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Der Israelit · 1892-05-19 · Heft 40 (19.5.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 40 (19.5.1892)
Date
1892-05-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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750 wittel fast offen und zugestandenermaßen legitimirt. Man soll grundsätzlich von Jedem, der im öffentlichen Leben steht, von vornherein annehmen, daß er von der Gerechtigkeit seiner Sache überzeugt ist. Auch den Antisemiten soll dieses deueüeium durchaus nicht versagt werden. Ja, die ungeheuerliche Einseitigkeit, welche der Antisemitismus bei seinen Anhängern erzeugt, macht es sogar psychologisch ganz verständlich, daß die Führer und ihr Gefolge einander das Wunderlichste und Unwahrscheinlichste glauben, sofern es sich nur gegen die Juden verwerthen läßt. Aber da werden doch auch Dinge vorgetragen und verbreitet, die keine psychologische Erklärung mehr aus dem Bereich bewußter Lügen herausretten kann. Wenn — um nur ein Beispiel anzuführen — der moderne calumniator Germaniae vor Tausenden von Zuhörern erzählt, daß die Juden ihre Mordlust nicht nur zu rituellen Zwecken an unschuldigen Christenkindern zu üben Pflegen, sondern daß sie auch sonst Alles grausam und rücksichtslos hinmorden, was sich ihnen in den Weg stellt, z. B. die unbequemen Zeugen in einem hochwichtigen Prozesse (einen Portier, einen Fabrikanten, ja einen liberalen Schriftsteller haben sie hingeschlachtet), dann wird doch selbst in einer fanatischen und einseitig verblendeten Hörerschaft kein einziger sein, der nicht von der Lügenhaftigkeit dieser Erzählungen überzeugt wäre. Wird nun diesem Manne von derselben Versammlung ein Lorbeerkranz unter losendem Beifall überreicht, so liegt darin doch eine schamlose Glorificirung der Lüge, wie sie in der Demagogie aller Zeiten und Völker völlig unerhört ist. Man kann sagen: Jene ungeheuerliche Märchen bilden nur das komische Element, das nun einmal seit Urväter Zeiten mit zu einer richtigen Judenhetze gehört. Gewiß. So sagen die Eingeweihten und Klugen, welche sich öffentlich entrüstet zeigen, wenn man sie einer Seelcnverwandtschaft mit Ahlwardt zeiht, aber im Uebrigen jede neue Phase seiner „Wirksamkeit" freudig begrüßen. In den irregeleiteten Massen aber setzt sich die Vorstellung fest, daß einem Juden gegenüber die Lüge erlaubt ist, oder wohl gar noch etwas Schlimmeres. Und ist einmal diese partielle Moral, wie sie kürzlich in einer Berliner Gemeindeschule naiv aus Kindermunde ausgesprochen wurde, erst in das sittliche Bewußtsein der Massen übergangen, dann wird es nicht schwer sein, gelegentlich auch einmal den Begriff „Jude" zu erweitern. Dann ist bald jeder reiche Mann, oder jeder, der aus irgend einem Grunde mißfällt, ein Jude, gegen den mancher an und für sich bedenkliche Schritt erlaubt erscheint. Die Leser gewisser antisemitischer Zeitungen sind ja an diese Begriffserweiterung schon jetzt gewöhnt. Für sie sind jetzt nicht nur alle Freisinnigen, sondern auch Männer wie die Minister Miquel, Schelltng und Caprivi Juden im weiteren Sinne des Wortes. Wir wollen nicht übertreiben. Es ist gewiß nur der kleinere Theil des Volkes, in welchem diese moralische Verwirrung etnzureißen droht. Aber die Gefahr ist groß genug, um die Aufmerksamkeit aller politischen Faktoren auf sich zu lenken. Wie diese vom Antisemitismus ergriffenen Schichten des Volkes der Verführung durch eine wähl- und skrupellose Agitation leicht zugänglich waren, so werden sie sich auch einer Belehrung und Aufklärung durch die berufenen und einflußreichen Organe des öffentlichen Lebens nicht entziehen. Der Moment ist gekommen, in dem die antisemitische Bewegung ernsthaft nicht nur in den Kreis der politischen Betrachtung. sondern auch der politischen Aktion gezogen werden muß. Nicht zum Schutze einer bedrängten Minderheit, sondern im Interesse der Volksmoral muß durch alle Instanzen des öffentlichen Lebens die Entscheidung getroffen werden über die Frage: Soll die antisemitische Bewegung sich in Ahlwardt-' fchem Fahrwasser weiter entwickeln? Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Diersburg, 16. Mai. Gestern versammelten sich die isr. Reltgiosschullehrer und Vorsänger Badens in jedem Rabbinatsbezirke zu Spezialberathungen zusammen, um endlich einmal auch diesem Stande eine bessere, sichere Stellung und möglichste Unabhängigkeit von den einzelnen Gemekndemitgliedern zu verschaffen. Die Hauptpunkte der Berathung waren: 1) Die Gehalte der Religionsschullehrer und Vorsänger sollen aus einer Centralkasse bezahlt werden. 2) Das Mindestgehalt eines Religionsschullehrers und Vorsängers soll 800 Mk. betragen mit feststehenden Alterszulagen. 3) Zur Aufbringung dieser Bedürfnisse sollen die laufenden Steuerkapitalien der Israeliten herangezogen werden. In jeder Spezialversammlung wurden einige Delegirte gewählt, die der am Sonntag, den 22. Mai in Karlsruhe stattfindenden Hauptversammlung beiwohnen werden. Es soll womöglich noch in dieser Session dem Landtage Vorlage gemacht werden. Hoffentlich wird auch diesem Stande einmal die Stunde der Unabhängigkeit schlagen l D. M. M. Dürkheim «. d. Hardt. Hier wurde dieser Tage der im Greisenalter verstorbene Jakob Tillmann zu Grabe getragen. Fast ein halbes

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