Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-06-20 · Heft 49 (20.6.1892) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 49 (20.6.1892)
Date
1892-06-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448264--34332-2482267
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

894 des konservativen Programms und redet den Konservativen gut zu, daß sie diese Frage nicht unter dem Drucke sogenannter Zeitströmungen entscheiden: „Eine Partei, wie die konservative, dürfe sich nicht von Zeitströmungen treiben oder gar Hinreißen lassen; ihre Aufgabe sei vielmehr, solche Strömungen zu leiten und zu lenken und, wenn sie in falsche Richtungen sich verlieren wollen, sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Sie erwartet von dem konservativen Parteitag, daß er verhüte, daß vorübergehende Zeitströmungen, denen nur ein Theil der Partei folgen würde, bestimmend werden möchten für den Inhalt eines zukünftigen konservativen Parteiprogramms." Daß unter diesen Zeitströmungen der Antisemitismus zu verstehen ist, ist klar. Hildesheim, 6. Juni. Bei der hier stattgesundenen Wahl wurde Herr Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. A. Lewinsky in Weilburg zum Landrabbiner gewählt. Breslan, 10. Juni. Am 5. Juni, Abends 71/* Uhr versammelten sich über 50 Lehrer aus unserer und der Nachbarprovinz im kleinen Saale der neuen Börse. Auch mehrere Gäste waren anwesend. Gegenstände der Verhandlung waren: Berichterstattung durch den Vorsitzenden vr. Samuelsohn-Brcslau und Rechnungslegung, für welche von der Versammlung die Entlastung ausgesprochen wurde. Die Wahl des Vorstandes ergab die Herren vr. Samuelsohn-Breslau, Vorsitzender, vr. Cohn-Kattowitz, Stellvertrcter, und Hauptlehrer Herbft-Lissa, als Schriftführer. Die Diskussion über: „Die Nothwendigkeit jüdischer Forbildungsschulen" wurde, da der Referent vor Kurzem verstorben ist, unterlassen, dafür liefert Adam-Schroda ein Referat über den „Allgemeinen Lehrplan". Ein daran geknüpfter Antrag, es möge künftig in jeder Generalversammlung auch eine Lehrprobe gehalten werden, findet allseitigen Anklang, und in die Kommission zur Vorbereitung solcher Probelektion werden die Herren vvr Guttmann, Brunn und Knoller, sämmtlich aus Breslau, gewählt. Am anderen Tage wurde die Sitzung um 11 Uhr eröffnet. Des Hinscheidens zweier Mitglieder wird ehrend gedacht, alsdann Tintner-Bunzlau das Wort ertheilt zu seinem Vortrage: „Ein Blick in das Erziehungswesen der alten Kulturvölker." Der Vortrag hat trotz seiner Länge viel Beifall gefunden, doch wird die Aufstellung von Thesen vermißt, an deren Hand eine Debatte sich regelrechter führen ließe. — Den zweiten Vortrag hält vr. L. Neustadt- Breslau über Jugendgottesdienste. Er klagt, daß die Ueberschätzung der allgemeinen Kulturbildung zur Unterschätzung der religiösen Interessen und zur Zurücksetzung des Judenthums im eigenen Herzen geführt habe. Als einziges Rettungsmittel erkennt er die Einführung der Jugendgottesdienste in der Art, daß die Knaben sich selbstthätig hierbei zeigen, vr. Brenn-Breslau beantragt, die dem Vortrage angfsügten Leitsätze drucken zu lassen und in der nächsten Versammlung zur Diskussion zu stellen. — Dem wiederholt ausgesprochenen Wunsche, daß die Kollegen auch nach Schluß der Berathungen durch ein gemeinsames Mahl und einen gemeinsamen Ausflug zusammen gehalten werden möchten, soll künftig Rechnung getragen werden. Kleve, 13. Juni. Die Verhandlung gegen den des Xantener Knabenmordcs angeklagten Schlächter Busch off beginnt am ersten Tage der nächsten Schwurgerichtssitzung des hiesigen Landgerichts am 4. Juli und wird voraussichtlich mehrere Tage dauern. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 3. Juni. Die antisemitischen Studenten haben neuerdings wieder einen Skandal an der Universität aufgeführt. Als in der Aula am 24. v. M. das Ergebniß der Wahlen für den Medizinischen Unterstützungsverein, welche mit einem Siege der freisinnigen Studentenschaft schlossen, vom Dekan Hofrath Dr. Ludwig bekanntgegeben wurde, brachen die antisemitischen Burschenschaften in Pereatrufe aus. Auf energisches Einschreiten des Dekans verließen die antisemitischen Studenten unter neuerlichen Pereatrufen die Aula. Vor der Rampe machten sie Halt, stimmten die „Wacht am Rhein" an, während seitens der Anhänger der freisinnigen Partei, welche zur linken Seite am Fuße der Rampe Posto gefaßt hatten, die Volkshymne gesungen wurde. Die Szene rief selbstverständlich bei den zahlreichen Passanten großes Aufsehen hervor. Nach Absingung des Liedes zogen die Antisemiten unter stürmischen Rufen: „Hoch Schönerer!" „Nieder mit den Juden!" ab, und auch die anderen Studenten zerstreuten sich. Frankreich. Paris, 16. Juni. Einmüthig ist heute die ganze anständige Presse in der Formulirung von Glückwünschen an die Adresse Bürde a u's, der aus dem gefährlichen Kampf mit der antisemitischen Ehrabschneiderbande Drumont und Kompagnie siegreich hervorgegangen. Der Prozeß ist lehrreich in mancherlei Beziehung. Zunächst in der Hinsicht, daß das Prinzip des Kampfes um's Recht einmal einen eklatanten Steg davongetragen hat, das ein wenig zu sehr im Verruf steht in dieser skeptischen Pariser Milieu, wo man sich in der Regel vom Kampf ums Recht durch die Erwägung abschrecken läßt, daß dieser oft nur ein Mittel ist, um das erlittene Unrecht zu vergrößern. Lehrreich ist aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.