Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1892)
- Date
- 1892-06-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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907 Der Teufel versteht Euer Kauterwelsch, macht cs, wie Ihr es für recht hält, doch laßt mich mit Euren Judenkniffen in Frieden. Der Mann muß seine Tochter in dem Briefe anzeigen, er befinde sich in Slobotka, versteht Ihr wohl? Nun joi Slobotka, werd er schreiben Euch, es ist ein Reb Sender Jtsche, doch ein gestudirter Mann." „Es wäre Noth, mir einen Dolmetscher anzuschaffen, ich verstehe kein Wort von dem, was Ihr sagt. Ich sehe schon, da muß Kolaschaff eingreifen. Wartet hier bis Jener kommt. Iwan schrieb einen Brief an Kolascheff, worin er sein Verlangen auseinandersetzte und gab denselben dem ehemaligen Juden. „Ich habe noch einen Auftrag für Euch, der nicht so wichtig ist, wie der Inhalt des Briefes, vielleicht können wir uns darüber verständigen. Kennt Ihr jenes junge Mädchen? „Wer werd se nitt kennen in seiner Stadt?" Antwortet mir mit Nicken oder Kopfschütteln. Der Getaufte nickte lebhaft. „Kennt sie auch Euch?" „Wenn ich trog Paies un den Schubetzen werd se nicht wissen-" „Schweigt still". Ich geb es auf, mich mit Euch zu verständigen. „Ich versteih, ich versteih", schrie der Getaufte. Soeben ließ sich Kolascheff melden und setzte nun auf Iwans Wunsch dem getauften Juden auseinander, daß er sich in die Tracht armer Juden stecken solle, sich dann in das Landschloß des Gouverneurs begeben und der sich dort aufhaltenden Jüdin mittheilen möge, er habe ihren Vater in Petersburg gesprochen, derselbe sei sehr betrübt darüber gewesen, daß es ihm durchaus nicht gelingen wollte, die Befreiung seines Sohnes zu erreichen; auch der Fürst Michail habe nichts erlangt und so sei denn von Alexet jede Hoffnung auf gesetzlichem Wege — das gewünschte Ziel zu erreichen aufgegeben; er kehre schon in den nächsten Tagen nach der Hetmath zurück und werde in Slobotka verweilen, von da aus werde er Nachricht an Rosa senden. Der Mann begriff dieses Alles sehr wohl und versprach es richtig auszuführen, ehe er ging, fertigte er in Gegenwart Iwans und Kolascheffs das von diesem gewünschte Schriftstück an. Unter den beschlagnahmten Papieren Alexeis befanden sich auch mehrere unbeschriebene Bogen, auf die der Name des Besitzers nebst seiner Wohnung und seiner geschäftlichen Firma aufgedruckt war. Einen solchen Bogen benutzte der Getaufte, um den gewünschten Brief darauf zu schreiben, und Kolascheff war so zufrieden mit dieser Fälschung, daß er vermeinte, Alexei selbst vermochte nicht zu behaupten, daß er diesen Brief nicht geschrieben habe. Iwan ordnete nun an, daß ein anderer Mann jüdischer Abstammung, den Kolascheff erkaufen konnte, diesen Brief am Abend des nächsten Tages dem jungen Mädchen in das Schloß bringe. Hierauf zog Iwan seine knechtische Verkleidung wieder an und machte sich wohlzufriedenen Gemüthes auf den Weg nach dem Schlöffe. Nun konnte Rosa seinen Schlingen nicht mehr entgehen, nun war sie die Seine, das war zweifellos. Als er sich auf der Straße befand, sauste ein Wagen an ihm vorüber; er erkannte die Equipage des Gouverneurs und bemerkte, daß der alte Herr nebst seiner Tochter in derselben saßen. Nach der Richtung des Weges zu schließen, den das Gefährt nahm, begeben sie sich zum Bahnhof; auch ließen die großen Koffer, die auf dem Wagen lagen, darauf schließen, daß die Jnsaffen desselben im Begriffe waren, eine größere Reise anzutreten. Lydia war also nicht mehr auf dem Landgute, sie vermochte nicht mehr Iwans Pläne zu durchschauen und etwa hindernd in dieselben einzugreifen. Der junge Mann schritt fürbaß und erreichte kurz nach Eintritt der Dunkelheit das Landschloß; er ließ sich sogleich bet Rosa melden mit der dringenden Bitte, sie noch heute sprechen zu dürfen. Gern willfahrte ihm das junge Mädchen, war es ihr doch schier eine Wohlthat dem alten, anhänglichen Knecht gegenüber erzählen zu können, was Alles sie an dem Nachmittage erlebt hatte. Sie berichtete weinend, daß in der Residenz der Fürst Michail Wasiljewitsch gemeinsam mit ihrem Pflegevater in einer angeblich nihilistischen Versammlung verhaftet worden sei, wie ihr die Fürstin Lydia mitgetheilt habe. Die Fürstin selbst sei soeben nach Petersburg abgereist, um den Kaiser fußfällig um die Befreiung der Gefangenen zu bitten und sie hoffe ihr Ziel zu erreichen. »Ich zitterte vor Angst und Schrecken über die Gefahr, in der sich mein Vater befindet," fuhr das junge Mädchen zu erzählen fort, „und ich glaubte all' das Leid nicht ertragen zu können, das auf mich einftürmte, als plötzlich kurze Zeit nach der Abreise der Fürstin ein Jude erscheint, der angeblich mit meinem Vater in Petersburg zusammengetroffen und mir ganz andere Nachrichten mittheilte als die Fürstin Lydia. Ich bitte Euch, Boleslaw, Ihr habt bereits Beweise der Treue und Ergebenheit für mich reichlich erbracht, ich glaube, man kann Euch vertrauen-" „Das weiß der allsehende Gott!" entgegnete Boleslaw mit innigem Tone, und legte die Hand auf's Herz.