Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1892)
- Date
- 1892-05-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXlil. Jahrgang. Erste Beilage;u M 41 -es „Israelit". Leitender Artikel. Pros. Uothuosel gesell de« Antisemitismos. Im österreichischen „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in Wien hat porige Woche der berühmte Professor der Medizin an der Wiener Universität, Hofrath Dr. Hermann Nothnagel, einen^Vortrag gehalten, welcher wegen der wissenschaftlichen Tiefe und Schärfe, mit welcher darin Genesis und Ziele des Antisemitismus einer zer- * setzenden Analyse unterzogen werden, die größte Beachtung und weiteste Verbreitung beanspruchen darf. Herr Professor Dr. Nothnagel sagte: „Alle, welche heute hier versammelt sind, habenIsich in Einem Gedanken gesunden, ein gleiches Empfinden beseelt, trägt uns Alle. Die ethische Pflicht, die schmachvolle Angriffe gegen unsere jüdischen Mitbürger abzuwehren, hat diesen Verein ins Leben gerufen. Ich weiß nicht, meine Herren, was größer in einem fühlenden Menschen sein muß: ob der Ekel über das wüste Treiben, welches sich als Antisemitismus bezeichnet, oder der Zorn über dasselbe, oder eine tiefe Traurigkeit darüber, daß eine solche Seelenpest sich verbreiten konnte. Die antisemitische Bewegung vom Standpunkte der fortschreitenden Entwickelung prüfen zu wollen, wäre eine Versündigung gegen die elementarsten Forderungen nicht nur der Gerechtigkeit und Humanität, sondern selbst des schlichten Verstandes. Keinerlei Idee und keinerlei noch so verschrobenes Ideal liegt in Wahrheit dieser Bewegung zu Grunde, kein zündender Gedanke führt sie, kein leuchtendes Ziel winkt an ihrem Ende. Von alledem das Gegentheil! Wozu, meine Herren, soll ich in dem trüben Sumpfe rühren, aus welchem die Giftblasen des Antisemitismus aufsteigen? Sie alle kennen ihn ebenso gut, wie ich. Und ich muß sagen, daß es mir widerstrebt, das traurige Gewirr von Beschränktheit und Schwäche, von Neid und Haß, von Allem, was klein und häßlich in der Menschennatur ist und was in seinem Zusammenwirken die empörende Fratze des Antisemitismus erzeugt hat, psychologisch zu analysiren. Nur von den klaren Höhen der historischen Anschauung möchte ich in dieser Stunde die Sache, für welche wir mit Ernst und Treue zu wirken uns bemühen, in wenigen Bemerkungen beleuchten. Gleichsam zu ihrer Rechtfertigung und mit einem gewissen Hohn weisen die Antisemiten öfters darauf hin, daß ja nicht sie zuerst und nicht gegenwärtig zuerst gegen die Juden Stellung genommen hätten, sondern daß, wie sie meinen, schon seit den ältesten Zeiten dies von allen Völkern geschehen sei. Zunächst ist natürlich in dieser Fassung diese Behauptung unzutreffend. Denn gleichwie es heute noch in einer Reihe von Staaten ist, so sind auch früher Jahrhunderte vergangen, in denen die Bekenner des mosaischen Glaubens vollständig unbehelligt neben den anderen Staatsbürgern leben konnten. Und wenn Gegensätze entstanden sind, was lehrt die Geschichte, was war der Grund derselben? Wenn die Stämme mosaischen Bekenntnisses von den Völkern um sie herum (nebenbei, auch diese waren Semiten) angefeindet wurden, dürfen, können wir mit unseren heutigen Anschauungen daraus den Juden einen Vorwurf machen? Diese Frage beantwortet sich für jeden, der einen Funken von Gerechtigkeitssinn in sich hat. von selbst. Wenn weiter gesagt wird, daß die Römer, welche doch alle anderen unterjochten Völker unter sich duldeten, den Juden mit besonderer Feindseligkeit begegnet seien — woher kam dies und was beweist es? Zunächst muß festgehalten werden, daß die gegen die Juden gerichteten unbegründeten Anklagen nicht blos diese, sondern in ganz gleicher Weise die Christen trafen. Beide waren derselben Abneigung, demselben Haß und denselben grausamen Verfolgungen ausgesetzt. Diese aber entsprangen einem Grunde, welcher Christen wie Juden zur höchsten Ehre gereicht. Weil beide sich weigerten, die römischen Staatsgötter zu verehren, weil sie den Imperatoren keine göttliche Anbetung erweisen wollten, weil sie mit einer unerschütterlichen Treue an der Verehrung ihres Gottes festhielten, die selbst die ungeheure politische Machtfülle des Römerstaates nicht zu brechen vermochte, deßhalb bestand jener Gegensatz. Dann existirt für beinahe ein Jahrtausend keine sogenannte Judenfrage. Die Juden erfreuten sich einer unangefochtenen Existenz. Sie lebten unter den anderen Völkern, wie urkundlich feftgestellt worden ist, nicht nur unbehelligt, sondern als gleichberechtigte Bürger unter den anderen. Die verwandelten Lebensverhältnisse hatten aus dem in seiner alten Heimath ausschließlich Ackerbau und Viehzucht treibenden Volke allmählich ein Kausmannsvolk gebildet. Daneben jedoch trieben sie auch jetzt noch Ackerbau, hatten Grundbesitz in Stadt und Land. Dann, etwa um das Jahr 1100, kam ein Umschlag, begann jener Zustand, welcher die vielhundertjährige Leidensgeschichte der Juden etnleitet. Es muß jedoch betont werden, daß gerade die Päpste und die Kirche in Erkenntniß ihrer hohen