Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 45-46 (8.6.1892)
- Date
- 1892-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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828 schönsten Unterhaltung befand, trat plötzlich ein Gerichtsvollzieher auf ihn zu, deutete auf seine imposante Uhrkette und nöthigte ihn zum Eintritt in das Bahnhofsgebäude. Dort wnrde ihm Uhr und Kette abgenommen, und Herr Pickenbach mußte wohl oder übel das Pfändungsprotokoll unterzeichnen. Berlin, 30. Mat. Der „Reichsanzekger" veröffentlicht eine vom Kriegsmtnister Unterzeichnete Erklärung, betreffend die A h l w a r d t'sche Broschüre, wonach auf Grund der vorgenommenen Ermittelungen die von der Firma Löwe gelieferten 425,OOO Gewehre im Jahre 1888 allen Anforderungen an die Krkegsbrauchbarkeit entsprochen haben und sämmtlick e in der Broschüre angeführten, bei den Truppen vorgckommenen Sprengungen der Gewehre vom Jahre 1888 nicht die Löwe'schen Gewehre betreffen. Die „Nord!,. A. Z." knüpft hieran die Bemerkung bei der großen Zahl von Zeugen und Sachverständigen dürfte bis zum Abschluß der Untersuchung immerhin noch einige Zeit verstreichen, schon jetzt stehe aber fest, daß ein Theil der thatsächlichen Behauptungen Ahlwart's völlig unrichtig, ein anderer Theil keineswegs geeignet sei, eine richtige Vorstellung von den Verhältnissen bet der Prüfung und Abnahme der Gewehre zu geben, so daß alle auS ihnen gezogenen Schlüffe hinsichtlich der Beschaffenheit der Löwe'schen Waffenlieferung als hinfällig erscheinen. Berlin, im Juni. Die Verhaftung des famosen Rektors Ahlwardt, die heute stattfand, ist in erster Linie wegen Betrugs erfolgt. Der Haftbefehl ist bereits vor sechs Tagen ausgefertigt worden, Ahlwardt konnte jedoch noch 'nicht gefaßt werden, weil er sich auf einer Agitationsreise in Sachsen befand. Der Betrug ist vor längerer Zeit gegen die Kasse den Kriegervereins „Slesvigia" verübt worden. Ahlwardt hatte den Verein zur Hergabe eines Darlehens von 4 bis 500 Mk. zu bewegen vermocht. Da er Rückzahlung nicht leistete, so übergab er dem Rendanten der Kasse, einem Herrn Preuß, eine Cession über die ihm zustehende Wohnungsentschädigung, welche er aus der Magistratskasse bezog. Er verpflichtete sich zugleich schriftlich, über die Wohnungsentschädigung für die betreffenden Quartale anderweit nicht zu verfügen und dieselbe auch selbst nicht einziehen zu wollen. Als Herr Preuß nun am Quartalsersten die Quittung über die erste Rate mit etwas über 200 Mark an der Magistratskasse präsentirte, wurde er angehalten, weil man annahm, daß die Quittung über den cedirten Betrag gefälscht sei. Mit Mühe und Roth entging der Rendant einer Verhaftung; schließlich glaubte man ihm, daß der edle Ahlwardt die Quittung wirklich selbst geschrieben habe, nran eröffnete ihm aber zugleich, daß eine halbe Stunde zuvor ebenfalls eine echte Quittung des Ahlwardt über dieselbe Rate vorgelegt und auch honorirt worden sei. Die Kasse des Kriegervereins batte nun zunächst das Nachsehen. Ahlwardt schützte Vergeßlichkeit und dergleichen vor und brachte der Kasse schließlich als Sicherheit einen Wechsel, für den seine Ehefrau Bürgschaft leistete. Dieser Wechsel ist erst nach zwei Jahren eingelöst worden und zwar mit den Geldern, welche Herr v. Langen u. A. für Ahlwardt aufgetrteben hatten. In Sachen der Judenfltnten liegen gegen Ahlwardt außer der Loewe'schen Strafanzeige noch zwei Strafanträge wegen Beleidigung vor, und zwar ist der eine vom Justizminister Schelling gestellt worden, dem Ahlwardt in seiner Broschüre verbotenen Umgang mit einer Portiersfrau vorwirft, in dem anderen dringt der Reichskanzler Graf Caprivi auf Bestrafung des Verleumders, weil dieser in einer in Essen abgehaltenen Versammlung behauptete, daß alle Beamten korrumpirt und „Judenknechte" seien. Ein Verfahren wegen versuchter Erpressung, das gegen Ahlwardt und seinen wegen Unterschlagung vorbestraften Freund Bcyer schwebte, hat wegen mangelnden Beweises kürzlich eingestellt werden müssen. Ahlwardt hatte nämlich den p. Beyer zu dem Bankier Pariser mit dem Aufträge gesandt, von diesem 360,000 Mark- Schweigegelder dafür zu verlangen, daß Ahlwardt seine „Judenflinten"-Brochüre nicht drucken lasse. Ahlwardt brüstete sich bekanntlich in öffentlichen Versammlungen damit, daß der Bankier Pariser ihm 360,000 Mk. offerirt habe; daß dieserhalb das Strafverfahren wegen Erpreffungsversuch schwebte, verschwieg der Biederman wohlweislich. Daß die Verdachtsgründe, die gegen das Erprefferpaar Vorlagen, nicht so ganz bedeutungslos waren, beweist der Umstand, daß der Unterhändler Beyer wegen dieser Affaire in Untersuchungshaft genommen wurde. Endlich hat auch gegen Ahlwardt ein Verfahren wegen Wechselfälschung geschwebt; es sind Zeugen vorhanden, deren Unterschrift Ahlwardt widerrechtlich unter Wechsel gesetzt hat, die Haussuchungen haben aber zur Auffindung der gefälschten Wechsel nicht geführt, da diese vernichtet worden sind, nachdem Ahlwardt durch Succurs seiner konservativen Freunde gerettet worden war. Bei dieser Gelegenheit sei auch erwähnt, daß nunmehr die Affaire Ahlwardt / Kortum in ganz anderem Licht erscheint. In derselben handelt es sich bekanntlich um die Unterschrift des Obertelegraphisten Kortum unter einen Wechsel, welchen dieser nicht genehmigt haben wollte, während Ahlwardt beschwor, daß Kortum ihn autorisirt habe, den Wechsel in seinem, K's Namen zu unterzeichnen. Kortum mußte, wie erinnerlich, im Wege des Gehaltabzugs-