Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1892)
- Date
- 1892-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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782 ohne Zeitverlust aus dem Lande schaffen zu können, und da jene Juden, welche noch über halbwegs einige Mittel verfügten, mit ihrer erzwungenen Abreise aus dem ungastlichen Rußland nicht bis zu diesem Zeitpunkte warten wollten, so ist es leicht begreiflich, daß es gerade die Aermsten unter den Ausgewiesenen sind, welche jenseits des Pruth ihrer Abschiebung harren. Von allen Geldmitteln entblößt und ohne jeglichen Erwerb, befinden sich diese Unglücklichen in einer wahrhaft erbarmungswürdigen Nothlage, deren Druck noch überdies durch den Umstand vermehrt wird, daß es gerade für die Juden am schwersten ist, anderwärts eine Zufluchtsstätte zu finden. Wie bereits telegraphisch gemeldet wurde, hat sich angesichts der Ansammlung zahlreicher ausgewiesener Israeliten in den russischen Grenzgebieten auch die rumänische Regierung veranlaßt gesehen, ihre Consulate anzuweisen, den durch einen Gewalt- Aet des heiligen Rußland heimats- und subsistenzlos gewordenen Juden das zur Überschreitung der rumänischen Grenze nöthige Paßvisa zu verweigern und sind außerdem die rumänischen Grenzbehörden strengstens beauftragt worden, keinem nicht mit einem ordnungsmäßig vidirten Passe versehenen Fremden den Eintritt nach Rumänien zu gestatten. Daß Rumänien zu solchen Mitteln der Abwehr greift, wird hier damit begründet, daß jede Vermehrung des in der Moldau ohnedies schon überaus zahlreichen jüdischen Handwerker-Proletariats dessen erbärmliche Exfftenz-Bedingungen nur noch mehr erschweren würde, und daß sogar die bereits im Lande ansässigen, aber noch nicht als heimatsberechtigt angesehenen Israeliten in einer Masseneinwanderung erwerbsloser russischer Glaubensgenossen ein neues Hinderniß für die Regelung ihrer rechtlichen Stellung zum rumänischen Staate, ja selbst eine Gefahr für ihre eigne Duldung erblicken würden. Mit dieser Motivirung des ablehnenden Verhaltens der rumänischen Negierung ist aber die Frage nicht beantwortet, was mit den unglücklichen Juden geschehen soll, welche, von russischen Grenzkosaken über den Pruth gejagt, auf dem jenseitigen rumänischen Ufer nicht landen dürfen. Soll sich etwa jene Scene in großem Maßstabe wiederholen, welche sich vor nunmehr fast drei Jahrzehnten auf der Donau in der Nähe von Galatz abgespielt hat, wo man mehrere aus Rumänien zwangsweise abgeschaffte, von der türkisch-bulgarischen Grenzwache aber am Landen gehinderte Juden einfach in's Wasser geworfen hat? Jedenfalls werden sich an der russisch-rumänischen Pruthgrenze in den nächsten Tagen Bilder der Verzweiflung und des Jammers entrollen, welche sich den Rückwirkungen russischer Autokraten - Willkür in Sibirien würdig an die Seite stellen dürften. Vermischtes. < Gicflerr, 10. Mai. Die heutige, von den Autisclnitcu eiubcruseue Versammlung in Großen-Busek nahm einen für die Gegner des Antisemitismus sehr erfreulichen Verlauf. Rechtsanwalt Grnnewald-Gießcn trat in einstnndigcr, beifällig aufgenommener Rede dem Antisemitenfnhrer Bockel entgegen; eine von ihm beantragte Nesolntion, die hessische Landgemeiudeordnung betreffend, gelangte zur einstimmigen Annahme. Gablonz, a. d. Ncisse, im Mai. Herr Dr. Hermann Baneth ist einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Derselbe hat seine Ausbildung an dem unter Leitung des Herrn Dr. Hildesheimer stehenden Rabbiner-Seminar erhalten. London. Das Profefforcn-Collegium der llniversität zu Cambridge hat dem Senate den Vorschlag erstattet, es möge dem Lector für Talmud Mr. S. Scheelster der Doctor-Titcl verliehen werden. Poris. M. David Navnal, 'Mitglied der Deputirtenkammer, welcher bereits zweimal Minister der öffentlichen Bauten war, wurde zum Vicepräsidcuten der Oberen Handelskammer ernannt. — Der Viecpräfident der klammer, Burdcau, wird Drumont verklagen, weil ihn dieser einen „jüdischen Dieb" genannt hat. Amsterdam. Die Königin - Regentin hat die Wahl des Dr. H. Pollak aus Rotterdam zum Mstgliede der kgl. Akademie der Wissenschaften bestätigt. Ihre Majestät hat anch den Prof. I. Oppenheim von der Groninger Universität zum Mitgliede einer königl. Commission ernannt, welche der Regierung Vorschläge wegen Anlage von Wasserstraßen zu erstatten hat. — Wie alle Jahre haben auch ^heuer zwei jüdische Institute von der Konigin-Regentin spenden erhalten; es find dies der Wittwcnnnterstiitznngs-Fond der Diamauten- Schleifer und der Waisenfond. Newyork. Isak Mizrachi, welcher den Mordanschlag gegen das Leben des Nev. Dr. Mendes versucht hat, wurde zum höchsten Strafmaß, nämlich 10 Jahre Zwangsarbeit, verurtheilt. Feuilleton. Der Hünstting des Kzareu. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phil. (44. Fortsetzung.) Der Director gehorchte, ohne nach der Ursache dieses sonderbaren Verlangens zu fragen, der Geheimrath trat als Hülsenreiniger in die Fabrik ein. Der arme, alte Mann, der etwas gebrechlich war, wurde von den übrigen Arbeitern gut behandelt und schon nach wenigen Stunden befreundete er sich mit Einigen derselben. Am dritten Tag nach dem Eintritt des neuen Arbeiters feierte zufällig die Frau Directorin ihr Namensfest und gelegentlich dieses Anlasses wurden