Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 43-44 (30.5.1892)
- Date
- 1892-05-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIU. Jahrgang. Erste Keil. zu M 43 & 44 des „Israelit". Leitender Artikel. Der Ginheitsgrdanke in den zehn Geboten. Von Rabbiner Dr. Sänger. Unsere Weisen, die bei jeder Gelegenheit durch ihre Fragen, Bemerkungen und Erklärungen den göttlichen Geist zu erforschen suchen, werfen auch die Frage auf: n^nno nrmn rvwy now xb minn. „Warum stehen die „zehn Gebote" nicht am Anfang der min?" und beantworten diese Frage durch folgendes Gleichniß. Ein König kam in ein Land und sagte zu den Bewohnern: „Ich will Euch regieren." Da antwortete man ihm: „Hast Du Dich um uns und unser Land verdient gemacht, hast Du uns schon Gutes erwiesen, daß Du König sein willst über uns?" Da baute er ihnen Städte, führte Wasserleitungen hinein, stellte sich an die Spitze des Volkes und führte für sie Krieg. Hierauf frug er wieder: Soll ich König sein über Euch? Und sie antworteten nun freudig: Ja, ja. Auch der Heilige, gelobt sei Er, befreite Israel aus Egypten, führte es durch das Meer, ließ das Manna für sie fallen, spendete ihnen Wasser, führte für sie Krieg gegen Amalek und sprach dann zu ihnen: Ich will über Euch herrschen. Und Israel rief: Ja, ja. Mit dieser Bemerkung wollen unsere Weisen denen begegnen, die von der Ansicht ausgehen, Gott müsse sich einer jeden Zeit, einem jeden Geschlecht, einem jedem Menschen aufs Neue offenbaren, damit sie glauben können, damit sie auch wissen, was Gott von uns Menschen verlangt. Und wie häufig hört man diese Aeußerung: Warum denn Gott nicht auch heute sich offenbare, ein Wunder thue, damit man sich überzeugen könne! Um einen rechten Glauben zu haben, verlangen wir, daß wir mit Glück und Segen und Freude in vollem Maße bedacht werden, daß Unangenehmes, Schmerz und Leid uns fernbleibe, daß Gott uns Schutz und Hilfe angedeihen lasse, alle Anschläge unserer Feinde gegen uns vereitele-. Dann würden wir fest glauben an all' das, was uns die min und die Propheten über Gottes Macht und Größe berichten; wir würden dann — vielleicht allen Seinen Geboten und Lehren folgen. Das wäre vielleicht ein Glaube, aber keine Gotteserkenntniß. Und in jedem Momente, bet jeder unangenehmem Lage, in die wir uns versetzt, bei jeder Gefahr, die wir heraufbeschworen, würde dieser Glaube doch in Frage gestellt und in die Brüche gehen. Dem Glauben an Gott soll und muß die Gotteserkenntniß vorausgehen. Und diese erwächst uns aus dem Leben, aus der Menschengeschichte heraus, und nicht blos aus den für uns günstigen, glücklichen Ereignissen, sondern fast mehr noch aus den Kämpfen und Widerwärtigkeiten und Prüfungen des Lebens. Das festigt und kräftigt die Ueberzeuguug und den wahren Glauben. Wenn auch unserem Volke die zwei Worte yoiwi rvttyi, die scheinbar einen blinden Glauben voraussetzen, hoch angerechnet wurden, so widerlegen unsere Welsen durch die Bemerkung, die sie daran knüpfen, diese irrige Auffassung. Sie sagen nämlich, daß es eigentlich nwyn vom heißen sollte, aber Israel sprach: Herr der Welt, ehe wir Deine Gebote gehört, haben wir sie erfüllt. Unsere Stammväter und ihre Kinder haben die „10 Gebote" beobachtet. Darum waren die Worte unseres Volkes: yotwi ntryj, welche seinen Gehorsam auf den unbegreiflichen Wegen Gottes gegenüber ausdrücken, so hoch anzuschlagen. Zu diesem ersten Glauben gelangt man nur, wenn man alle Vorgänge in der Welt, das Begreifliche und Unbegreifliche auf den Einen großen, mächtigen und gütigen Gott zurückführt. Und dieser Einheitsgedanke ist erst durch das „Zehngebot" und durch die übrigen Gebote der min in die Welt, der Menschheit erst durch Israel zum Bewußtsein gekommen. Zu den einleitenden Worten der zehn Gebote onain bi n» ü*pb* wi bemerken unsere Weisen nn« du nny Mirw, Gott thue Alles auf Einmal, nny mm *nw isn» «sni roo rvnoi itdd nnN rm bi jn sam diW. „Er tödtet und belebt, ist der Bildner des Lichts und der Schöpfer der Finsterniß, stiftet Frieden und schafft das Unheil, alles zu gleicher Zeit." Wie in der Schöpfung nicht nur Lebendes vorhanden ist, sondern auch die leblose Welt mit zum Bestände der Erde gehört, ja geradezu Träger und Stütze der Erde bildet; wie nicht nur Nutz- und Zierpflanzen, sondern anch recht schädliche und giftige vorhanden sind; wie nicht nur nützliche Thiere, sondern auch sehr viele gefährliche, Mensch und Thier feindliche Geschöpfe exlstiren, und doch einem Schöpfer ihr Dasein verdanken; und wie auch in den Naturerscheinungen Sonne, Regen und Sturm, Leben erwecken, da Wärme und erstarrende Etseskälte abwechseln nach den ewigen Naturgesetzen desselben Schöpfers: ebenso wird uns das Wirken und Walten des einen