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Der Israelit · 1892-05-23 · Heft 41 (23.5.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 41 (23.5.1892)
Date
1892-05-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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770 Pflichten und in edlem Gerechtigkeitsgefühl sehr oft und vielfach Milde und Schonung gegen die Juden forderten. Wohl kann es möglich sein, daß bei der damaligen intensivsten Auseinanderschließnng der vielfachen Stammesgenoffen untereinander auch ein gewisses nationales Moment von Bedeutung war für den jetzt ausbrechenden Haß gegen die Juden; aber jedenfalls nicht von maßgebender Bedeutung, Glaubens- und Nacenmotive mochten bei Einzelnen wirken, im Großen aber waren nicht sie das Treibende, sondern auch damals schon für die Mehrzahl nur ein Schleier, welcher noch unreinere und unedlere Beweggründe verhüllen sollte. Der Neid und die Mißgunst, jene häßlichen und widerwärtigen Eigenschaften, die gemeinen Züge im Seelenleben, sind die hauptsächlichen und die eigentlichen Ursprünge der um den Beginn unseres Jahrtausends ausbrcchenden Judenverfolgung. Die Stellung der Inden im Verkehrsleben wurde durch allerlei Maßnahmen derart verändert, daß sie aus dem Maaren- und Großhandel allmählich auf das Geldgeschäft und den Kleinwaarenhandel zurückgedrängt wurden. Und nun begann jene fürchterliche und grausame Zeit, welche das gemarterte Volk unter die schlimmsten Ausnahmegesetze stellte, von Ackerbau, Gewerbe, Großwaarenhandel ausschloß und eine vielhundertjährige Leidensperiode einleitete, die von Blut und Thränen trieft. Erst im vorigen Jahrhundert, als erleuchtete und hochsinnige Männer ansingen, ihre Stimmen zu erheben, begann man, theoretisch des Verbrechens gegen Humanität und Gerechtigkeit sich bewußt zu werden. Praktisch wurde es, in der Form wenigstens und von Seiten der Staaten als solches, ausgehoben, als die großen politischen Umwälzungen die rechtliche Gleichstellung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession herbeiführten. Wenn trotzdem jetzt von Neuem der Haß gegen unsere jüdischen Mitbürger hervorgebrochen ist, jetzt in unserer kulturell und wissenschaftlich so hoch entwickelten Zeit in erschreckendster und für den Menschenfreund beschämendster Weise von Neuem um sich gegriffen hat, was ist, psychologisch untersucht, die letzte und eigentliche Triebfeder davon? Wieder sagen die Einen: der konfessionelle Gegensatz. Das ist unmöglich, denn ein wahrhaft frommer Mensch würdigt jede religiöse Ueberzeugung. Haß gegen Andersgläubige verträgt sich nicht mit der echten Frömmigkeit. Die Anderen meinen: Der Rassengegensatz. Das ist ganz unhistorisch, denn bekanntlich gehören namentlich in unseren östlichen Ländern sehr viele Bekenner des mosaischen Glaubens ethnologisch gar nicht zu den Semiten, sondern zu den Slaven.(? Red.) Und dann, wenn wirklich bei Einzelnen ein solcher sogenannter Raffengegensatz die Quelle ihres Antisemitismus sein sollte, wie klein, wie verächtlich und in seinen Konsequenzen wie erschreckend ist eine solche Art des Empfindens. Das stärkste Gefühl für das Vaterland ist ein Gebot, politische Gegensätze zwischen Völkern können zu blutigen Kämpfen führen, in denen mit Begeisterung das Dichterwort lebendig wird: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles einsetzt für die Ehre". Aber für Raffengegenfätze als solche soll es keinen Raum in uns geben: Erst Mensch, dann Weißer, Gelber, Rother, Schwarzer, erst Mensch, dann Germane, Slave, Semit, Romane; erst Mensch, dann Jud, Christ und Muselmann. Nein, nicht konfessioneller Gegensatz; auch nicht nationale Abneigung sei das Maßgebende und Treibende für das Wiederaufwachen des Antisemitismus in unseren Tagen. Für die erschreckende Verbreitung, für die empörende Gestaltung dieses Frevels an der Humanität und Gerechtigkeit ist genau dasselbe Motiv die Triebfeder wie vor 800 bis 900 Jahren: der gemeine Neid, die niedere Mißgunst. Man vergißt bewußt oder unbewußt, daß es Hundert- und aber Hunderttausend von ärmsten Juden gibt, welche bitter und mühselig mit des Lebens Noth ringen; man denkt nur daran, daß es den jüdischen Mitbürgern heute ermöglicht ist, in den Wettbewerb in dem Kampfe ums Dasein einzutreten — man haßt den Konkurrenten auf den Gebieten des geistigen und erwerblichen Lebens. Das, meine Herren, ist der wahre Kern des Antisemitismus, ist das Traurige zugleich an demselben, daß er aus dem Gemeinen in der Menschennatur seinen Ursprung nimmt. Alle Deklamationen von sogenannten anderen Beweggründen, Erklärungen, Rechtfertigungen für denselben sind hohl und nichtig. Auf alle gibt es nur eine einzige Antwort: Sei gerecht! Prüfe! Lasse in einem Einzelfalle von Schuld den Schuldigen die ganze Strenge des Gesetzes treffen, aber verallgemeinere nicht! Du versündigst Dich sonst gegen das Herrlichste, was das Sittengesetz kennt, gegen die Nächstenliebe; Von der Warte der historischen Betrachtungen gesehen und psychologisch analisirt, ist die Erscheinung des Antisemitismus einer der schwersten Vorwürfe gegen das menschliche Herz." Nach Prof. Nothnagel's Rede machte der Vorsitzende des österreichischen „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", Baron von Suttner, verschiedene Mittheilungen über die Fortschritte des Vereins. Der Vorsitzende richtete an die Leiter von Schulen aller Kategorien die Einladung zum Beitritte und empfing zahlreiche Zuschriften der Sympathie. Angesehene Schulmänner bezeichnten es geradezu als Eidbruch, wenn ein Lehrer, dem die

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