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Der Israelit · 1892-05-30 · Heft 43-44 (30.5.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 43-44 (30.5.1892)
Date
1892-05-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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807 dann, wenn es seiner religiösen Leidenschaft diente. Zwar haßte der Oberprokurator den Iwan Alexandrowitsch und hatte vielfach kleine Ausfälle gegen ihn beim Kaiser gewagt. Doch direct und offen gegen den früheren Günstling aufzutreten, das verweigerte der Oberprokurator trotz allen Zuspruches des Geheimraths. So blieb denn dem Chef der politischen Polizei nichts anderes übrig als abzuwarten, bis er selbst vor den Kaiser gefordert würde, um Rechenschaft über die angebliche Verschwörung zu geben, oder bis sich ihm sonst eine Gelegenheit bieten würde, das Herz des Kaisers seinem früheren Günstling zu entfremden. Nach dieser Gelegenheit suchte der Geheimrath auf das Eifrigste in der Provinzialstadt, in welcher sich Iwan befand. Seine schlauesten und geschicktesten Späher hatte der Geheimrath dorthin abgesandt, damit sie den Jüngling beobachten, und Iwan konnte keinen Schritt weder innerhalb noch außerhalb des Hauses thun, von dem jene Leute nicht genaueste Notiz genommen hätten; dabei vollführten sie ihren Auftrag so geschickt, daß Iwan, trotzdem er darauf vorbereitet war, eventuell beobachtet zu werden, diese Spione absolut nicht bemerken konnte. Bald sollte der tollkühne Jüngling, der keine Ahnung davon halte, welch' schwere Gewitterwolken sich über ihm zusammenballten, dem Geheimrath die erwünschte Gelegenheit geben. Es war, als ob der Chef der Geheimpolizei eine Reihe von Kanonen aufgepflanzt hätte, um einen Ort in den Grund zu schießen. Er hatte diese Kanonen schon mit den schwersten Geschossen beladen, aber er wagte es nicht, das zündende Feuer anzusetzen, bis ihm aus dem Orte sebst die brennende Lunde gebracht wurde, dann aber ging das Bombardement los, das keinen Stein aus dem anderen lassen sollte. Das Zaudern und Hinziehen des Geheimraths war für dessen eigene Zwecke und zur Erreichung seines Zieles gewiß sehr von Vortheil, indessen ließ es dem jungen Manne noch eine geraume Zeit zum Handeln, und als ob er wüßte, daß sein Ende schon nahe bevorstände und ihm nur noch eine Galgenfrist gegeben wurde, in der er schalten und walten konnte, wie er immer mochte, so strengte er seine Kräfte auf das Aeußerste an, um das ersehnte Ziel seiner Leidenschaft zu erreichen, und schier wäre ihm in letzter Stunde noch Alles gelungen, beinahe wäre es ihm geglückt, Diejenigen vollständig zu vernichten, die er fast an den Rand des Grabes brachte. Kurz, aber fürchterlich war die Zeit, in welcher die Verfolgten noch zu dulden hatten. Jwan's Begehrlichkeit und Grausamkeit hatte ihren höchsten Punkt erreicht, er wollte siegen oder wenn er fiel, so gründlich vernichten und mit sich zu Boden reißen, daß nur Leichen seinen Weg bezeichnten. XVIII. Der Knecht Boleslaw war seinem Versprechen gemäß, nach einer Reihe von Tagen wieder in das Landhaus des Gouverneurs gekommen, es war in der Dämmerungsstunde, als der alte Mann eintrat. Wie sie es ihm zugesagt, stellte Rosa den Knecht sofort der jungen Herrin des Schlosses vor und diese gab nochmals ihre Einwilligung, den von Rosa empfohlenen Mann in ihre Dienste zu nehmen. Sie betrachtete kaum den alten, wie es schien mehr durch Kummer, Gram und schwere Arbeit als durch die Last der Jahre gebeugten Menschen und winkte ihm, sogleich wieder sich zu entfernen, nachdem sie ihm Unterkunft im Hause zugesagt. Der Knecht zeigte auch in den darauffolgenden Tagen ein eigenthümlich scheues und zurückhaltendes Wesen, das namentlich der Schloßherrin gegenüber zu Tage trat. Er wurde zur Gartenarbeit verwendet und zeigte sich in derselben recht anstellig und willig. Wenn er aber zufällig mit der Glättung eines Weges beschäftigt war, und die junge Herrin beschritt diesen Pfad, so konnte man sicher darauf rechnen, daß er sich hinter Busch und Hecken verbarg und jede Gelegenheit vermied, von der Herrschaft gesehen zu werden. Von den andern Dienern über die. Ursache dieses ängstlichen und scheuen Benehmens befragt, antwortete er, daß er als Leibeigener geboren worden und herangewachsen sei. Dieses Benehmen sei ihm anerzogen worden, und er vermöge es in seinen alten Tagen nicht abzulegen. Er trat auch nur mit den Fußspitzen auf, er zeigte sich überall besonders bescheiden, zurückhaltend und duldsam, keine Arbeit war ihm zu schwer, gegen Jedermann bewies er sich wie ein Mensch, der jeden Augenblick bereit ist, um Verzeihung dafür zu bitten, daß er es wage, zu existiren. Diese Sorte von Knechten kann man jetzt noch fast allenthalben in Rußland finden, man sieht ihnen den früheren Leibeigenen oft schon von Weitem an, ihr unterwürfiges, knechtiges Wesen zeigt sich in jeder Bewegung. Diese Knechte werden von den anderen Dienern bemitleidet und bemuttert und sind meist unter denselben sehr beliebt. Iwan hatte genugsam Gelegenheit gehabt, solche Leute zu beobachten und es gelang ihm vortrefflich, diese Rolle zu spielen, die ihm einen doppelten Vortheil bot, denn erstens entzog er sich auf diese Art den Blicken Lydla's, von der er weit eher eine Entdeckung zu befürchten hatte, als von Rosa, da ihn jene weit öfter gesehen und ihn genauer kannte, und zweitens machte er sich durch diese Art zu leben alle Diener des Hauses zu Freunden, welche Freundschaft er noch zu benutzen gedachte.

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