Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-06-08 · Heft 45-46 (8.6.1892) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 45-46 (8.6.1892)
Date
1892-06-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448261--34269-2482200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

834 gewöhnlich Dinge, die man nicht kennt, am meisten fürchtet. Wenn Jemand nur den Herren Neverends beibringen könnte, sie selber, ihr Reden und Schweigen, ihr Thun und Lassen, ihre amtliche Wirksamkeit, kurz ihr ganzes Dasein sei gegen den Din; ich glaube, sie würden sofort capituliren. Da dieses fortwährende Streichen unserer Gebete, die Herren Streicher als die vollendetsten Streich-Instrumente erscheinen lassen könnte, sind sie auf der anderen Seite genöthigt an dem Ritual statt Stücke abzureißen auch neue einzufllcken. Sie schlagen ein Gebet in der Landessprache vor und schrecken selbst vor dem.-pdp *p~p nicht zurück, falls er in englischer Metamorphose erscheint, und der Chief-Rabbi hat ihnen bereits die Anfertigung eines englischen Gebets zugesagt! Sie befürworten die allsabbatliche Vorlesung der Zehn - Gebote, trotzdem ihnen vorgehalten wird, daß unsere großen Altvordern diese Vorlesung aus dem Gebete entfernt haben, ausdrücklich deßhalb um dem Wahn der Abtrünnigen keinen Vorschub zu leisten, der diesem Passus eine höhere Heiligkeit als der ganzen übrigen Thora vindicirt. Für Mincha an Jom Kippur schlagen sie bei bei nmnn eine andere nana aus der Thora zur Vorlesung vor, erfahren aber noch rechtzeitig, das sei gegen den Din, und es bleibt beim Alten. Es verlohnt sich nicht auf die einzelnen Willkürlichkeilen, die ferner zum Beschluß erhoben wurden, hier näher einzugehen. Das Angeführte genügt, um das Ganze zu charakterisiren. Hervorgehoben verdient noch zu werden, daß die notorische Unwissenheit der groben Mehrzahl unserer Revercnds, wenn sie eine mildernde Beurtheilung dieses ganzen Gebahrens rechtfertigen könnte, diesmal wegfällt. Denn in der Versammlung befand sich ein einziges Mitglied, welches den Herren Collegen, das Gesetzwidrige ihres ganzen Vorgehens, Schritt vor Schritt bei jedem ihrer Beschlüsse mit großer Gewandtheit und Entschiedenheit vorhielt. Es war dies der gelehrte Rabbiner der ^eäeration of Synagogues, Herr Dr. Lern er, der sogar einmal im Begriff war, empört über das Vorgehen seiner Collegen ihre Gesellschaft zu verlassen. — Aber es .half alles nichts; der Compromiß lag in der Luft, wie ein jüdisches Blatt schreibt, und Jung-England siegte! _ Was diesen traurigen Humbug vor den verflossenen deutschen Rabbiner-Versammlungen zu seinem Nachtheil auszeichnet, ist eben die Täuschung, daß man der Welt vorgaukelt, die Herren stünden mit ihren Reformen auf dem Boden des Din, dieser selbst sei ihnen ein Noli me tangere. Von den deutschen Reformrabbinern wußte man, daß sie eben in der ausgesprochenen Absicht zusammengetreten waren, dem pi, wie er in unseren Codices codificirt ist, den Handschuh hinzuwerfen. Sie täuschten daher Niemand, der nicht getäuscht sein wollte. Bei uns ist das anders. Angenommen der Herr Chief-Rabbi würde allen diesen Allüren sein Placet versagen; daß er einer solchen Versammlung nur die Möglichkeit! ot, in dieser gewissenlosen, unverantwortlichen Weise mit unseren heiligsten Heiligthümern umzuspringen, bleibt ein mya Ipn? br, bleibt ein schweres Unrecht, dessen Tragweite gar nicht abzusehen ist. Wer diese Aenderungeu, Streichungen, kurz diese schüchternen Versuche für harmlose Spielereien unschuldiger Neverends ansieht, die weiter keine praktischen Folgen haben, der irrt sehr! An dem Beispiel seiner Führer lernt das Volk draußen im Leben mit Gesetz und Recht umspringen und ihm ein Schnippchen zu schlagen, wie es ihm seine Führer da für die Synagoge lehren. — Bei diesen zahmen Anfängen bleiben die Neverends und die von ihnen bethörte Masse nicht stehen. Da liegt mir ein jüdisches Neformblatt aus Deutschland vor, welches „Plaudereien eines Ausgewanderten" aus Philadelhpia enthält. Hier wird gezeigt, wie sich in Amerika die Reform Bahn gebrochen, und wir begegnen darin dem Satz, der leider nur zu gut für unsere Situation paßt: „Die Reformbewegung schritt langsanl und „nicht ohne Schwierigkeiten und Hindernisse ihre „Bahn vorwärts. Von dem Ausscheiden des „p'px mp« und ipViS mp’ zu einem Sonntags- Gottesdienst war ein langer und mühsamer „Weg." Mit der Abschaffung des;p-ns mp’ sing die amerikanische Reform an und mit der Abschaffung des pst? endete sie. In London soll sie mit der Streichung des mupn mms anfangen, wie sie enden wird, das kann keinem Denkenden zweifelhaft sein! (Anmerkung der Redaction. Herr Chief-Rabbi Dr. Adler hat nenestens gegen die Anstellung des Rev. Morris Joseph an die neue „Hampstead Synagogue" sein Veto eingelegt, weil genannter Prediger die Einführung von Instrumental- Musik in seinem Sabbatnachmittags-Gottesdienste sanctionirte, öffentlich seinem Unglauben über die zukünftige Wiedereinführung des Opferkultus Ausdruck verliehen und in manchen, in jüdischen Blättern von ihm veröffentlichten Predigten Ansichten gegen die jüdische Tradition zu erkennen gegeben hat. Wir hoffen deshalb, daß Herr Dr. Adler auch den oben angeführten beabsichtigten Reformen seine Zustimmung versagen wird.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.