Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 45-46 (8.6.1892)
- Date
- 1892-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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827 1 Die „Deutsche La Plata - Zeitung" schreibt: Mit dem Morgen (Montag) ausgehenden prachtvollen Lloyddampfer „Darmstadt" wird Herr Dr. Löwenthal mit Familie sich nach Europa einschiffen, da er, wie bereits gemeldet, von dem verantwortungsvollen Posten eines Generalvertreters des Baron Hirsch abberusen worden ist. Soweit wir die Pläne des Dr. Löwenthal beurtheilen vermochten, waren wir nicht in allen Fällen mit ihnen einverstanden, das hindert aber nicht, daß wir hier unserer Ueberzeugung Worte verleihen, nur dem persönlichen Ansehen und der allgemeinen Achtung, welche sich Dr. L. dank seines in jeder Beziehung ehrenwerthen Eharakters hier erfreute, sei es zuzuschreiben, daß die anfänglich entschieden einer jüdischen Massenansicdelung gegnerische Meinung sich in der Weise umgestaltet habe, daß man sich zu einer schon mehr günstig gestimmten und abwartenden Haltung entschlossen hat. Es käme einer gründlichen Verkennung der Verhältnisse gleich, wollte man das Hirsch'schc Unternehmen, so weit Argentinien in Betracht kommt, als ganz gesichert hinstellen. Die jetziger Leiter werden noch manche Schwierigkeiten zu überwinden haben und erst die Zukunft wird uns lehren, ob sie dies fertig bringen; so viel aber ist sicher, daß zum größten Theil cs dem persönlichen Wirken des .Herrn Dr. Löwenthal zu danken sein wird, wenn seinen Nachfolgern in der Leitung überhaupt die Möglichkeit geboten ist, das Unternehmen sortznführen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, im Juni. Der Abgeordnete Bamberg er hat in seinem Wahlkreis Alzey-Bingen neuerlich eine Rede gehalten, in welcher er interessante Auslassungen über die gegenwärtig auf der Tagesordnung stehenden Fragen zum Besten gab. Bamberger kam auf die bekannten antisemitischen Versammlungen in Dörfern seines Wahlkreises zu sprechen und führte u. A. aus: Er habe ja nicht gerade Ursache, sich für alle Bürgermeister zu begeistern, aber trotzdem die drei Häupter der berühmten Gemeinden von Schornsheim, Esselborn und Köngernheim ihm soeben bescheinigt hätten, daß je eine Versammlung von 1500 Mitgliedern ihn zur Abdankung aufgefordert hätte (große Heiterkeit) — es sind immer genau 1500 Personen dagewesen (Heiterkeit) — so wolle er auch diese Gemeinden nicht gestört wissen in dem Vergnügen, sich solche Bürgermeister zu wählen, die ihrem Geschmack entsprächen (Heiterkeit). Nur hoffe er, daß diese bei Erfüllung ihres standesamtlichen Berufs genauer zählen als bei Bescheinigung der Ziffer von 1500 Anwesenden. Es sei doch schade, daß gerade so kleine Dörfer so große Säle für Versammlungen besäßen, wie es scheine, um die sie manche Großstadt beneiden könnte. (Große Heiterkeit.) Daß er diesen antisemitischen Aufforderungen eine Antwort gebe, werde wohl Niemand erwarten (Lebhaftes Bravo), ebenso habe er es gehalten, als der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg im Reichstag meinte, Redner besäße nicht mehr das Vertrauen seiner Wähler. Einer Partei gegenüber, die einzig und allein auf die niedrigsten, gemeinsten und bösartigsten Eigenschaften der Menschen spekulire, sei jede Rechtfertigung eine unverdiente Ehre, und die Versammlung hielte es wohl ebenfalls nicht für der Mühe werth, daß ihr Vertreter sich gegen dieses ekelhafte Treiben verthetdige. (Rauschende Zustimmung.) Mit dem Ausdruck des herzlichen Dankes für die Theilnahme und die ehrenden Demonstrationen der Partei und mit dem Vertrauen, daß die Sache des Freisinns in ganz Deutschland in schönster Entwicklung begriffen sei, kam der Redner von den lebhaftesten, anhaltenden Beifallssalven begleitet, zum Schluß seines anderthalbstündigen Vortrags. Berlin, 18. Mai. Es ist hübsch von der „Kreuzztg." daß sie sich auch jetzt noch ihres Schützlings Morris de Jonge annimmt. Er sei, schreibt ste, nach Göttingen übergesiedelt, um dort dem Professor Jhering bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur Seite zu stehen. Seine Ansichten über das Judenthum habe Morris de Jonge nicht widerrufen. Er habe seine Stelle als Redakteur an der antisemitischen „Hannoverschen Post" niedergelegt, weil er von der antisemitischen Presse in unerhört taktloser Weise angegriffen worden sei. Ganz gut, aber Herr de Jonge sagt doch noch in seiner Erklärung, sein Rücktritt erfolge wegen „der Behandlung, die der Judenfrage seitens der antisemitischen Parteien, insbesondere der antisemitischen Presse zu Theil werde." Sollte der Herr zu den antisemitischen Parteien nicht auch die Konservativen, zu der antisemitischen Presse nicht auch die „Kreuzzeitung" zählen? So ver—kehrt ist er gewiß nicht. — Die Antisemiten haben jetzt auch bei dem Pastor Engel, dem Redakteur des „Reichsboten" Judenblut entdeckt. Ihr Leipziger Organ theilt das in folgender Form mit: „Bet einem Manne wie Herrn Engel, von dem verschiedenerseits die jüdische Abstammung unwiderlegt behauptet worden ist, darf ein solches Verhalten keineswegs sonderlich befremden. Wenn die launische Natur einem die palästinische Abkunft auf das unverfälscht jakobitisch dreinschauende Gesicht geschrieben hat, so läßt sich dies Laviren gegen den Wind sehr wohl begreifen." — Einmal bei dieser Gesellschaft, sei auch noch folgende Notiz der „Berl. Ztg. wiedergegeben: Als der Reichstagsabgeordnete Pickenbach an einem der letzten Vormittage vom Anhalter Bahnhofe in Groß- Lichterfelde aus abreisen wollte und sich in der