Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1892)
- Date
- 1892-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXHI. Jahrgang. Erste Beilage;» M 42 des „Israelit“. Literarischer Bericht. Zur Genesis des Talmud. Der Talmud und die Römer. kulturhistorische Studie von Heinrich L. Reich, Bezirks-Rabbiner, Wien, Florisdorf-Wien und Leipzig. Commissionsverlag W. B r a u m ü l l e r. Wenn man dieses Buch mit wenigen Worten charakterisiren will, so könnie man es vielleicht am zutreffendsten als eine vollendete Umkehrung der Darstellung Bellamy's unserer gesellschaftlichen und politischen Zustände im Jahre 2000 bezeichnen. Bellamy schläfert nicht nur seine Helden ein, sondern entrückt mit seiner fesselnden, geistvollen und bestechenden Darstellungsgabe auch den Leser der Wirklichkeit, so lange er sich in sein Buch vertieft. Hat man das Buch aus der Hand gelegt und reibt sich die Augen aus, so besinnt man sich nur allzubald, daß dies alles nur glänzende Raketen, Luftschlösser und Träumereien sind. Aber es ist ein schöner, geistvoller Traum. Unser Buch führt uns keine Zukunftsmusik, sondern die Vergangenheit, die jüdische Vergangenheit und ihr Schriftthum vor, wie sie n m bald zweitausend Jahre hinter uns liegt. Aber es ist ein wüster, geistloser Traum. Wenn auch nicht in der Belesenheit und Darstellungskunst, so doch als Conjektural-Historiker und als Mann der Hypothese hat hier Grätz seinen Meister gefunden. Cs wird hier eine jüdische Geschichte erzählt, die außer der Phantasie des Verfassers nie und nirgends exiftirte. Cs werden hier Charaktere erdichtet, politische Constellationen ausgesponnen und den religionsgesetzlichen Aussprüchen unserer großen Weisen diplomatische Hintergedanken und Staatsaktionen angedichtet, wie sie einem historischen Roman vielleicht anstehen, die aber eine vollständige Confussion aller Gedanken und Begriffe voraussetzen, um sie nur ernst zu nehmen. Die -im m sind diplomatische Staatsaktionen ersten Ranges, Beth Schammai und Beth Hillel die treibenden Elemente politischer Parteien. Rabbi Jochanan ben Sakkai ist der Verfasser von Mischle, dessen einzelne Theile in die exegetisch-bibelkritische Zwangsjacke gesteckt worden, um sich als gegen Josephus Flavins und gegen Hinz und Kunz gemünzt, verwerthen zu lassen. Der njdj? bw -iun und die darüber bestehenden Meinungsverschiedenheiten, alles hat seinen politischen Hintergrund, den uns die lebhafte Phantasie des Verfassers ganz getreulich ausmalt. Dafür werden Sätze verdreht, Stellen gefälscht und Worte eingeschmuggelt, bis das ganze glücklich fertig ist. Und das heißt dann: Culturhistorische Studie! Es ist von Interesse aus diesem Sammelsurium von Schnitzern und Extravacanzen, die in der Behauptung gipfeln, der ganze Talmud sei von R. Jochanan ben Sakkai den Römern zu Liebe oder zu Leid erfunden worden, irgend ein Exempel zur Probe herauszugreifen, was z. B. der Vers, aus -ßitr njrpn macht. „Am meisten wurde der Rosch-Haschanah, „dieser Festtag mit seiner Ceremonie des Posau- „nenblasens als nationaler Festtag verdächtigt. „Der Posaune mächtiger Schall ertönte als Zei- „chen zum mächtigen Kampfe wider den Feind, „es war also ein nationales Attribut und dazu „angethan, den Römern Mißtrauen einzuflößen, „umsomehr als das Fest selber in der heiligen „Schrift als Kalenderfest bezeichnet erscheint. — „Zu diesem Behufe mußte zu dem alten probaten „Mittel gegriffen worden, die ganze Ceremonie „des Schofarblasens so zu gestalten, daß dieselbe „absolut nur als rein religiöse Uebung erscheinen „sollte. Eine Zeit lang versteckte sich der Schofar- „blaser in eine Grube, die überdeckt wurde und „die wie aus einem Grabe heraufschallenden „dumpfen Töne, wurden nur von denen gehört, „die hart neben der Grube standen und sich eben „zu diesem Zweck dort versammelt hatten. In „die Keller gingen die frommen Gläubigen, an- „scheinend um Wein zu trinken, während denn „unten der in einem Fasse verborgene Schofar- „bläser seine Schofar-Exercitien machte" u. s. w. Und woher weiß der Verfasser das alles? Auch das verräth er uns in einer Note. „Daß eine Zeitlang die Ceremonie gar nicht geübt werden durfte, dafür haben wir einen Beleg in der Mischna (Rosch Haschanah III 7): nst voty “icity b'i'p dn nnn -pnV in nnn "jino ypinn. Also, wenn Jemand aus einer Grube, oder in eine Cisterne hineinbläßt, und man hörte die Schofarstimme, so hat man seiner Pflicht genügt. Also, hier ist von einer Grube, Cisterne und gar von einem Faß (cbib) die Rede, das genügt, um mit Hilfe von wie aus einem Grab heiaufschallenden dumpfen Tönen, eine ganze Schauergeschichte zu construiren, wie sie da zum Besten gegeben wird. Sieht man von den Commentatoren ab, und sieht sich nur den Text der Mischna an, der nnn -pn? lautet, so sagt derselbe, daß der Blasende gar nicht innerhalb, sondern außerhalb der Grube steht, man braucht aber nur mit einem kleinen Taschenspielkunststück mit dem Vers. in -pno