Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-05-23 · Heft 41 (23.5.1892) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 41 (23.5.1892)
Date
1892-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448258--34202-2482130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

762 die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", die unter der Flagge der Unparteilichkeit gegen das von den Vätern überlieferte Judenthum und seine Vertreter einen wahren Vernichtungskampf führte. Diesem Wortheldenthum gegenüber schien das wahre, unverfälschte Judenthum und seine Anhänger vollständig machtlos. Da trat der „Israelit" auf den Plan, als Parteiblatt, als Organ des vielgeschmähten orthodoxen Judenthums, und nahm den Handschuh auf, den die alleinseligmachende, Alles beherrschende, „Allgemeine" unseren heiligsten Heiligthümern Jahrzehnte lang in keckem Uebermuth hingeworfen hatte. Wohl war es ein harter, heißer Kampf, aber er hat mit einem vollständigen Sieg des orthodoxen Judenthums geendet. Das orthodoxe Parteiblatt ist das gelesenste, verbreitetste unter allen jüdischen Zeitungen. Die Spalten des „Israelit" sind jedoch nicht der Platz, um diese Tatsache in allen ihren Details vollständig zu würdigen. Aber es wäre doch andererseits ungerecht, wenn von der Erstarkung der Orthodoxie in Deutschland die Rede ist, ihres eigentlichen Organs nicht in erster Reihe wenigstens kurz zu gedenken. Aber noch eklatanter als in der Entstehung und Entwickelung einer einzelnen Zeitschrift, zeigt sich die urwüchsige Lebenskraft des orthodoxen Judenthums in den Gemeinden, welche sich in eben denjenigen Großstädten Deutschlands bildeten, in welchen die Mehrzahl dem Reformjudenthum huldigt. Hier denkt man sofort an die Israelitische Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. und an ihre herrlichen Institutionen, die allein genügten, um die siegreiche Fortentwickelung des orthodoxen Judenthums in imponirender Weise zu constatiren. Aber wenn einmal die Zeit gekommen sein wird, um die Geschichte der Israelitischen Religionsgeselljchasten zu schreiben, wird der tieferblickende Historiker, die nicht zu brechende Lebenskraft der jüdischen Orthodoxie nicht nur in diesen ihren imposantesten Schöpfungen finden. Es ist schon oft gesagt worden, daß z. B. gerade in Frankfurt bei den staunenswerthen Erfolgen, die das orthodoxe Judenthum daselbst zu verzeichnen hat, auch das Zusammenwirken einer Reihe günstiger, äußerer Umstände in die Wagschale fällt, die sich sonst selten in dieser Weise vereinigt finden. Die Gottbegnadeten Führer, die opferfähigen und opferfreudigen Mitglieder des Gemeinwesens und — last not least — der fanatische, instinktive Haß gegen alles specisisch Jüdische, der sich, wie vielleicht nirgends sonst, auf Seiten der Gegner geltend machte, alles dies wirkte zusammen, um aus kleinen, unscheinbaren Anfängen ein so Achtung gebietendes Ensemble zu schaffen. Noch größere Wunder aber hat das Prinzip der Orthodoxie vielleicht in jenen kleineren Kreisen vollbracht, in welchen die äußeren Verhältnisse weniger günstig lagen und daher große, in die Augen springende Errungenschaften nur schwer oder gar nicht zu erreichen waren. Die kleinen orthodoxen Gemeinden und Religionsgesellschaften in einer Umgebung, die nach menschlicher Berechnung jede Ausdehnung und Vergrößerung ausschloß, die in winzigen Minoritäten inmitten zahl- und einflußreicher Reformgemeinden alle Kraft aufzubieten halten, sich in ihrem bescheidenen Umfang zu erhalten und die trotz aller Hindernisse von Außen, trotz der schweren, materiellen Opfer, welche ihnen ihre Lossagung auferlegte, dennoch im Vertrauen auf die Gottessache nicht ermüdeten und nicht die heitere Zuversicht verloren, diese bekunden die unwiderstehliche Siegesmacht ihres orthodoxen Judenthums bei aller Winzigkeit und Unannehmlichkeit nach Außen, vielleicht noch nachhaltiger als die mit äußerem Glanz ausgestatteten Schwesterinstitutionen. Was jedoch jede einzelne dieser Vereinigung für sich und ihre eigene Entfaltung schafft und wirkt, ist es nicht, was wir zunächst im Auge haben, wenn uns die Erstarkung des orthodoxen Judenthums allenthalben entgegentritt. Wohl kommt das Wirken und Gute, das jeder Einzelne und das gar ein Gemeinwesen wirkt, immer und überall der großen Gesammtheit zu Gute. Wer vermöchte den Segen in seiner ganzen ungemessenen Tragweite auch nur anzudeuten, den die Tausende von Schülern und Schülerinnen bedeuten, welche getränkt von dem Geiste unserer Thora, aus den Unterrichtsanftalten und Religtonsschulen des orthodoxen Judenthums diesen Geist nun hinaus ins Leben tragen und diesem Geist dort immer größere Kreise erschließen! Aber die Schulen, die Synagogen, die Kaschruth-Jnstitutionen, welche die gesetzestreuen Gemeinden sich gründeten, gründeten sie doch zunächst sich und erst mittelbar kommt das so Geschaffene der großen Gesammtheit zu Gute. — Diejenigen Veranstaltungen und Schöpfungen dagegen, welche gottbegeisterte Führer der jüdischen Orthodoxie von vornherein nicht für ihren engeren Kreis, sondern für das Gesammtjudenthum anftrebten, diese bekunden eben einen Ueberschuß an Lebenskraft und Energie, der die Erstarkung des orthodoxen Judenthums in ihrer ganzen Bedeutsamkeit zum Ausdruck bringt. — Um diesen Moment voll und ganz zu würdigen, muß man nur die Impotenz des Reformjudenthums nach dieser Seite hin, mit den Leistungen der Orthodoxie vergleichen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.