Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 45-46 (8.6.1892)
- Date
- 1892-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448261--34261-2482192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
826 So freudig nun auch Herr Dr. Löwenthal seine Thatkraft in den Dienst einer guten und aussichtsreichen Idee .stellt, so wenig kann ihm dies einfallen, wenn die elementarsten Vorbedingungen zum Gelingen fehlen. Schon in seinem allerersten Memorandum vom 12. Dezember 1889, auf Grund dessen das Colonisationswerk in's Leben gerufen worden ist, hat Herr Dr. Löwenthal auf diese Vorbedingungen hingewiesen: reine Hände und sachkundige Leitung. Die elftere galt als selbstverständlich und fand in den Statuten des Jewish Colonisation Association ihre glänzende gesetzmäßige Begründung; die zweite Bedingung, bezw. ihre Erfüllung, wurde in Aussicht genommen, aber bis heute nicht durchgeführt, — und so kam es, daß Leute an die Spitze der Geschäfte in Buenos- Aires kommen konnten, welche den Forderungen der ersten Bedingung in keiner Weise entsprachen, jetzt aber auch bereits abgewirthschaftet haben und entlarvt sind. Wenn unter diesem falschen Vorgehen nur die Millionen des Baron Hirsch litten, dann wäre dies wohl zu verschmerzen; aber die russischen Juden, sowohl die in Argentinien bereits,'untergebrachten, wie die in Rußland auf Erlösung harrenden, leiden noch darunter — und mehr als alles wird in letzter Linie die weltgeschichtliche Idee des Colonisirungs- und Erlösungswerkes selbst geschädigt. Denn scheitert das Werk an der Nichtbeachtung der elementaren Vorbedingungen, an dem unzweckmäßigen Vorgehen also, so wird das Odium doch nicht an diesem Vorgehen, sondern an den russischen Juden und an den Juden überhaupt haften bleiben. Es wird nicht heißen: „die Sache ist falsch angefaßt worden" , auch wenn man dies noch so unwiederleglich bewiese; sondern: „die Juden können eben nichts als schachern und wuchern." Deßwegen halten wir es auch für Pflicht der Presse, — und nicht etwa nur der jüdischen, sondern der a nst ä n d i g e n und namentlich derjenigen, die unsere Mittheilungen mit unsachgemäßen Bemerkungen wiedergegeben haben, — der falschen Auffassung der Sachlage von vornherein entgegenzutreten, damit die Legenden keine Zeit habe, eine festere Gestaltung anzunehmen und damit die Realisirung der notwendigen Vorbedingungen zielbewußt gefördert werde. Zur Jllustrirung der persönlichen Wirksamkeit des Herrn Professors Dr. W. Löwenthal in Argentinien mögen hier noch 2 Notizen aus uns von Buenos-Aires zugegangenen Deutschen Zeitungen, nämlich der Deutschen „La Pläta-Zeitung", sowie des „Argentinischen Tageblattes" folgen. Soweit wir aus dem sonstigen Tenor der Blätter ersehen können, scheinen dieselben gerade keine enthusiastischen Judenfreunde zu sein; gefallenen Größen schmeichelt man auch meistens nicht, desto größeren Werth glauben wir diesen Aeußerungen beimessen zu können. Das Argentinische Tageblatt schreibt: „Die Nachrichten, daß Dr. Löwenthal nach Paris berufen worden sei, seine Wirksamkeit im hiesigen Lande mithin vorläufig ihr Ende erreicht haben würde, hat allgemein unangenehm überrascht. Herr Dr. Löwenthal besitzt in der so schwierigen Kolonisationsfrage einen weiten Blick verbunden mit praktischem Geschick. Vorbereitungen zu treffen, damit Tausende von Familien angesiedelt werden können, ist wahrlich eine Rtesenaufgabe. Sein unermüdlicher Schaffensmuth kam ihm hierbei sehr zu statten. Dabei hatte er kein egoistisches Bestreben und ließ Andere die Geschäftchen nicht machen, die sie, wie man hört, hätten machen mögen. Das erweckte ihm Gegner und diese haben bei der Direktion des Unternehmens gegen ihn intriguirt. Bis auf weitere Ordre besteht nun in der Leitung der Geschäfte in Argentinien ein Provisorium. Neue Landkäufe werden keine mehr stattfinden und sind auch keine ferneren Einwanderertransporte zu erwarten. Es hat jedenfalls sein Gutes, wenn der Zuwachs nicht rasch erfolgt, nachdem nun bereits viele Hundert Familien angesiedelt worden. Lasse man diese vorerst in die hiesigen Verhältnissen sich einleben und der Verwaltung ihre Erfahrungen sammeln. Die Direktion in London und Parts dürfte allem Anscheine nach über die ganze Angelegenheit nicht hinreichend orientirt' sein. Deßhalb ist es wünschenswert, daß Herr Dr. Löwenthal nach Europa reist, um die erforderlichen Aufklärungen zu ertheilen, und darf man hoffen, daß er hieher zurückkehren und seine Wirksamkeit von neuem beginnen werde. Sein gänzlicher Rücktritt wäre im Interesse der israelitischen Kolonisation sehr zu bedauern und würde es dann kaum besser gehen als bei der großen englischen Kolonisation im Chaco von Santa F«, wobei weiter nichts herauskam, als ein gänzlicher Mißerfolg, der das große Kapital der Gesellschaft verschlang. Schließlich bemerken wir noch, daß das Scheitern des projektirten Landankaufs der 1300Leguas im Gran Chaco und in den Missionen nicht auf antisemitische Gesinnungen in Regierungskreisen zurückzuführen ist, sondern daß die Forderung, es sei den Israeliten die selbstständige und unabhängige Gerichtsbarkeit zu gewähren, den Stein des Anstoßes bildet. Das verletzte den Nationalstolz der Argentinier.