Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 45-46 (8.6.1892)
- Date
- 1892-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXLU. Jahrgang. Erste Keil, zu M 45 & 46 des „Israelit". Leitender Artikel. Me englische Rabbiner-Versammlung. London, 30. Mai. Mit ihren Rabbinerversammlungen hat die moderne Judenheit schon bald ein halbes Jahrhundert so entschiedenes Pech, daß man sich billig darüber wundern mag, woher Leute, die dem Rabbinerstande angehören, immer wieder den Muth hernehmen, sich aufs Neue öffentlich und officiell einem Fiasko auszusetzen. Aus diesem Bewußtsein heraus, läßt sich vielleicht die Geheimthuerei erklären, mit welcher die jüdischen Herren Seelsorger Englands am 16. d. M. einer Einladung des Herrn Chief-Rabbi Dr. Adler Folge leistend, zu einer Art Conclave oder geheimen Conferenz sich versammelten, um über Aenderung des Gottesdienstes zu berathen. Es ist aber nichts so fein gesponnen, daß es nicht endlich doch an die Sonne käme, und so brachte auch kaum nach dem Schluß der „Minister'Conferenz" der „Jewish Chronicle" eingehende Referate über die gepflogenen Verhandlungen. Bevor wir dieselben hier reproduziren, mag es gestattet sein, zum besseren Verständniß einige Bemerkungen vorauszuschicken. Wer unsere Herren Reverends und Ministers kennt, weiß mit zweifelloser Sicherheit voraus, weß Geistes die Modificatiouen sein werden, die diese Herren für unseren Gottesdienst als wünschenswerth halten. Das weiß sicher niemand besser, als unser Herr Chief-Rabbi. Man kann die jüdisch-wissenschaftlich gebildeten, charakterfesten und überzeugungstreuen Elemente des englischen Rabbinerstandes an den Fingern der linken Hand herzählen und behält noch mehr Finger übrig, als einem lieb ist. Wenn nun unser Chief-Rabbi diese Herren zu einer Conferenz zusammentreten läßt, um den Gottesdienst zu modifiziren, was kann das für einen Zweck haben? Durch Parlaments-Akte ist der Chief-Rabbi berechtigt jede Aenderung des Gottesdiensteszu untersagen, sobald dieselbe gegen das Religionsgesetz verstößt. Er besitzt die Macht in vollem Maße, wie sie jeder Rabbiner von Rechtswegen besitzen sollte. Er hat dieses sein Veto - Recht auch dieser Conferenz gegenüber geltend gemacht und erklärt, er werde von den Conferenzbeschlüssen nur das sanktioniren, was dem „Din" entspricht. Aber der Din ist hier in London ein sehr elastischer, wächsener Begriff. Das war er schon in früheren Zeiten, sobald es sich um Aenderungen in dem synagogalen Gottesdienste handelte. Man erklärte ja bekanntlich die Abschaffung der Pijutim, also die Beseitigung eines pp’ro aru» als nicht gegen den yn verstoßend; und ließ die Perlen unserer Liturgie wegdekretiren, obwohl man es mit einem Federstrich hätte hindern können. Wird Dr. Hermann Adler diese Jrrthümer fortsetzen und ihnen unheilvollere Consequenzen folgen lasten? Man fürchtet dieses vielfach. Ja, es fehlt nicht an Stimmen, welche behaupten, diese ganze Reverend - Conferenz sei nur inscenirt worden, um darzuthun, wie die vorzunehmenden Reformen allgemein verlangt wurden und der Chief-Rabbi unter dem Druck der öffentlichen Meinung handle, wenn er — jedenfalls auch nur widerstrebend — sein Placet zu allem dem gäbe, was da während vier Tage nicht alles beschlossen wurde. Und wie leuchtet da bei jedem einzelnen Beschlüsse die Halbheit, Armseligkeit und Geistlosigkeit der Beschließenden aus allen Fugen und Kanten! Reformirt soll werden ä wur prix, aber mit dem Bestehenden will man es auch nicht so ganz verderben. Daß man an unseren Geboten an und für sich eigentlich nichts auszusetzen hat, daß man nur aus Opportunität und Connivenz daran herum modelt, geht daraus hervor, daß an den Wochentags-Gebeten der kritische Weisheitszahn der versammelten Ministers so gut wie nichts zu kritisiren hat, nur der Sabbat und Feiertag hats ihnen angethan. Das Alpha und Omega der ganzen Wirksamkeit dieser Herren Reverends geht in ihrer Predigt auf, und da muß dann von dem eigentlichen Gebete soviel gestrichen oder wie der kunstgerechte Ausdruck lautet, „modificirt" werden, damit die Predigt nicht zu kurz kommt. Die B'BHp werden beschränkt, das reicht noch nicht. Die Schemone-Esre darf nicht mehr wiederholt werden, aber da bricht man zu grell mit dem Hergebrachten. Man beschließt sie zu Schachris zu wiederholen, zu Mussaf aber sich mit 50% zu begnügen. n-nBpn dius ist das nächste Opfer dieser Razzia und die Mischeberach, die eu dloe durch einen einzigen Generalmischeberach in Zukunft ihre Erledigung finden sollen. Für Fälle, wo es schwer fällt, die zum öffentlichen Gebet erforderliche Zehnzahl zusammenzubekommen, wird beantragt, es billiger zu thun. Da wird den Herren plötzlich mitgetheilt, das sei gegen den „Din", und der Antrag wird sang- und klanglos zu seinen Vätern eingethan. Vor dem „Din" haben die Herren einen Heidenrespect, wie man ja