Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 43-44 (30.5.1892)
- Date
- 1892-05-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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811 Selig Goldschmidi und die Redaction des „Israelit" durch ihren Redacteur Herrn Oscar Lehmann vertreten. Am Friedhofe angelangt, gab Herr Rabb. Dr. Kahn seinem Bedauern Ausdruck in Anbetracht der rbzxn *d» seinen Gefühlen Zwang anthun zu müssen, und nicht die Wunde zeigen zu dürfen, welche das Hinscheiden von Benjamin Wolf für die Menschheit, ganz besonders aber für den engeren Kreis der altisraelitischen Kultusgemeinde bedeute. Er führte Benjamin Wolf den Anwesenden als das leuchtende Vorbild eines Mustermenschen dar, eines Mengen, der nicht „gleich den ermüdenden Zugvögeln" beim Eintreffen eines Unglücksfalls, beim Eintreffen eines Verlustes erlahmt, und vom Streben nach dem Höheren immer tiefer sinkt, um im Meer der Leidenschaft, der Verzagtheit endlich unterzugehen oder im Schlamme des Erdenlebens moralisch zu versumpfen, sondern der durch keine Widerwärtigkeit sich im Fluge nach den hohen Idealen des Mensch-Juden aufhalten läßt, gleich der Taube, die, wenn sie ermüdet mit einem Flügel weiterfliegt und den anderen gleichzeitig ausruhen läßt. Möge die herrliche Moral der Worte des geliebten Rabbinen bei seiner Gemeinde und bei allen Glaubensbrüdern Beherzigung finden. Nach dem Redner sprach noch Herr Dr. Seligsohn als Vertreter der B'ne Brlth-Loge wohlgemeinte Worte des Nachrufs, und der Sarg wurde der Erde übergeben. rraistn D. K. Köln, 28. Mai. Seit meinem Bericht von verg. Woche bezüglich des hier neu gegründeten Antisemitenvercins, hat sich hier ein Ereigniß vollzogen, welches dem neuen Verein ohne Zweifel den Todesstoß geben, jedenfalls aber alle besseren Elemente von ihm fernhalten wird. — Die erste Hauptversammlung mußten die Antisemitenführer, nachdem ihnen in dem großen Köln sämmtliche öffentliche Lokale verschlossen blieben, in ihrer Stammkneipe abhallen, welche kaum Raum für 100 Personen bietet und wobei unter strenger Controle Juden und Sozialdemokraten ferngehalten wurden. Der Vorsitzende Grüner (seines Zeichens Handlungsreisender) leitete die Versammlung mit der Bemerkung ein, daß es ihm in Folge jüdischen Einflusses — nicht gelungen sei, in Köln ein gößeres Lokal zu erhalten und ließ sich zu der etwas mehr als dreisten Behauptung hinreißen, daß ihm von jüdischer Seite Mk. 10,000 geboten worden, wenn er sein Amt als Vorstand niederlege. Hierauf wurde dem Antisemiten-Apostel, Reichstagsabgeordneter Zimmermann, das Wort ertheilt, welcher in längerer Auseinandersetzung die bekannten abgedroschenen Behauptungen ä la Rohling citirte. — Schon in der wenige Tage darauf abgehaltenen Vereinssitzung machte der Bicepräsident zum großen Erstaunen der Anwesenden die Mittheilung, daß obengenannter Grüner aus gewis senGründen, welche er hier im Interesse des Vereins nicht nennen könne, aus dem Verein habe aus treten müssen. — (Wie man sich erzählt, soll derselbe bereits wegen eines schweren Vergehens mit den Gefängnißmauern Bekanntschaft gemacht haben.) Die „Kölnische Zeitung" schreibt hierüber heute in ihrem politischen Theil: „Eine Anzahl von Männern in unserer Mitte ist bekanntlich der Ansicht, daß man in unserer von socialen Wirren nervös durchzitterten Zeit nichts besseres thun könne, als die Bürger durch eine gehässige Hetze zu entzweien, zu spalten, zu verseinden und in dieser Verfassung den sozialdemokratischen Umstürzlern gegenüberzustellen. Die Männer, welche in dieser ernsten Zeit sich diese Aufgabe stellen, haben einen „Deutschsozialen (antisemitischen) Verein" ins Leben gerufen. Der Begründer und Vorsitzende des Vereins, ein Herr Grüner, mit dem verwechselt zu werden bekanntlich ein angesehenerer Herr dieses Namens nicht wünscht, hat in der letzten Versammlung den anwesenden Polizeikommissar aufgefordert, seine Erklärung zu Protokoll zu nehmen, von jüdischer Seite seien ihm 10,000 Mk. geboten worden, wenn er von der Bewegung zurücktrete. Herr Grüner hat nicht verrathen, welcher Jude auf diesen weisen Einfall verfallen sein soll; seine Behauptung schwebt also in der Luft. Um so größeres Aussehen erregte es, daß in der letzten Vereinssitzung mitgetheilt wurde, Herr Grüner habe sich aus Gründen, die man nicht bekanntgeben könne, genöthigt gesehen, aus dem Verein auszutreten. Es heißt, daß eine Umschau in der Vergangenheit der Familie Grüner Dinge ergeben habe, in deren Beurtheilung die ehrenhaften Juden und Nichtjuden einig sind. Wer die Geschichte der Hetzbewegung in Deutschland verfolgt hat, wird nicht finden, daß dieser Vorgang zufällig ist. Bei dem gesunden Sinne unserer Bürgerschaft können wir nur glauben, daß die Bewegung in Köln den Todeskeim in der Brust trägt." Es wäre zu wünschen, wenn auch die übrige tolerante Presse ihren Einfluß in ähnlicher Weise geltend machen würde. M. V. Lübeck. Eine höchst seltsame Scene spielte sich gestern Mittag bei Abgang des Hamburger Zuges ab. Mit demselben ließ sich ein russischer Auswanderertrupp befördern. Der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, als der Weichensteller bet der Schwellentränke auf dem Trittbrett des Postwagens einen Mann sitzen sah, der auf diesem allerdings etwas ungewohnten Platze die Reise nach Hamburg mitmachen wollte. Der Wärter ließ den Zug halten und der „blinde" Passagier wurde der Polizei übergeben. Es stellte sich heraus, daß der junge Mensch dem Auswanderertrupp zugehörte, durch irgend einen Umstand sich verspätet hatte und es vorziehen wollte, lieber auf dem Trittbrett die Reise zu unternehmen, als hier sitzen zu bleiben. Da der Auswanderer sich als ein wirklich „armer