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Der Israelit · 1892-06-23 · Heft 50 (23.6.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 50 (23.6.1892)
Date
1892-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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904 falls hat die Centrumspartei mit einem Organ der antisemitischen Partei nichts zu schaffen, mag es nun im katholischen oder protestantischen Nock auf die Judenjagd gehen. Diese „reinliche Scheidung" würde schon der Trieb der Selbsterhaltung fordern. Die sogenannte deutsch-sociale Partei macht Propaganda für sich selbst, und am Niederrhein giebt es keine andere Haut, aus der sie Riemen schneiden könnten, als die des Centrums. Läßt man die Herren ungestört weiter wirthschaften, so haben wir bet den nächsten Reichstagswahlen antisemitische Candtdaturen in sicherer Aussicht; denn das Centrum selbst stellt keine antisemitischen Candtdaten auf. Diese parteitaktische Erwägung ist freilich nicht der einzige, nicht einmal der Hauptgrund, weshalb mir gegen Machenschaften am Niederrhein die reinliche Scheidung verlangen. Das Wesentliche ist, daß wir den landläufigen Antisemitismus für unvereinbar halten mit den Geboten unseres Glaubens, wie mit dem Programm unserer Partei. Centrum und katholische Kirche wollen mit dem Evangelium, das die Herren Zimmermann und Dr. Danneil in Köln und anderswo gepredigt haben, nichts gemein haben." Sie schließt mit den Worten: „Das schlechteste Mittel gegen die Auswüchse des Semitismus wäre Religions- und Rassenhetze und die Befürwortung von Ausnahmemaßregeln. Wirj haben daran genug gehabt." Frankreich. Paris, 16. Juni. Es ist seltsam, geradezu überraschend, ja fast erschreckend, wie sich die Antisemiten unter allen Breitengraden und in allen Ländern ähneln. Fast ist man versucht, zu glauben, daß der Antisemitismus eine Krankheit sei, die überall dieselben ekelhaften Symptome zeigt. Niemals ist mir das mehr ausgefallen, als anläßlich des Prozesses, welchen der Vizepräsident der Kammer, Burdeau, ein selfmade*man und hochachtenswerther Parlamentarier, gegen den Führer der hiesigen Antisemiten, den Chefredakteur der „Parole libre“ $errtt Drumont, angestrengt hat. Herr Ahlwardt und Herr Drumont ähneln sich wie ein faules Ei dem andern. Der Franzose ist jedoch höher zu stellen. Er hat ganz andern persönlichen Muth als Herr Ahlwardt und tritt, wenn es darauf ankommt, für sein allzuschneidiges und darum meist schartiges Wort auch mit der Schneide des Degens ein. Aber bei beiden kann man dieselbe maßlose Ueberschätzung der eigenen Persönlichkeit, eine geradezu grenzenlose Eitelkeit konstatiren. Wie zwei Hähne stellen sich beide auf den Misthaufen ihrer verkehrten Anschauungen und glauben auf himmelragenden Höhen zu stehen, von welcher sie die Welt übersehen. Mit einem Aplomb, der uns ein mitleidiges Lächeln abnöthtgt, wie etwa einem armen Irrsinnigen gegenüber, der sich für einen König hält, vindiziren sie sich einen Einfluß auf die auswärtige Politik ihres Vaterlandes. Herr Drumont setzt als ganz selbstverständlich voraus, daß die Geschworenen, daß alle Welt seine antisemitischen Bücher gelesen hat, die ein ganz hübsches Erzählertalent, eine blühende, ja eine wuchernde Phantasie verratheu, aber soziologisch der reine Quark sind, Er und sein Freund, der Marquis Moros, sind, wenn man sie hört, eigentlich die Macher und Erhalter der russisch-französischen Allianz, weil sie die Juden, also auch die russischen Juden mit ihren papierncn Pfeilen verfolgen. Der Staatsanwalt hat Herrn Drumont vortrefflich charakterisirt. Es ist der Mühe werth, diese Stelle hierherzusetzen, vielleicht dient sie unseren öffentlichen Anklägern als Muster für ähnliche Fälle. „Herr Drumont," sagt der General-Advokat Cruppi, der etwas von dem Kampfesmuth seines Vorgesetzten Quesnay de Beaurpaire besitzt, „hat hinsichtlich meiner Anklageworte von vornherein ein Prognoftikon aufgestellt. Danach scheint es, als würde ich die Angelegenheit tragisch nehmen. Herr Drumont mag ganz ruhig sein, ich werde ihn nicht einmal ernst nehmen. Es wird mir gelingen, die von ihm angelegte Maske des falschen Propheten leicht zu entfernen und das Gesicht eines schriftstellerischen Spekulanten erscheinen zu lassen, der einen geistvollen Einfall gehabt hat, nämlich den, ein Buch erscheinen zu lassen, welches den erbärmlichsten Instinkten der Menge schmeichelt: „Das Handbuch der Verleumdung" (Io Bottin) de la diffamation.) Man setze hier statt des Namens Drumont den Namen Ahlwardt und die Charakterisirung paßt Wort für Wort auf den Pamphletschacherer der „Judenflinten". Ebenso scheint der Schluß des Ncquisitoriums für Ahlwardt gesprochen, wenn der Generaladvokat sagt: „Angesichts dieser Wuth und dieser Erbitterung möchte man jetzt annehmen, daß Herr Drumont eher zu bemitleiden als zu tadeln, daß er weniger der Justiz, als der pathologischen Behandlung zu überweisen sei. Aber man täusche sich nicht. Hinter dem scheinbar Nervenüberreizten verbirgt sich ein industrieller Pfiffikus, der mit seinen Schriften Geld macht und der Chef der Verleumder der Zeitgenossen genannt zu werden verdient." Nun auf solch' stolzen Titel macht Herr Ahlwardt wohl keinen Anspruch. Er begnügt sich damit, ein Gemeiner im Heere der Verleumder zu sein. Beide Antisemiten aber, Drumont wie Ahlwardt, schreiten auf dem Kothurn des Patriotismus einher. Sie haben die Vaterlandsliebe in

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