Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1892)
- Date
- 1892-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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765 jüdischen Lager auch die Israeliten bloßstellt, welche nicht die Macht und den Muth finden, ihr entgegenzutreten." Auf ihre alte Natur sich besinnend, fügt freilich die kgl. „Leipz. Ztg." antisemitisch hinzu: „Der in klar bewiesenen Thatsachen vorliegende Anklagestoff ist doch wahrlich umfangreich genug, als daß man es nöthig hätte, Neues hinzuzudichten." (Fürst Bismarck ist bekanntlich selbst immer gut antisemitisch gewesen.) Posen, 15. Mai. In der Judenausweisung ist Rußland immer weiter thätig. Dieser Tage verließen 160 mit Ausweisungsgebot belegte Juden den russischen Boden, indem sie von Odessa sich nach Konstantinopel einschifften. Das Geleite der Ausgewiesenen von ihren Glaubensgenossen war so zahlreich, daß im Hafen die übrigen Passagiere sich nur mühsam Platz machen konnten. Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Wien, 18. Mai. Antisemitische Studenten demonstrirten bei der heutigen Vorlesung des Professor Nothnagel im allgemeinen Krankenhause sehr heftig mit Pereat und Stampfen. Die Demonstration galt der vorgestrigen in der heutigen Beilage des „Israelit" zum Abdruck gelangenden, glänzenden Rede Nothnagels im Vereine zur Bekämpfung des Antisemitismus. Die liberale Studentenschaft rief Prosit, Nothnagel verließ den Hörsaal, kehrte beim Eintritt der Ruhe zurück und bat, jede Demonstration pro oder contra zn unterlassen, da die Klinik nicht der Ort hierzu sei. Er werde nach wie vor für seine persönliche Ueberzeugung selbst einftehen. Unter den Demonstranten sollen sich viele Nichtstudenten befunden haben. Die Demonstration wird allgemein verurtheilt. Nothnagel hatte gestern eine Sympathie-Kundgebung der Studenten abgelehut. Unter den zahlreichen Patienten hatte die lärmende Demonstration Aufregung hervorgerufen. Prag, 9. Mai. Nach neuesten Vorschriften finden die Maturitätsprüfungen in ganz Böhmen an demselben Termin statt. Als solcher war vom k. k. Kultusministerium die Zeit vom 31. Mai bis 5. Juni bestimmt und bereits publizirt. Auf die Vorstellung des hiesigen Rabbiners Dr. A. Kisch wurde dieser Termin — innerhalb dessen das jüdische Pfingstfest fällt — für ganz Böhmen abgeändert. Grotzwardein. Die hiesige orthodoxe Gemeinde, welche wegen ihrer vielen Opfer, die sie im Interesse von n-:n miay nun bringt, eine wahrhafte Mustergemeinde genannt werden darf, geht nun wieder daran ihre zahlreichen Prachtbauten um einen neuen zu vermehren. Dieselbe läßt nämlich neben dem wunderschönen, neuen Gotteshaus ein prachtvolles, einstöckiges Haus aufführen, in welchem man die Volksschule, Bürgerschule und die Gemeindekanzlei unterbringen wird, da die bisherigen Räume sich als unzulänglich erwiesen haben. Das neue Gebäude wird 70,000 fl. kosten. Rumänien. Bukarest, 16. Mai. Die Regierung hat ihren Konsulaten in Rußland die Ertheilung von Paßvisos für ausgewiesene russische Juden verboten. Rußland. St. Petersburg, 6. Mai. Die Opferwilligkeit der Israeliten in Lodz wird nach der „Lodz. Ztg." dadurch documentirt, daß die unter den Glaubensgenossen zum Besten der jüdischen Armen vor den Osterfeiertagen veranstaltete Sammlung ein Resultat von ca. 20,000 Rubel ergab. Diese schöne Summe Geldes wurde unter die ärmsten jüdischen Familien als Unterstützung zum Osterfest vertheilt. Petersburg, 19. Mai. Das Ministercomttö genehmigte endgiltig das Projekt des Baron Hirsch bezüglich der Uebersiedelung russischer Juden nach Amerika in allen Details. Odessa, 13. Mai. In Telegrammen ausländischer Journale wurde die Angabe verbreitet, daß kürzlich „mehrere Tausend" russische Israeliten über Odessa die Heimat verließen. Diese Nachricht dürfte bezüglich der angeführten Ziffer übertrieben sein. Die Bewegung der Auswanderer im Hasen von Odessa hat erst im verflossenen Monate größeren Umfang gewonnen und die Zahl der Emigranten, die sich an Bord der beiden letztabgegangenen Dampfer einschifften, betrug nur 600. Diese Thatsache bleibt aber beachtenswerth, da sich unter den Auswanderern viele Leute befinden, welche durch dreißig und mehr Jahre in Odessa ehrlich ihr Brot erwarben. Auffallend ist auch, daß unter den Auswanderern zahlreiche Russen von Geburt sind, die erst während ihrer geschäftlichen Thätigkeit fremde Staatsbürgerrechte erwarben und infolgedessen nun von den rücksichtslosen Bestimmungen des am Jahresschlüsse erlassenen Gesetzes getroffen werden. Die Hilfskomites und die in Odessa amtirenden ausländischen Konsularvertreter bemühen sich vergeblich, die Auswanderungbewegung einzudämmen. Ihre Bemühungen, die Behörden zu einer weniger schroffen Handhabung des Gesetzes zu bestimmen, bleiben erfolglos. Brest-Litewsk, 10. Mai. Tiefste Trauer ist in unsere Gemeinde eingekehrt und wird sicherlich weit über die Gemarken Rußland's hinaus schmerzliche Theilnahme wecken: Unser ehrwürdiger Oberrabbiner R. Josef Dowber Soloweitzig ist plötzlich verschieden, ein Schlaganfall hat seinem thatenreichen, erfolggesegneten Leben ein jähes Ende bereitet. Mit ihm sank eine der gefeiertsten rabbinischen Autoritäten