Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 45-46 (8.6.1892)
- Date
- 1892-06-08
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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unwürdig war, und dieses Bewußtsein drückte ihn nieder. Als nun David von sich selbst, von seinen Kämpfen und Entbehrungen, die er als Jude durchgemacht, erzählte und endlich schloß: „Und trotz aller Entbehrungen, trotz aller Schwierigkeiten, die sich mir entgegeirstellten, habe ich mir mein jüdisches Herz, meinen jüdischen Sinn, meine jüdische Lebensweise, den Glauben meiner Väter erhalten. Noch habe ich unsere Speisegesetze nicht übertreten, noch nie den Sabbat entweiht, und so lange ich lebe wird keine Macht der Erde, selbst nicht die widrigsten Verhältnisse mich dazu veranlassen." „Aber wie ist das möglich2 Unsere Arbeiter müssen am Sabbat auch arbeiten" — „Ich nicht. Ich arbeite täglich zwei Stunden länger und hole dadurch die Versäumniß am Sabbat ein." „llnd auf diese Bedingung sind unsere Leute eingegangen2 Unbegreiflich!" „Es scheint, Deine Leute sind toleranter als Du selbst" — „Laß uns darüber nicht rechten. Komme mit mir nach Hause und sei mein Gast. Meine Frau wird sich freuen, ihren Schwager und die Kinder ihren Onkel kennen zu lernen. Was ich an den Eltern gefehlt, will ich an Dir zu sühnen versuchen." „Ich danke Dir für Deine Einladung, aber nach all dem, was ich soeben gehört habe, kann ich, da ich noch striete am Althergebrachten hänge, Dein Gast nicht sein." „So gestatte wenigstens, daß Du für meine Rechnung —" „Nein, Juda, auch das gestatte ich nicht. Aber wenn Du mir eine gut dotirte Stelle, auch in Deinem Geschäfte darf es sein, übertragen willst, so nehme ich dieselbe gerne an." „Das versteht sich doch von selbst. Von heute ab bist Du mein Sekretär. Dein Gehalt magst Du selbst bestimmen und wenn Du auch nicht an meinem Tische essen willst, so muß Du doch bei mir wohnen und in meiner Familie leben." Nach kurzer Ueberlegung willigte David ein und ging noch an demselben Tage in das Haus seines Bruders. Die Zeit geht unbekümmert um das Thun und Treiben der Menschen, ihren eilenden Schritt weiter. Juda gewöhnte sich an die Eigenheiten des Bruders und David freute sich, als er erkannte, mit welch' großer Liebe die beiden Knaben des Bruders sich ihm auschlossen, wie sie auf sein Thun und Treiben achteten und eine Erklärung für alles ihnen Unbekannte verlangten. Auf diese Weise lernten sie die Gebote und Gesetze unserer heiligen Religion kennen, und als sie dem Onkel den Wunsch ausdrückten, sie auch üben zu dürfen, da umfaßte er sie leuchtenden Blickes und versprach ihnen, mit dem Vater darüber zu sprechen. Die Unterredung fand statt und nach vielen erregten Auseinandersetzungen willigte Juda in die Vorschläge Davids. „Aber mache uns nicht verächtlich in ihren Augen, weil wir anders leben wie Du: sie sollen Deine Religion kennen lernen und es soll ihnen später fretstehen, zu leben wie sie wollen." „Wo viel Freiheit, da viel Jrrthum," entgegnete David, „sicher ist nur der schmale Weg der Pflicht. Diesen sollen sie wandeln lernen und ich hoffe, daß Gott sie richtig führen wird." Und nun begann ein herrliches Leben für die Knaben wie für den Onkel. Sie siedelten ganz zu ihm über und machten sich mit Feuereifer daran zu forschen in der Thora bei Tag und bei Nacht. Es waren talentvolle Knaben, welche ihrem Lehrer große Freude bereiteten. Seit vierzehn Tagen schon speisten sie nur mit dem Onkel, der sein Essen aus einer Restauration bezog, welche die Speisen rituell zubereitete. Die Unterhaltungen bei Tische drehten sich um alles Mögliche. Der Kindermund wußte so viel zu fragen, daß cs eines so tiefen Wissens und einer so reichen Lebenserfahrung wie die des Onkels bedurfte, um alle Fragen zu beantworten. Eines Tages speisten auch die Eltern mit beim Onkel und da sagte der jüngere Knabe: „Warum können wir nicht immer zusammenspeiscn, Mama2 Es ist so gemüthlich." „Recht hast Du mein Dick*)," erwiederte Inda „und die Mama soll eine andere Köchin und neues Geschirr nehmen, daß wir immer zusammen speisen können. Nicht wahr Onkel?" „Du machst mich glücklich damit", entgegnete David: „wenn Deine Frau damit einverflanden ist." „That’s all tlie same“**), erwiederte diese gleichgültig. Sie kannte es nicht besser; sie war konfessionslos erzogen und hatte von Religion keine Idee. Um ihrem Mann und ihren Knaben gefällig zu sein, that sie alles, und hätten diese verlangt, sie solle sich zum Islam bekennen, so hätte sie auch dieses Verlangen erfüllt. Nun kümmerte sich der Onkel um die Küche und deren Neueinrichtung, und in drei Tagen konnte er mit ruhigem Gewissen am Tisch des Bruders speisen; er hatte eine Köchin gewonnen, auf die er sich in religiöser Hinsicht verlassen konnte und die auch in gastronomischer Beziehung Vorzügliches leistete. Ein neuer Geist war in das Haus gekommen und Freude und Fröhlichkeit hielten ihren Einzug da, wo seither Ernst und Stille geherrscht hatten. Selbst Juda konnte sich diesen neuen Gästen nicht verschließen und zum ersten Male hörten die Knaben ein Scherzwort von den Lippen ihres Vaters. „Du hast mein ganzes Hauswesen nmgewälzt," warf Juda scherzend dem Bruder vor. *) Abkürzung für Nichnrd. **) Ta§ ist einerlei.