Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1892)
- Date
- 1892-05-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448259--34225-2482154- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die beiden Fabrikbeamten wurden in Hast behalten, indessen qali ihnen der Geheimrath das Versprechen, daß sie als Verführte nur sehr gering bestraft werden sollten, wenn sie ein vollständiges und rückhaltloses Bekenntniß vor Gericht niederlegten. Auf ähnliche Weise gelang es dem Geheimrath auch Denjenigen zu ermitteln, der aus der Hofkanzlei jenen Plan des Winterpalastes gestohlen hatte; auch hier erreichte seine Schlauheit, noch mehr aber sein mit vollen Händen ausgeftreutes Geld das erwünschte Ziel. Nun depeschirte er an die Fürstin Lydia, sie möge nach Petersburg kommen, und dort jeden Augenblick zu der bewußten Sache bereit sein. Es konnte nicht geleugnet werden, daß der Geheimrath ein erdrückendes Material gegen Iwan gesammelt hatte, dessen logischer Schärfe sich nicht so leicht Jemand, selbst der Kaiser nicht, entziehen konnte. Aber der Abthcilungschef der politischen Polizei wußte auch sehr wohl, daß man der logischen Gedankenfolge und der scharfen diplomatischen Dialectik viel weniger Glauben am Hofe beimaß, als einem Einzigen, wenn auch noch so widersinnigen Satz, der scheinbar aus dem vollen Brustton der innersten Ueberzeugung vorgetragen wurde. Je unwiderleglicher und schärfer die vor den Kaiser kommenden Meinungen, Vorschläge und Beweise motivirt waren, desto argwöhnischer pflegten sie von dem Kaiser ausgenommen zu werden, der stets den Verstand, aber niemals datz Herz fürchtete. Den Ausgeburten des nationalen und kirchlichen Rassenfanatismus wurde es stets als ein besonderer Vorzug angerechnet, „daß sie nicht zum Kopfe, sondern zum Herzen sprechen." Als ob 784 Herzensüberzeugung ein Privilegium auf Unfehlbarkeit besäße, welche intelektuellen Urtheilen versagt geblieben wäre, als ob die Unterordnung unter überlegene Gründe minder ehrenvoll wäre, als die Unterordnung unter die starken Impulse Anderer. Und dabei waren diese oft so überzeugungstreu vorgebrachten Leidenschaften vielfach falsch und nur Produkte des Verstandes und der Phantasie. Wenn nun Iwan auf die voreilig eingereichte Anklage hin mit der ganzen Wärme und dem hinreißenden Feuer seiner schlauen Beredtsamkeit antwortete, wenn der Kaiser noch immer Liebe und Zuneigung zu dem Jüngling im Herzen hegte und sich von Jenem, dem es nie an Ausflüchten und geschickten Wendungen fehlte, .beschwätzen ließ? Dann konnte der Geheimrath mit noch so vielen klaren und scharfen Beweisen seiner Schuld auftreten — Iwan blieb doch Sieger. Es war ein Löwe, gegen den man vorzugehen hatte, und man durfte ihn nicht mit zu schwachen Waffen bekämpfen. Der Geheimrath wagte es trotz der vielen schwerwiegenden Beweise nicht, gegen Iwan vorzugehen und den Kaiser jetzt schon über die Sachlage aufzuklären, denn leicht konnte alle seine Arbeit und Mühe eine vergebliche gewesen sein, wenn sie zur unrichtigen Zeit dem Herrscher vorgelegt wurde. In genauer Kenntniß des kaiserlichen Characters beschloß der Geheimrath einen Moment abzuwarten, in dem vielleicht im Gemüthe des Kaisers ein Unwillen gegen seinen früheren Günstling aufsteigen würde. Wenn dann Bluwo mit seinen Beweisen kam, so konnte er ganz sicher auf Erfolg rechnen. Und diese Gelegenheit sollte bald ekntreten. (Fortsetzung folgt.) D« »JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal, MoutagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis Sei Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen au. — Durch den Kuchhnnüel pt bestehen bet C. /. Kteiuachrr, Leipzig, Doßpiah 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petirzeile oder deren Rau«. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland »mb Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Die Erstarkung der jüdischen Orthodoxie in Deutschland. — Zeirungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Braunschweig. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Rumänien: Bukarest. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Günstling des Czaren. Eine Erzählung ans Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phll. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondeuzen: Deutschland: Mainz, Köln. Berlin. Bad Ems. Hamburg. Lübeck. .Lainen. Schivelbein. — Griechenland: Korfu. — England: London. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Eorrespondeuzen: Deutschland: Berlin. Magdeburg. — Oest.- Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. Lemberg. — Schweiz: Basel. — England: London. — Vermischtes. Inhalt der Wissenschaft!. Beilage: Ans dem Reiche der altjüdischen Fabel (Fortsetzung). — Necension. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der J oh. Wirth'schen Hofbnchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen. Die nächste Lieferung -er Erzählung „Die Familie h Aguillar" wird unserer Montag, 30. Mai erscheinenden Nummer bcigelegt werden.