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Der Israelit · 1892-06-08 · Heft 45-46 (8.6.1892) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 45-46 (8.6.1892)
Date
1892-06-08
Page
– (sequence 24)
Language
German
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848 „O, möchte es mir gelingen, anch Dein Herz und Deinen Sinn umzuwälzcn, mein Bruder, daß Du zurückkehrst zu dem Weg, den unsere Thora uns vorschreibt," sprach David mit flehender Stimme, „daß ich den Segen mit Dir thcilen darf, den unser seliger Vater mir für Dich gab, ehe ihn ein sanfter Tod erlöste. Sieh, mein Bruder, in vier Wochen haben wir Jahrzeit. Willst Du nicht für unsere Eltern, die so viel au uns einst gethan, das Kaddisch sagen? Willst Du nicht die Erwartungen unserer Mutter erfüllen, die sicher das von uns erhofft, was der ärmste Jude, so Gott ihm Kinder gegeben, von diesen erwartet und nicht vergeblich wartet, daß an seinem Todestage für ihn Kaddisch gesagt werdet Liegt nicht mehr so viel kindliche Liebe in Deinem Herzen verborgen, daß Du das Gottesgebot: Ehre Vater und Mutter, auch nach deren Tode erfüllst? O, Du hättest sehen sollen, wie theuer Du den Eltern warst, wie ihr letzter Gedanke noch Dir galt, der Du ferne warst und wie sie Dich segneten, da Du den Segen nicht verdientest. Wenn Dich das Gebot der Thora nicht dazu treibt, so sollte es die Simme der Natur thun, Dich veranlassen in treuer Liebe derer zu gedenken, die für uns alles gethan, was Eltern für ihre Kinder thun können." Juda winkte dem Bruder mit der Hand zu schweigen; was dieser ihm sagen wollte und sagte, das alles hatte er sich schon selber gesagt, aber man wechselt scin-e Ueberzeugung nicht wie ein Gewand. Ueberzeugung? War seine Ueberzeugung schuld, daß er die Gebote der Religion nicht beachtete? Sicher nicht, denn sonst hätte er den letzten Rest des Judenthums von sich abschütteln müssen. Wenn es nicht Ueberzeugung war, was war es denn, das ihn so weit von dem Glauben seiner Väter entfernt hatte? Gleichgültigkeit, Bcgnemlichkeit, die Sucht, reich zu werden, halten ihn auf die dunklen Pfade geführt, die er seither geschlossenen Auges gewandelt war. Und sein Bruder mußte kommen und ihn warnen, ihm Vorwürfe machen. Er brachte ihn ganz ans dem moralischen Gleichgewicht, und ohne sich umzusehen, ohne ihm zu erwtedern, verließ er das Zimmer. Die Arbeiten zur Weltausstellung nahmen einen großen Theil der Zeit und Arbeitskraft Juda's in Anspruch; da die Firma Akinsou brothers & Eie. auch bedeutende deutsche und englische Häuser vertrat, war die Correspondenz mit dieser Firma eine lebhafte und auch David hatte weniger freie Zeit als sonst. Darüber waren die Knaben ungehalten und sie baten den Vater, den Onkel doch zu entlasten, damit sie wieder regelmäßig lernen könnten. Mürrisch wies sie der Vater ab, iunb als sie nun dem Onkel ihr Leid klagten, tröstete sie dieser und versprach, Alles nachzuholen. Gern wäre David zum Jahrzeitstage nach New-Uork gereist, um das Grab der Eltern aufzusuchen und dort zu beten, aber Juda bat, da er ihn schwer entbehren konnte, davon abzustehen. David erfüllte Juda's Bitte und blieb. Der Sterbetag der Eltern nahte heran. Täglich sprach David mit den Knaben von ihren Großeltern und stumm lauschten sie den Worten des Onkels. Und was sie vom Onkel gehört, dem Vater erzählten sie es wieder, imb was das Bitten des Bruders nicht vermochte, erreichte das Geplauder der Kinder. Die künstliche Härte des Herzens wich ihren kindlichen Bitten und am Abend vordem Sterbetage erschien Inda im Zimmer des Bruders und sagte: „Komm', laß' zur Schul' uns gehen, wir wollen unfern Eltern Kaddisch sagen." David sprang auf, drückte einen innigen Kuß auf die Stirne des Bruders, rief die Knaben herbei und ging Arm im Arm mit dem Bruder nach dem Gotteshause. Schweigend traten sie in die heil'gen Hallen. Längstvergessene Melodien, altbekannte Worte tönten an des Bruders Ohr und schweigend lauscht er der Sprache, die ihm als Kind geklungen, in der er im Verein mit den Eltern an jedem Freitagabend den Sabbat einst begrüßt und den Segen der Eltern empfangen hatte. Als er nun zu dem heiligen Schreine trat, um den Verklärten den letzten Gruß der Liebe nachzurufen, da überkommt's ihn wie in früheren Tagen „Er sieht die Mutter festlich weist geschmiickr, Er sieht sie gegen Osten fromm gebückt Omen jehe schme rabbo sagen." Die Synagoge ist zu Ende; eilig eutferueu sich die wenigen Besucher, denn time is money*) und es gilt die im Gotteshaus verbrachte Zeit einzuholeu. Rur zwei Männer zögern noch. Inbrünstig betend stehen sie vor der heiligen Lade und merken nicht, daß sie die letzten im Gotteshause sind. Auch der Synagogeudicner steht in respcctvollcr Entfernung und wagt nicht, die vornehmen Herren zu stören. Jetzt erheben sie sich, die Knaben treten zu ihnen heran und weinend umfängt der Vater seine Kinder. Ach, sowie er sie liebt, so haben seine Eltern einst ihn geliebt, und er hatte diese Liebe vergessen! Wenn seine Kinder ihn vergessen könnten! Nein, niemals. Er will sie im jüdischen Glauben erziehen, damit sie seiner stets gedenken. Denn selbst wenn das Grab unsere Eltern längst deckt, hat doch das Gotteswort für uns noch Giltigkeit : Ehre Vater und Mutter, so lange Du lebest. Und wenn ihre Augen nicht mehr auf Dich blicken, ihre Stimme Dein Ohr nicht mehr vernimmt, Dein Herz nicht mehr rührt, mußt Du sie noch ehren und das äußere Zeichen dieser Ehre nach dem Tode, das ist — Jahrzeit. *) Zeit ist Geld. Verantwortliche Rebaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition deS „Israelit", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.

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