Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1892)
- Date
- 1892-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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783 am Abend des Tages sämmtliche Arbeiter der Fabrik durch Schnaps und geräuchertes Fleisch in einem zur Zeit gerade leerstehenden, großen Lagerhause der Fabrik bewirthet. Der Geheimrath war ein vortrefflicher Beobachter und feiner Menschenkenner; er hatte in den wenigen Tagen der gemeinsamen Arbeit, die ihn bald in diesem, bald in jenem Raum beschäftigte, herausgefunden, welches die habgierigsten und verwegensten Elemente unter den Leuten der Fabrik waren; diesen schloß er sich an, zwischen diese setzte er sich bei dem Feste. Es wurde getrunken und gesungen und immer wieder getrunken. Die Stunde war schon weit vorgerückt, ungeheure Massen von Branntwein waren schon vertilgt worden, als der Geheimrath mit einem Unteraufseher des Patronenlagcrraumes Brüderschaft schloß und durch gegenseitiges Umarmen und Küssen diesen Freundschaftsbund besiegelte. „Brüderchen", sagte der verkappte Geheimrath, „ich habe Dir etwas ganz Geheimes mitzutheilen, komm mit mir in's Freie." Der Andere, der nicht mehr gerade gehen konnte, stützte sich auf den Geheimrath und die Beiden beaaben sich in den Hofraum der Fabrik. „Weißt Du, Brüderchen," sagte der Geheimrath, „ich kann ein glänzendes Geschäft machen, wenn Du mir hilfst und ich gebe Dir dann die Hälfte meines Verdienstes." „Laß hören, sage nur, was ift's," stammelte der Andere. „Ein Kaufmann möchte gern ein Haus bauen; wo das Haus steht ist aber ein Felsen, den man hinwegsprengen muß. Da braucht man Dynamitpatronen, die sonst nirgendwo zu haben sind, Du weißt ja, es ist verboten, so was zu fabriciren; der Mann will uns 200 Rubel geben." „Sollst die Dinger haben, Brüderchen," entgegn ete der Andere. „Ich Hab' schon mehr gestohlen; aber 200 Rubel ist zu wenig." fuhr er, selbst in seiner Betrunkenheit, eine gewisse kaufmännische Schlauheit, die den Russen stets eigen ist, nicht verlierend, fort. „Ich will mit dem Manne reden, vielleicht gibt er mehr," sagte der Geheimrath. „Du bist doch kein Nihilist?" fragte der Andere, dem die Sache etwas unheimlich vorkam. „Wäre ich in einer Staatsfabrik angestellt worden, wenn ich dergleichen wäre? Pfui, pfui, Brüderchen, Du weißt ja, man erkundigt sich genau, ehe man einen anstellt, ich liebe unfern Kaiser, unfern Czaren, 8o8lle Zarja chrani!" schrie der Geheimrath mit Begeisterung und der Andere stimmte fröhlich bei. Am nächsten Tage, als der Geheimrath, der noch immer als Arbeiter in der Fabrik weilte, von dem Unterbeamten seine Patronen in Empfang nehmen wollte, erklärte jener, er gebe um keinen Preis der Welt von den Geschossen her, denn sie würden nun zweimal im Tage einer Zählung unterworfen, da ein fremder Oberbeamtcr anwesend sei, und es sei augenblicklich unmöglich, auch nur ein Stück derselben zu entwenden; was er im Trünke gesagt, sei für ihn nicht bindend. Trotzdem wurde der Mann bald darauf verhaftet und der Geheimrath kehrte nicht wieder als Arbeiter in die Fabrik zurück. Es kam nun alles auf ein geschicktes Ausforschen des verhafteten Unterbeamten an, in solchen Geschäften aber war der Geheimrath Meister. Der Geheimrath legte seine große Uniform nebst seinen sämmtlichen Orden an, setzte sich als Präsidirender dem Gerichte vor und ließ den Verhafteten vorführen. Der war »nicht wenig erschrocken, als er in dem einstigen Mitarbeiter seinen Richter erblickte. „Ich war berauscht," schrie er, „als ich so thörichte Worte redete, Ihr wißt ja selbst, hoher Herr, daß ich die Patronen nicht gestohlen nnd nicht verkauft habe." „Aber Du sagtest mir, Du habest früher schon solche Dinge entwendet und zwar habest Du dies für den Edelmann Iwan Alexandrowitsch Oststone gethan." „Hab' ich gesagt? Ich?" schrie der Beamte, „das sollte ich gesagt haben, das ist unmöglich, Herr, Ihr müßt Euch irren, habe ich doch jene Patronen gar nicht gestohlen, sondern Jnnozentius Lukanowilsch, der Oberaufseher." Ein Strahl der Freude glitt über das Gesicht des Geheimraths, wiederum war es ihm gelungen, eine Lichtlucke in dem Dunkel dieses Geheimnisses zu öffnen. Der Unterbeamte war sehr erschrocken über das, was er in der Verwirrung gestanden hatte und suchte sich wieder herauszureden, je mehr er aber nach einem Ausweg tastete, desto mehr verwirrte er sich. Der von ihm beschuldigte Oberbeamte wurde ebenfalls herbeigebracht. Die Beiden widersprachen sich gegenseitig, verwirrten sich immer mehr und cs blieb ihnen schließlich nichts anderes übrig, als ein reuiges Geständniß abzulegen. Danach hatte Iwan Alexandrowitsch in eigener Person den Oberbeamten überredet, ihm die Patronen zu übergeben und er selbst hatte ihm die Bezahlung dafür in die Hand gedrückt. Die beiden Leute konnten sogar die Nummern angeben, welche auf den einzelnen Stücken verzeichnet waren, und diese stimmten genau mit den Nummern jener Patronen, die bei dem Fürsten Michail Gutesow aufgesunden worden waren.