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Der Israelit · 1892-05-26 · Heft 42 (26.5.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 42 (26.5.1892)
Date
1892-05-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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778 jeder Nuance so entschieden das Gepräge der höchsten, edelsten Ziele, die Menschen auf Erden anstreben können, daß man nirgends eine Spur von jener lichtscheuen Engherzigkeit und Ausschließlichkeit findet, die man nur sonst mit dem Begriff Orthodoxie zu verbinden geneigt ist. Da liegt uns z. B. der jüngste Rechenschaftsbericht des „Vereins des jüdischen Lehrerseminars in Rheinland zu Cöln" für das 24. Jahr seines Bestehens vor. Wenn man die lebhafte Frequenz der Anstalt und die reichlichen Beiträge für dieselbe Revue passiren läßt, so mag man wohl einen Augenblick staunen, wie es möglich ist, das thätige Interesse für eine solche Anstalt in ganz Deutschland und weit darüber hinaus, zu wecken und immer herrlicher zu entfalten. Wenn man aber den Geist und die leitenden Grundsätze dieser Anstalt sich vergegenwärtigt, wie sie in gedrungener Kürze der Direktor Dr. Plato zum Ausdruck bringt, dann begreift es sich, wie sich jeder gebildete, denkende Jude glücklich schätzen muß, sich durch sein Scherflein zu denselben herrlichen Wahrheiten durch die That zu bekennen. Wir können es uns nicht versagen, einige markante Stellen aus dieser Darstellung hier folgen zu lassen: „Wir verdanken der altjüdischen Glaubens¬ und Pflichtenlehre die unschätzbare Wohlthat. daß die Grundsätze allgemeiner Menschenliebe und Duldsamkeit uns als ein unantastbares über allem Zweifel erhabenes Dogma offenbart und überliefert und vom Anbeginne und von der Urzeit des Menschengeschlechts auf dem heimathlichen Boden unseres Geistes- und Gemüthslebens eingebürgert sind. „Und diesem vom allliebenden Vater und höchsten Gesetzgeber der Menschheit offenbarten Grundgesetze gemäß wollen wir in stetem Hinblick auf die kommenden Geschlechter — auf daß diese in stetem Fortschritt bessere Menschen, bessere Juden und bessere Staats- und Weltbürger werden, als die jeweils vorangegangenen — in jeder Gegenwart berufstüchtige und berufssreudige, dem Religionsgesetze und dem Staatsgesetze in gleicher Treue und Innigkeit ergebene jüdische Volks- und Religionslehrer heranbilden, deren speziell jüdische und allgemein wissenschaftliche Bildung auf gleicher Höhe stehen und deren jüdisch religiöse und vaterländische Gesinnung in gleicher Tiefe des Gemüthes begründet sein müssen, wenn sie ihren hochheiligen Doppelberuf ganz erfüllen und den ewigen Anforderungen des Gottesgesetzes wie den gleichberechtigten des humangebildeten und vaterländischen Zeitbewußtseins in Gesinnung und That, in Lehre und Leben, im religiösen Wandel und in bürgerlicher Berufstätigkeit in ungetheilter und unteilbarer Einheit entsprechen sollen. „Aus dem reichen Borne des deutschen wie des jüdischen Schriftthums in gleichem Maße und mit gleicher Liebe getränkt, müssen unsere Zöglinge schon in vorbereitender Lösung ihrer zukünftigen Lebensaufgabe beide Bildungselemente im Geiste und Gemüthe zur innigsten Harmonie verschmelzen und schon in der Anstalt als gesetzestreue und glaubensinnige Juden und als begeisterte Vaterlandsfreunde sich selbst erkennen und erfahren, damit sie dereinst als solche mit unnachsichtlicher Strenge gegen sich selbst in treuester und willigster Hingebung im Lebensberufe sich bewähren und so dem Vorurtheile Fernstehender und Uneingeweihter begegnen, als suchten wir, verschiedenen weltgeschichtlichen Epochen angehörige Bildungsfactoren, die einander fliehen und ausschließen, gewaltsam mit einander zu vereinigen und als müsse die Begeisterung für die alte angestammte Gotteslehre die Herzen der Jünglinge den Gestaltungen und Anforderungen der lebendigen Gegenwart entfremden und so einen Gesinnungszwiespalt erzeugen, den das spätere Leben erst nach schweren und schmerzlichen Seelenkämpfen im reiferen Mannesalter werde lösen können. „Der Höhe des von uns klar erkannten Zieles haben wir stets trotz mehrfacher innerer und äußerer Schwierigkeiten und Hemmungen mit aufrichtiger Begeisterung zugeftrebt, und das ehrende und ermunternde Vertrauen, welches unserer Anstalt als einer Pflanz- und Pflcgestätte altjüdischer Glaubenswissenschaft und Gesetzestreue von Nah und Fern entgegengebracht wird, hat sich auch im verflossenen Jahre wiederum durch die ihr zugewandten frommen Stiftungen in erfreulicher Weise zu erkennen gegeben." Diese Anschauungen, von welchen alle ähnlichen Anstalten des orthodoxen Jndenthums in Deutschland in gleicher Weise durchdrungen sind, genügen, allein den siegreichen Fortschritt zu erklären, mit welchem es von Tag zu Tag immer nachhaltiger die Geister und Gcmüther gewinnt. Wir nennen von diesen Veranstaltungen noch zwei, welche als die jüngsten Etappen des orthodoxen Judenthums in Deutschand in seinem unaufhaltsamen Fortschritt bezeichnen, die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen I u d e n t h u m s" und die I e s ch i b a in Frankfurt a. M. Als die „Freie Vereinigung" zum ersten Male angekündtgt wurde, kamen ihr die Gegner mit Verdächtigungen und angeblichen Befürchtungen und begeisterte Gesinnungsgenossen mit weitgehenden sanguinischen Hoffnungen entgegen. Die einen, wie

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