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Der Israelit · 1892-05-19 · Heft 40 (19.5.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 40 (19.5.1892)
Date
1892-05-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXU1 Jahrgang. Erste gelinge zu M 40 des „Israelit". Leitender Artikel. Reinliche Scheidung. Unter diesem Titel bringt das „Berl. Tageblatt" den folgenden, offenbar aus nichtjüdischer Feder stammenden, sehr bemerkenswerthen Artikel. Die Entscheidungen, welche sich seit einiger Zeit innerhalb der konservativen Fraktion des Abgeordnetenhauses vorbereiten, werden wahrscheinlich nicht nur ein parteipolitisches Interesse erregen. Wenn es der konservativen Partei gelingen sollte, eine eindeutige Stellung zu der sogenannten Judenfrage zu gewinnen und programmmäßig zu fixiren, so wird dieser Klärungsprozeß sich in unferein politischen Leben als nützlich erweisen, wie auch immer die Entschließung der Fraktionsmehrheit ausfallen mag. Vielleicht wäre es ganz heilsam, wenn das Vorgehen dieser konservativen Herren vorbildlich würde und auch andere politische Faktoren zu einer bestimmten und klaren Stellungnahme anregte. Unter den parlamentarischen Parteien ist es vor Allem das Centrum, dessen Verhältniß zur antisemitischen Bewegung nicht immer durchsichtig und verständlich hervortritt. Und was nun vollends die Haltung der Regierung selbst betrifft, so hat es jüngst die Preßfehde zwischen Stöcker und dem Fürsten Bismarck gezeigt, wie auf diesem Gebiete eine Politik des Iai886r fair« selbst von den Nächstbetheiligten so verschiedenartig gedeutet werden kann. Es entsteht natürlich die Frage, ob man dem Antisemitismus nicht eine unverdiente Bedeutung beimißt, oder gar erst verschafft, wenn man ihm eine so große Beachtung schenkt. Die Frage ist seit einem Jahrzehnt vielfach in der Presse erörtert worden, aber selten unter dem Gesichtspunkte, von welchem allein man die antisemitische Bewegung, besonders in ihrem neueren Stadium, nach Gebühr würdigen kann. Nicht deßwegen nämlich sollten alle politischen Faktoren sich ernsthaft und eindringlich mit der Judenfrage befassen, weil die antisemitische Agitation gegen die verfassungsmäßigen Rechte, gegen die bürgerliche Ehre und den Patriotismus unserer jüdischen Mitbürger ihre verwegenen Angriffe richtet. Die größere Gefahr droht von den verhängnißvollen Einflüssen, welche die rücksichtslose Kampfesweise der Antisemiten auf die Erziehung der deutschen Volksseele zu üben scheint. Es mag paradox klingen, aber es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen: Weit mehr als das Judenthum ist das christliche Deutschthum durch den Antisemitismus bedroht und gefährdet. Mit der Sozialdemokratie hat es der Antisemitismus gemein, daß seine letzten Ziele, mögen sie nun erstrebenswerth sein oder nicht, sich jedenfalls in Wirklichkeit niemals erreichen lassen. Deßwegen pflegen auch die antisemitischen Führer, gerade so, wie die sozialdemokratischen, abgesehen von den frondirenden Heißspornen, sich über diese letzten Ziele am liebsten in Schweigen zu hüllen. Eine Austreibung der Juden aus Deutschland, oder nur eine Revision der Verfassung, die zur Aufhebung der bürgerlichen Gleichheit führen könnte, ist eben eine Utopie. Und gerade, wenn die übertriebenen Behauptungen der Antisemiten begründet wären, wenn das emancipirte Judenthum in diesen wenigen Jahrzehnten eine tiefeingreifende Bedeutung in unserem öffentlichen Leben erlangt hätte, gerade dann ließen sich jene extremen Forderungen um so weniger erfüllen. Das Judenthum als solches hat also von der antisemitischen Bewegung gar keine ernsthafte Gefährdung seiner staatsbürgerlichen Existenz zu befürchten, selbst für den unwahrscheinlichen Fall, daß den Antisemiten einmal eine praktische Machtübung zu Gebote stände. Die einzelnen Juden freilich müssen die ganze ererbte Kraft des Martyriums aufbieten, um in dieser hetzerischen Bewegung nicht zu erliegen, um nicht verbittert zu werden oder gar Luft an ihrem Deutschthum zu verlieren. Die seelischen Kränkungen, welche die einzelnen Juden und gerade die besseren, durch die antisemitische Agitation erleiden, die unbegründeten Vorwürfe und Anschuldigungen, denen sie ausgesetzt sind, sie müssen — sofern sie nicht in ihrer Uebertreibung lächerlich wirken — das Mitgefühl eines jeden humanen Bürgers erregen. Aber zu politischen Maßnahmen in großem Stil bietet der Antisemitismus, unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, durchaus keine Veranlassung. Weit bedenklicher aber erscheint die antisemitische Bewegung, wenn man auf ihre sittlichen Wirkungen im deutschen Volksleben achtet. Daß der Antisemitismus — auch in diesem Punkte der Sozialdemokratie vergleichbar — vor Allem die materielle Begehrlichkeit der Massen weckt, und in dem Gemüth des schlichten Mannes den Neid und die Unzufriedenheit erregt, das ist noch seine geringste Sünde. Viel schwerer schon fällt ihm zur Last, daß er das Volk verführt, die Grundlehren des Christenthums zu mißdeuten und zu mißachten, den Menschenbaß statt der Nächstenliebe zu hegen und zu pflegen. Das schlimmste Verbrechen aber begeht der Antisemitismus durch die Frivolität seiner KampseSweise, indem er die Lüge als erlaubtes Kampf-

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