Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1892)
- Date
- 1892-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448258--34201-2482129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXMI. Jahrgang. M 41. Der Israelit. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe Audenthum. Begründet von Dr. Lehmann tn Vlaiuz. Montag, den 23. M a i SSS2 (R8S2). Leitender Artikel. Die Erstarkung der jüdischeu Orttzodorle in Deutschland. Berlin, 20. Mai. Vor einigen Jahren hat ein hervorragender Staatsmann in einem deutschen Parlamente mit viel Emphase erklärt: „Wir leben in einem christlichen Staate." Diese Erklärung hat durch die Veranlassung, bei welcher sie gegeben wurde und durch die Adresse, an welche sie sich richtete, damals vielfach verstimmt. Einsichtige, kaltblütige Beurtheiler fanden aber in diesen Worten für uns Juden eine Anerkennung, wie sie uns nur selten zu Theil wird. Wenn man in einem Staate, der so und so viel Millionen christlicher Einwohner und darunter kaum ein halbes Prozent jüdischer zählt, dieser handvoll jüdischer Bürger gegenüber erst feierlich erklären muß, was doch eigentlich selbstverständlich sein sollte, daß Christen einen christlichen Staat bilden, so hat man dem Häuflein Juden eine Bedeutung zuerkannt, die weit über die thatsächliche Wirklichkeit hinausgeht, und zwar mit demselben Athemzug mit dem man ihnen diese Bedeutung absprechen wollte. Ein Aehnliches ist kürzlich in einer jüdischen Versammlung geschehen. Wenn ich nicht irre, war es auf dem jüngsten Gemeindetag des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, wo im Laufe der erregten Debatten ein Redner daran erinnerte, oaß der Gemeindebund von Haus aus reformjüdischen Kreisen und nicht der jüdischen Orthodoxie seine Entstehung verdanke. Das ist unzweifelhaft richtig. Der Gemeindebund wurde sogar von Anfang an, wegen seiner ganzen Grundlage, Ausgangspunkte und Ziele von orthodoxer Seite scharf bekämpft und wird es noch heute, soweit er dazu Veranlassung gibt. Der Gemeindebund ist von Hause aus von Männern gegründet und beeinflußt worden, die durch ihre Theilnahme und Stellung an Rabbtnerversammlungen und Synoden in der jüdischen öffentlichen Meinung kläglich Schiffbruch gelitten hatten. Dieselben suchten und fanden in dieser Vereinigung eine Gelegenheit, ihre Gedanken und Anschauungen über Juden und Judenthum an den Mann zu bringen und haben dies auch reichlich gethan. Daß man aber der Vernünftigkeit, Rechtlichkeit und Billigkeit auch gesetzestreuer Erwägungen und Ansprüchen hie und da Rechnung zu tragen anfängt, bringt die alten reformjüdischen Gevattern von Zeit zu Zeit ganz aus dem Häuschen und in den Harnisch und sie äußern ihren Unmuth, wenn sie damit auch das Verfehlte, Verlorene ihrer Position unumwunden zugestehen. Wenn es schon soweit gekommen ist, daß selbst im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund eine solche Couftatirung des orthodoxen Elements von seinen entschiedensten Gegnern erfolgen konnte, so muß die Erstarkung der jüdischen Orthodoxie in Deutschland bereits so große Fortschritte gemacht haben, daß es diesem gesch. Blatte, „dem Central-Organ des orthodoxen Judenthums" wohl zukommt, davon Notiz zu nehmen. Ist doch der „Israelit" das einzige Organ in Deutschland, das nicht nur seiner Gesinnung nach sich zum orthodoxen Judenthum bekennt, sondern auch seinen Namen trägt und redlich seinen Beitrag beigefteuert hat, diesen Namen zu Ehren zu bringen. Wenn man die Fülle von Belegen mustert, welche für die Erstarkung des gesetzestreuen, orthodoxen Judenthums in Deutschland zeugen, so stehen diese Blätter selber oben an. — Die Gründung des „Israelit" fällt in eine Zeit, in welcher orthodox und Orthodoxie noch Bezeichungen waren, um das gesetzestreue Judenthum und seine Bekenner mit denk- und lichtscheuem Muckerthum in einen Topf zu werfen und sie so durch den bloßen Namen in der öffentlichen Meinung zu discreditiren. Auf diese öffentliche, jüdische Meinung hatte ein geschickt redigirtes Reformblatt ein Monopol, und jedenfalls geriete es sich so, als ob es eines hätte. Es war