Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1892)
- Date
- 1892-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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866 töpfen. Darauf hin versucht Moscheh auf Gottes Geheiß die Sehnsucht nach dem Lande der Verheißung durch Kundschafter zu beleben, die sich von seiner nirgends sonst erreichten Vorzüglichkeit durch Augenschein persönlich überzeugen und darüber Bericht erstatten sollten. Aber der Bericht hatte den Kleinmuth des Volkes, statt ihn zu brechen, noch bis zur Verzweiflung gesteigert. Erst als das schwere Verhängniß ihm verkündet wurde, daß es noch vierzig Jahre in der „großen und furchtbaren" Wüste bleiben und alle älter als Zwanzigjährigen dort begraben werde, schlug die Gesinnung des Volkes plötzlich in das vollendete Gegentheil um. „Mosche sprach diese Worte zu allen Kin- „dern Israels, da trauerte das Volk sehr. „Sie erhoben sich früh am Morgen, stiegen „zum Gipfel des Berges hinan und sprachen: „Wir sind nun bereit und wollen zu dem Ort „hinaufztehen, den Gott bezeichnet hat, denn „wir haben gesündigt. Mosche aber sprach: „Warum übertretet ihr so Gottes Befehl? „Das wird nicht gelingen. Zieht nicht hin- „auf, denn Gott ist nicht in euerem Innern, „damit ihr nicht von eueren Feinden geschla- „gen werdet. Denn der Amalekiter und Kena- „niter ist dort vor euch und ihr fallet durchs „Schwert; denn darum, weil ihr von der „Nachfolge Gottes gewichen seid, wird Gott „mit euch nicht sein. Sie aber drängten, „den Gipfel des Berges zu besteigen, aber „die Bundeslade Gottes und Mo- „sche wichen nicht aus der Mitte des „Lagers. Da kam der Amalekiter und der „Kenaniter herab, der in diesem Gebirge „wohnte und schlugen und zermalmten sie „bis Chorma." In diesen Worten: „Aber die Bundeslade Gottes und Moscheh wichen nicht aus der Mitte des Lagers" spiegelt sich die ganze Seelengröße Moscheh's, seine felsenfeste Zuversicht auf Gott und sein Wort, seine Unbeugsamkeit den Begehrungen und Launen eines ganzen Volkes gegenüber in einer Weise wieder, wie sie wohl selten sonst ergreifender uns enlgegeutritt. Vergegenwärtigen wir uns die Lage; Moscheh's ganzes Leben geht in die eine Sehnsucht auf, das verheißene Land zu erreichen und sein Volk für diesen Besitz reifer und reifer zu machen. Drei Tagereisen wähnt Moscheh sich und sein Volk von diesem Ziele entfernt und wird durch den Kleinmuth des Volkes und das darauffolgende göttliche Verhängniß belehrt, daß erst nach vierzigjährigem Wüftenleben das Ziel erlangt werde, dessen Erreichung ihm so nahe dünkte. Da tritt nun die Eigenthümlichkeit zu Tage: So lange dem Volke der Besitz des heiligen Landes als Ziel seiner Wanderung voranleuchtete, will dasselbe zurück nach Egypten oder gar in der Wüste sterben. Wird ihm aber nun wirklich der Aufenthalt in der Wüste als gottgebotene Pflicht verkündet, so genügt diese Mitthetlung, um dasselbe für das Land der Verheißung zu begeistern. Und Moscheh? Sein Volk, für das allein er lebt und strebt, für das er sein Leben jederzeit hinzugeben bereit ist, sein Volk, das er durch Meeresfluthen in die Freiheit geführt und dem er das Gesetz seines Gottes vermittelt, sein Volk bleibt taub für alle Ermahnungen des erprobten Führers und stürmt ohne Leiter, ohne Gesetz seinen erträumten Fortschritt, während es seinen Moscheh einsam und verlassen in der Wüste zurückläßt. Verlassen? Einsam wohl, aber verlassen denkt sich ein Moscheh nicht, wenn ihm auch fein ganzes Volk den Rücken kehrt, sobald nur die Lade bei ihm bleibt, welche den Gottesbund verbrieft enthält. Und wie hat dieses Beispiel alle wahren, treuen Nachfolger Moschehs durch die Jahrtausende hindurch angespornt, es ihrem großen Vorbild nachzuthun. so oft sich nur die Gelegenheit dazu bot! Und sie bot und bietet sich oft diese Gelegenheit. Haben wir doch die Zeiten erlebt, wo in hellen Schaaren die Söhne Israels ihr Allerheiligstes und seine treuen Wächter verließen, um auf eigene Faust ihr gelobtes Land anfzufuchen, unbekümmert darum, ob die Bundeslade sie begleite oder nicht. Sie glaubten auch ohne die bisherigen Führer, ohne Bundeslade ihr Ziel erreichen zu können, ja sie glaubten es leichter und sicherer erreichen zu können, sie schmähten das Gesetz und seine treuen Hüter, als stabil, verknöchert und überwunden, weil sie ihren sogenannten Fortschritt nicht theilten und ihn als beklagenswerthen Rückschritt verurtheilten. Aber auch die Amalekiter und Kenaniter sind wie einst so bis auf diese Stunde niemals ausgeblieben. Sie schlugen und schlagen die dreisten Männer auf die ihnen von Gott angewiesenen Grenzen zurück, bis sie mit blutigen Thränen die Wahrheit anerkennen, die sie ihrem Moses nicht anerkennen wollen r6sn vb K»m, daß auf diesem Wege ihnen kein Glück lächelt. Wie einst in der Wüste, so wartet noch heute die Bundeslade Gottes ihrer Träger, die sie muthwillig verließen. Sie blieb und bleibt doch der einzige Halt für die von den Kenaniten und Amalekitern Zurückgewiesenen. Ohne sie wird das gelobte Land nicht erreicht. Ohne on»®^ yo: 'n rp 12 nnuD Dr6 nn$>, ohne daß die Bundeslade ihnen vorangeht, ohne daß sie den Spuren folgen, die das Gesetz ihres Lebens ihnen vorschreibt, finden sie die Ruhe nicht, welche sie rastlos suchen.