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Der Israelit · 1892-05-19 · Heft 40 (19.5.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 40 (19.5.1892)
Date
1892-05-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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747 schwärmte, wie Puschkin, der im Hemde spazieren ging und sich erschießen ließ, wie Feodor Michailowitsch Dostoijewsky, der nicht eher ruhte, bis man ihn nach Sibirien verbannte und ihn lebendig in einem Todtenhause begrub*) und der schließlich als Wahnsinniger starb; nur die ganz gemeinen, prosaischen, alltäglichen Menschen haben gesunde Sinne. Wer einen großen Geist hat ist verrückt, oder wird doch wenigstens von der urtheilslosen Menge für verrückt gehalten. Und wenn ich verrückt bin, so soll die Welt meinen Verrücktheiten dienen, so bin ich stark genug, sie nicht allein meinen Launen, nein, auch den Launen meines Wahnsinns zu unterwerfen. Die sogenannten Vernünftigen sollen tanzen, wie ein Verrückter pfeift, ich reise in die Provinztalstadt, ich bemächtige mich des Mädchens und kehre so schnell als möglich hierher zurück. Kann ich doch auch nicht anders, da ich bereits dem Minister des Innern geschrieben habe!" Iwan sah nach der Uhr, es war noch eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Gleichgiltig griff er nach einem Zeitungsblatte, um sich bis zur Stunde der Abfahrt zu zerstreuen und zu unterhalten. „Politik," sagte er wegwerfend, „so viel Politik als ich brauche, mache ich mir selbst", setzte er mit trivialem Witze hinzu. Er schlug das Feuilleton auf. Hier stand der Abdruck eines Artikels von Kraft-Ebing, „Irrsinn und Erziehung" betitelt. Mit großem Interesse blickte Iwan näher hinzu, für Berichte aus dieser Sphäre hatte er sich von jeher sehr interesstrt. Und Iwan las: „Fragen wir uns, nach welcher Richtung speciell die Erziehungsfehler Prädispositionen zum Irrsinn schaffen, so sind dies namentlich drei Punkte: l) Eine allzustrenge Behandlung des zarten, überaus eindrucksfähigen kindlichen Gemüthes, das so sehr empfindungsweich und liebebedürftig ist. Waltet hier Härte oder gar Rohheit vor, so wird nicht nur die Entwickelung gemüthlicher Beziehungen im Keime vollständig zerstört, sondern zugleich der Grund zu einer schmerzlichen Betrachtung der Außenwelt, bis zum Haß gegen die Menschheit und das eigene Leben gelegt, es entstehet ein verschlossener liebebarer Character." „Das könnte bei mir zutreffen," flüsterte Iwan in sich hinein, „sonderbar, daß wir überall in der Welt unser eigenes Spiegelbild erblicken müssen." Er fuhr fort zu lesen: „Zweitens ist es eine allzu nachsichtige Erziehung, die nichts versagt, und so dem Eigensinn, ungezügelten Leidenschaften und Affekten, dem Mangel an Selbstbe- *) Anspielung ans Dostoijewsky's so benanntes Buch. herrfchung Vorschub leisten. Zuweilen gleicht die rauhe Schule des Lebens diesen Erziehungsdefekt aus, aber es geht da nicht ohne mächtige Erschütterungen ab, die für das seelische Gleichgewicht Vieler verhängnißvoll werden und unmittelbar zum Wahnsinn treiben." „Der Teufel hole diese Zeitungsschreiber!" schrie Iwan wüthend, „hat sich denn Alles gegen mich verschworen, muß es denn schon in den Zeitungen zu lesen sein, daß ich verrückt bin?! O, das haben meine Feinde gethan, wer weiß, der Fürst Gutesow mag diesen Artikel in das Blatt gesetzt haben, um mich hier unmöglich zu machen. Laßt sehen, vielleicht nennt der Schurke auch meinen Namen in dem Zeitungsgeschwätz", und Iwan fuhr fort zu lesen: „Die dritte und stärkste Ursache aber ist, wenn die Verhältnisse eine allzufrühe Weckung und Anstrengung der intellektuellen Kräfte auf Kosten der Ausbildung des GemütheS, der kindlichen Unbefangenheit verlangen. Das Kind wird aus seinem seligen Traumzustande gerissen und allzufrüh in den Kampf um's Dasein hineingestoßen. Diese Ursache macht sich doppelt geltend, wo glänzende, allerdings oft einseitige Begabung vorhanden ist. Nur selten wird aus solchen Kindern etwas Ordentliches, nur allzuhäufig verfallen sie dem Wahnsinn." Entsetzt sprang Iwan auf, zerknitterte das Zeitungsblatt mit den Händen, warf es zu Boden und trat mit den Füßen auf dasselbe. „Es ist nicht anders!" schrie er, „es ist ganz klar, der ganze Artikel bezieht sich nur auf mich, meine Feinde wollen mich lächerlich machen. Bet welchem Andern trifft es sonst zu, daß er als Kind sich unendlich nach Liebe sehnte und dabei eine harte, lieblose Behandlung erfahren mußte? Wem sonst blieb bei aller Rohheit der Erziehung niemals etwas versagt, was er ernstlich wollte? Wer anders mußte schon als kleiner Junge mächtig in den Kampf um's Dasein eingreifen, sich mit allen möglichen Tücken und Ränken zum Beherrscher seiner Umgebung ausschwingen? „O, dieser Kraft-Ebing! Er ist bestochen von meinen Feinden, ich aber werde mich auch an ihm rächen, wie an ihnen Allen, ausnahmslos. „Die Welt befindet sich mir gegenüber in einem Schuldverhältniß, ich wollte lieben und fand Niemanden, keinen einzigen Menschen, den ich lieben durfte. Jetzt endlich finde ich ein Mädchen, zu dem ich mich htngezogen fühle, zu dem ich in heißer, heftiger Liebe entbrannt bin. Ist sie nicht verpflichtet, mich wieder zu lieben? Ist sie nicht verpflichtet, die große Schuld, die die Welt mir gegenüber hat, zu lösen, und wenn sie das nicht thut,

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