ich habe von den Juden der Stadt, die ich gesprochen, den Auftrag erhalten, Euch mehreres mitzutheilen. Wollt Ihr nicht die Güte haben, mir zu sagen, wie die widersprechenden Nachrichten lauteten, die Ihr über Eueren Pflegevater erhalten habt." „Was die Fürstin Lydia mir sagte, wißt Ihr, der jüdische Mann aber berachrichtigte mich, mein Vater komme in den nächsten Tagen schon nach Slobotka, da es ihm nicht gelungen sei, die Befreiung meines Bräutigams durchzusetzen; er werde mir dort Vieles zu sagen haben. Was nun ist die Wahrheit?" „Ach, Ihr bedauernswerthe junge Dame," sagte der Knecht, „so wißt Ihr noch nicht, wovon die ganze Stadt spricht?,, „Was ist es?" fragte Rosa im höchsten Grade beunruhigt. „Unsere gnädigste Herrin, die Fürstin, fuhr öfters in die Stadt, in die Festung, man weiß es allgemein, daß sie sich dort sehr für einen Gefangenen interessirte, Namens Jakow Alexandrowitsch Horwitz. Sie hatte es veranlaßt, daß jener Gefangene das beste Zimmer in der Festung erhielt, auch für die besten Speisen sorgte sie." „Wie gut, wie edel, wie liebevoll!" rief Rosa. „Hm, hm," machte der Knecht, „sie fuhr fast jeden Tag zu ihn und unterhielt sich mit ihm; er soll ein schöner, geistvoller junger Mann sein, der Gefangene." „Wie? und davon hätte sie mir nichts gesagt, das ist ganz unglaubwürdig, Boleslaw!" „Sie mag ihre Gründe gehabt haben, daß sie es nicht gesagt hat, die junge Fürstin ist sehr leidenschaftlich." „Tollheit, Wahnsinn!" schrie Rosa, „redet Ihr irre, Boleslaw!" „Ich will das dumme Geschwätz der Leute nicht wiederholen, die es sich angelegentlich sein lassen, unsere gnädige Herrin, Gott erhalte sie, in verläumderischer Weise zu beschimpfen. Nur so viel ist sicher, daß der junge Mann, dieser Jakow Alexandrowitsch Horwitz, von dem ich vorher sprach, auf Wunsch der Fürstin heute öffentlich »die Taufe empfangen hat." „Die Taufe?!" Der Pulsschlag Rosas stockte, sie war todtenbleich, einen Moment noch hielt sie sich aufrecht, dann sank sie mit einem lauten Schrei auf einen Sessel. Die Augen Iwans glühten, wilde Begehrlichkeit bäumte sich in ihm auf, einen Augenblick lang sah er scheu in dem Zimmer umher, — er war im Begriffe sich der Halbohnmächtigen zu nähern, als mehrere Diener von dem Schrei herbeigelockt, in das Zimmer eilten, und durch Wasser und scharfe Essenzen die fast Bewußtlose wieder zum Leben erweckten. (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelit* erscheint wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstag-, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen au. — Durch den Auchhandel |» befielen bei S. $. Steinacker, Leidig, Doßplatz 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut CourS. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland mck Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt <Hauptblatt>: Leitender Artikel: Vergangenes und Gegenwärtiges. Betrachtung zu mp 'D ‘W von S. Andorn-Fronhausen. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Aus Hessen. Berlin. Köln. — Frankreich: Paris. — Bulgarien: Sofia. — Spanien: Lissabon. — Egypten: Alexandrien. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Günstling deS Czaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phil. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Die Schweizer. Presse über die Schächtfrage (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Worms. Vom Niederrhein. Meiningen. Leipzig. Freiburg. — Italien: Rom. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Fürth. Karlsruhe. Roth bei Nürnberg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Prag. Teschen. — Rußland. — Türkei: Salonichi. Verantwortliche Redaclion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition deS „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen